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01.12.08 / 00:08
Heft 23/2008 Zahnmedizin
Jubiläumstagung in Halle

Geschichte in der Gegenwart beweisen

Das 60-jährige Bestehen der Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie die Tatsache, dass seit nunmehr 125 Jahren in Halle Zahnmedizin als Studienfach gelehrt wird, waren Anlass für eine „Jubiläumstagung“, zu der am 11. Oktober 2008 rund 300 Zahnärzte kamen.




Zur Tagung in Halle gab es eine interessante und anregende Symbiose von Rück- und Ausblicken in historischen und fachlichen Vorträgen. Diese wurden der von Magnifizenz Prof. Dr. Wulf Diepenbrock, Rektor der Universität, formulierten Devise gerecht: „Geschichte allein macht es nicht; man muss sich in der Gegenwart beweisen!“

An freundlichen Worten fehlte es in den Grußworten nicht. So lobte die Landes-Gesundheitsministerin Dr. Gerlinde Kuppe die Universitätszahnklinik als „klein, aber fein“ und zeigte sich zufrieden, dass mit ihr das Land den Nachwuchs für die zahnärztliche Versorgung der Bürger im Wesentlichen aus eigener Kraft sichern könne. Der Rektor bekräftigte, dass die Universität auf die Ausbildung von Zahnmedizinern auch künftig nicht verzichten wolle, und Studiendekan Prof. Dr. Rainer Finke würdigte den anerkannt sehr guten Status, den diese Ausbildung habe. DGZMK-Präsident Prof. Dr. Thomas Hoffmann mahnte, sich nicht unablässig von einem vermeintlichen Paradigmenwechsel in den nächsten treiben zu lassen, sondern sich auf die gesicherten Grundlagen und Ziele des Faches zu besinnen und neue Entwicklungen kritisch zu prüfen; auch dazu seien Universitäten und Fachgesellschaften wichtig.

Vom Barbier zum Akademiker

Der zum Zeitpunkt der Tagung noch amtierende BZÄK-Präsident Dr. Dr. Jürgen Weitkamp verwies auf die Entwicklung, die der Berufsstand der Zahnärzte genommen hat – vom Barbier und Zahnreißer des Mittelalters zum Akademiker, dessen Approbation ihm die Verantwortung und das Privileg verleihe, freiberuflich die Zahnheilkunde auszuüben; damit müsse man sorgfältig umgehen. Es sei dringlich, sich jetzt auf die neue Approbationsordnung, für die die Zahnärzteschaft einen konsentierten Entwurf vorgelegt habe, zu einigen, um dem Ruf nach einer „Bologna-Struktur“ des Studiums zuvorzukommen: „Wir können alles gebrauchen, nur nicht einen Bachelor als berufsfähigen Abschluss.“ Dessen Ausbildungsumfang bezeichnete er als „Barfuß-Zahnmedizin“, vor der man die Patienten schützen müsse. Im Gegensatz dazu sehe der Entwurf der Approbationsordnung vor, mit den ersten vier Studiensemestern, die identisch mit der Ausbildung von Ärzten ablaufen sollen, die medizinische Kompetenz des Zahnarztes weiter zu stärken.

Dr. Frank Dreihaupt, Präsident der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt, würdigte die Leistungen der wissenschaftlichen Gesellschaft auf dem Gebiet der praxisnahen Fortbildung der Zahnärzte. Er äußerte sich erfreut, dass nach anfänglicher Zurückhaltung, die in der Omnipräsenz des Staates zu DDR-Zeiten begründet gewesen sei, die Gesellschaft und die Zahnärztekammer seit 1999 ihre Möglichkeiten bündeln und unter anderem gemeinsam den erfolgreichen Zahnärztetag Sachsen-Anhalt ausrichten, der alljährlich Auftakt des Fortbildungsjahres ist. Auch mit der Universitätszahnklinik pflege die Zahnärztekammer eine gegenseitig fruchtbringende Zusammenarbeit, die es fortzusetzen gelte.

Das Vortragsprogramm, von dem Vorsitzenden der Gesellschaft für ZMK, Prof. Dr. Hans-Günter Schaller, konzipiert, der auch die wissenschaftliche Tagungsleitung inne hatte, begann mit einem Überblick über die Geschichte der zahnmedizinischen Ausbildung in Halle. Prof. Dr. Detlef Schneider, Halle, begann bei Anton Hohl, der zu Beginn des Jahres 1868 der erste Privatdozent der Zahnheilkunde an der halleschen Universität wurde. Er fuhr fort mit Ludwig Hollaender, der seit 1873, Hohl nachfolgend, Zahnheilkundevorlesungen für Medizinstudenten hielt und der Universität 1880 ein fundiertes, zweijähriges Programm für ein reguläres Zahnmedizinstudium vorlegte und es praktizierte. Die Universität stellte ihm dafür im Jahr 1883 Räume zur Verfügung. Zum ersten Ordinarius für Zahnheilkunde wurde jedoch erst 1921 Hans Körner ernannt. 1936 endlich konnte die Zahnklinik ein angemessenes Domizil beziehen, aber ihr Niedergang unter dem politischen Einfluss der NSDAP und während des Zweiten Weltkrieges war umso drastischer. Ab 1946 lag der Aufbau einer neuen Klinik in den Händen von Prof. Erwin Reichenbach, der nicht nur als Polyhistor der Zahnheilkunde galt, sondern auch das nötige Organisationstalent und die Durchsetzungskraft besaß, um alle Fachgebiete der Zahnmedizin, einschließlich einer stationären chirurgischen Abteilung, ab 1960 auch die erste Poliklinik für Kinderzahnheilkunde, in Halle zu etablieren. 1962 wurde Reichenbach aus politischen Gründen (er hatte an wissenschaftlichem Austausch auch mit westdeutschen Universitäten festgehalten) vorzeitig emeritiert. Unter den Klinikdirektoren, die in den darauffolgenden Jahren bemüht waren, Forschung, Lehre und Patientenversorgung möglichst unbeeinflusst von ideologischen Zwängen zu ermöglichen, hob Prof. Schneider besonders Prof. Dr. Fritz Taege hervor, der bis zur Emeritierung 1992 insgesamt 14 Jahre lang die Geschicke der Klinik lenkte. Nach 1990 bis in die Gegenwart konnten vor allem in der technischen und räumlichen Modernisierung und in der Erweiterung der aus allen Nähten platzenden Zahnklinik Fortschritte erreicht werden.

Sechs Jahrzehnte

Prof. Dr. Sigurd Schulz, Halle, erinnerte an die zurückliegenden sechs Jahