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16.05.10 / 00:15
Heft 10/2010 Medizin
Zufallsbefund

Gerstenkorn: ein übler Mitgenosse

Selbstverständlich für jeden Zahnarzt sollte die Blickdiagnose im Gesicht seines Patienten sein. Häufig diagnostiziert er – interdisziplinär ausgerichtet – als Erster die verschiedensten Krankheitsbilder. Er kann dann weitere Informationen erfragen und bei erhärtetem Verdacht den Patienten in die richtigen Hände überweisen. Hier ein fast alltägliches Bild aus der Ophthalmologie.



Typischer klinischer Aspekt eines Gerstenkorns Foto: Daniel Kook, FEBO

Symptome und Klinik

Ein 43-jähriger Patient kommt in die Sprechstunde zu einer Routinekontrolle und klagt nebenbefundlich über seit einigen Tagen zunehmende Schmerzen, ein Druckgefühl und eine Rötung in seinem linken Oberlid. Sein Sehvermögen auf diesem Auge ist nicht beeinträchtigt. Auf Nachfragen berichtet der Patient, vor etwa einer Woche einen grippalen Infekt gehabt zu haben. Bei genauerer Inspektion und Palpation imponiert eine berührungsempfindliche Schwellung im Bereich des medialen Oberlides mit beginnender Abszedierung an der inneren Lidkante (Abbildung). Die angrenzenden Lidstrukturen sowie Bindehaut und Hornhaut sind, soweit mit bloßem Auge beurteilbar, reizfrei. Auch der Zahnarzt stellt die richtige Blickdiagnose einer akuten Infektion einer Talgdrüse des Lides – eines „Hordeolums“, im Volksmund auch Gerstenkorn genannt.

Cave: Bei untypischer Klinik, Blutung, Ulzeration oder fehlenden Wimpern (sogenannter „Madarosis“) im Bereich des betroffenen Lides oder bei begleitender Lymphknotenschwellung präaurikulär oder submandibulär ist eine Überweisung zum Augenarzt obligat. Differentialdiagnostisch sollte gerade bei älteren Patienten und einem persistierenden, therapieresistenten „Hordeolum“ ein Lidmalignom sicher ausgeschlossen werden. Insbesondere das noduläre Basaliom und das Talgdrüsenkarzinom können gelegentlich klinisch fälschlicherweise als Hordeolum längere Zeit verkannt werden.

Therapie

Einer lokale antiseptische Therapie mit zum Beispiel 5-prozentigem Bibrocathol fünfmal täglich (wie Posiform-Augensalbe) für ein bis zwei Wochen kann sinnvoll sein. Alternativ kann für den gleichen Zeitraum auch ein lokales Antibiotikum in Salbenform appliziert werden. Warme Kompressen oder eine Therapie mit Rotlicht dreimal täglich für etwa 15 Minuten können den Heilungsverlauf beschleunigen im Sinne einer Rückbildung oder einer rascheren Abszedierung. Kontaktlinsen sollten wegen der Gefahr einer zusätzlichen Infektion der Hornhaut bis zur vollständigen Rückbildung des Hordeolums nicht getragen werden. Eine chirurgische Inzision im Akutstadium ist aufgrund einer Gefahr der Entwicklung einer präseptalen Cellulitits/Lidphlegmone oder sogar einer Orbitaphlegmone kontraindiziert. Entsprechend sollte auch auf gar keinen Fall versucht werden ein Hordeolum manuell „auszudrücken“. Nur im Falle des Vorliegens eines maturen, bereits scharf abgegrenzten Abszesses kann chirurgisch versucht werden, diesen Abszess zu drainieren im Sinne von „ubi pus, ibi evacua“.

Krankheitsverlauf

Im Verlauf kommt es häufig zu einem spontanen Entleeren des Lidabszesses und in der Mehrzahl der Fälle heilt ein Hordeolum mit und auch ohne medikamentöse Therapie nach etwa zwei bis vier Wochen folgenlos aus. Eine chirurgische Kürettage kann dann erforderlich werden, wenn nach der akuten Infektion ein störendes Restknötchen persistiert, das sich über einen Zeitraum von etwa einem Jahr nicht von selbst zurückbildet. Bei ausgeprägter Klinik und häufigen Rezidiven sollten prädisponierende dermatologische Begleiterkrankungen, wie seborrhoische Dermatose oder Rosazea oder auch immunsuppressive Erkrankungen wie beispielsweise ein Diabetes mellitus, durch den Hausarzt ausgeschlossen werden.

Hordeolum und zahnärztliche Behandlung

Ein gewöhnliches Hordeolum stellt keine Kontraindikation für eine zahnmedizinische Behandlung dar. Im Falle einer Spontanentleerung sollte jedoch der mikrobiologischen Genese (meist Staphylokokken) Rechnung getragen werden und dieses Wundsekret mit dem oralen Behandlungsbereich nicht in Kontakt kommen.

Dr. med. Daniel Kook
Prof. Dr. med. Christoph Hintschich
Augenklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München
Abteilung für plastische und rekonstruktive Chirurgie
Mathildenstr. 8
80336 München
christoph.hintschich@med.uni-muenchen.de
daniel.kook@med.uni-muenchen.de



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