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16.05.09 / 00:15
Heft 10/2009 Gesellschaft
Ausstellung in Basel

Geschichte einer Krankheit

Syphilis ist in Europa seit mehr als 500 Jahren bekannt. Die Erforschung der Geschlechtskrankheit hat Medizingeschichte geschrieben. Wie anschaulich der Umgang mit der „Lustseuche” auch den Wandel gesellschaftlicher Vorstellungen von Moral und Sexualität widerspiegelt, zeigt eine Ausstellung im Pharmazie-Historischen Museum Basel.




Allein das aus dem Mittelalter stammende Museumsgebäude ist einen Besuch wert. Erasmus von Rotterdam lebte von 1514 bis 1516 in dem hübschen Fachwerkhaus, später außerdem Hans Holbein und Paracelsus. Am hinteren Ende des mit Kopfsteinen gepflasterten Innenhofs liegt, leicht erhöht, der Apothekergarten des Museums, im Brunnen darunter schlummern ein paar Goldfische. Geht man durch die Tür, die links ab vom Hof zu den drei Ausstellungsräumen führt, taucht man ein in die Jahrhunderte alte, turbulente Geschichte der Syphilis.

Geschichte einer Epidemie

Im Eingangsbereich werden in Wort und Bild die vier Stadien der Syphilis beschrieben – vor dem Hintergrund der seit Ende der 1990er-Jahre wieder ansteigenden Infektionszahlen gewinnt diese Dimension an Aktualität. In der Öffentlichkeit ist die Krankheit jedoch kaum ein Thema. Dazu Flavio Häner, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums und maßgeblich an der Konzeption der Ausstellung beteiligt: „Während der Vorbereitung bin ich oft gefragt worden: ‚Syphilis? Die gibt’s noch?’“ Ohne Zweifel: Nach Angaben der WHO erkranken jährlich zirka zwölf Millionen Menschen an Syphilis, in Deutschland sind es laut Robert Koch-Institut 3 000 bis 4 000 Menschen. Dennoch, den Machern der Ausstellung geht es nicht in erster Linie um das Thema Prävention. „Im Vordergrund steht der kulturhistorische Aspekt der Syphilis, vor allem ihr Einfluss auf die Gesellschaft“, erklärt Museumsleiter Michael Kessler. „Dazu haben wir einen Rundgang entworfen, der durchaus plakativ ist. Wir wollen, dass die Besucher Bilder mit nach Hause nehmen können.“

Das erste historische Exponat löst dieses Versprechen sofort ein. Mit Zinnsoldaten nachgestellt ist die Schlacht zu sehen, die als Startpunkt für die Verbreitung der Syphilis in Europa gilt. „Es beginnt mit einem Paukenschlag“, erklärt Kessler die Szene. „Mit der Schlacht um Neapel im Jahr 1494.“ Damals führte Karl VIII., König von Frankreich, sein Söldnerheer in den Kampf gegen eine Allianz aus Italienern und Spaniern, um seine Erbansprüche auf das Königreich Neapel durchzusetzen. Feldärzte berichteten, dass unter den Soldaten beider Heere bald eine bis dahin unbekannte, schmerzhafte Krankheit ausbrach, die den Körper mit Pusteln überzog. Dass sich die Krankheit so schnell unter den Männern ausbreitete, überrascht vor dem Hintergrund heutiger Erkenntnisse nicht: Alle Soldaten besuchten die gleichen Bordelle – wie am Rande der nachgestellten Schlacht ebenfalls zu sehen ist. Der Zusammenhang zwischen ungeschütztem Sex und Ansteckung war damals jedoch noch unbekannt. Mit der Entlassung der schweizerischen, deutschen und holländischen Söldner im Jahr 1495 verbreitete sich die neue Krankheit wie ein Lauffeuer in ganz Europa. Die Bezeichnung der Krankheit fiel dementsprechend international aus. In Polen nannte man sie die Deutsche Krankheit, in den Niederlanden die Spanische, und in Deutschland, England, Italien und Spanien die Franzosenkrankheit. „Es ist interessant zu sehen, auf wie viele Arten über die Krankheit gesprochen wurde“, bemerkt Flavio Häner. „Als sogenannte “Franzosenkrankheit” drückte sie politische Realitäten aus, es gab aber auch moralische und wissenschaftliche Ansätze.“

Gott und die Planeten

Unter vielen Ärzten und Gelehrten verbreitete sich schnell die Meinung, es handle sich bei der meist tödlich verlaufenden Krankheit um eine Strafe Gottes. Andere argumentierten astrologisch – eine ungünstige Planetenkonstellation habe die Krankheit verursacht. So befanden sich die Planeten Jupiter und Saturn vor dem ersten Ausbruch in einer Konjunktion. In der damaligen Überzeugung führte das zur Entstehung „übler Dämpfe“ und in der Folge zu Krankheiten. Auch dass die Syphilis die Geschlechtsorgane befiel, ließ sich damit erklären: Die Konjunktion ereignete sich im Sternzeichen Skorpion, Repräsentant der Genitalien.

Im Jahr 1496 veröffentlicht der Augsburger Humanist Joseph Grünpeck das erste Buch über die Syphilis. Titel: „Traktat über die Böse Franzos“. Die Abhandlung zieht die Möglichkeit der sexuellen Übertragung in Betracht, Einigkeit herrschte darüber jedoch nicht. Für Unsicherheit sorgte zum Beispiel, dass sich auch Geistliche von Papst bis Nonne mit der Krankheit ansteckten. Um den Glauben an deren Enthaltsamkeit aufrechtzuerhalten, wurde eine Sonderregelung gefunden: „Bei den meisten Menschen entsteht die Syphilis durch einen unreinen Beischlaf, nur bei den Geistlichen durch den Einfluss der Gestirne oder verderbter Luft“, schrieb der spanische Arzt Juan Almenar im 15. Jahrhundert.

Ende des 16. Jahrhunderts hatte sich die Erkenntnis der sexuellen Übertragung jedoch durchgesetzt. Ab diesem Zeitpunkt wurde die Syphilis moralisiert – sie wurde zur „Lustseuche“, die Betroffenen zu Sündern. Adlige verbargen Pusteln und Narben unter Puder und Perücken. Manche brüsteten sich aber auch mit ihnen. Giacomo Casanova etwa hielt es wie folgt mit der Syphilis: „Die Krankheit (...) verringert das Leben nicht für jene, die wissen, wie man sich heilen kann; alles, was sie tut, ist Narben zu hinterlassen; aber wir können uns leicht mit dem Gedanken daran trösten, dass wir diese Narben in Lust erhalten haben, wie Soldaten, die entzückt sind über den Anblick ihrer Narben, die Zeichen ihrer Tugend und die Quelle ihres Ruhms.“

Über Methoden, „sich zu heilen“, brüteten Gelehrte, Quacksalber und Wissenschaftler mehrere Jahrhunderte – auch das zeigt die Ausstellung. Paracelsus bevorzugte die Quecksilbertherapie, ab dem 17. Jahrhundert sollten Kondome aus Leinen oder Darm vor einer Ansteckung schützen, das 19. Jahrhundert markiert den Siegeszug der Bakteriologie. Der Erreger der Syphilis, das Bakterium Treponema pallidum, wurde 1905 entdeckt. Im Jahr 1909 entdeckte Paul Ehrlich eine Arsenverbindung, mit der erstmals die Heilung der Syphilis möglich wurde. Er taufte das Medikament „Salvarsan“. Das Museum widmet dem deutschen Arzt und Wissenschaftler eine eigene Ecke, unter anderem ist dort seine Laborlupe zu sehen.

Ein ganzer Raum hingegen veranschaulicht, welche Unterschiede bei der Behandlung der Syphiliserkrankten gemacht wurden. Er ist einem Behandlungszimmer für Prostituierte nachempfunden. Die Frauen waren gesellschaftlich geächtet, wurden manchmal sogar als medizinische Versuchspersonen missbraucht. Die Untersuchungszimmer bewegten sich laut Museums-Chef Kessler irgendwo zwischen Spital, Lager und Gefängnis. Besonders hier geht das Konzept der Basler Ausstellung auf, eine Brücke zwischen den Polen Moral und Medizin zu schlagen.

Susanne Theisen
Freie Journalistin in Köln
SusanneTheisen@gmx.net

INFO

Die Ausstellung „Lust, Leid & Wissen – Eine Geschichte der Syphilis und ihrer Therapie“ läuft noch bis zum 31. Juli 2009.

Öffnungszeiten
Dienstag bis Freitag 10 bis18 Uhr Samstag 10 bis 17 Uhr Sonntags, montags und an Feiertagen geschlossen

Adresse
Pharmazie-Historisches Museum Basel (Nähe Rathaus) Totengässlein 3 CH-4051 Basel +41 (0) 61 264 91 11 www.pharmaziemuseum.ch



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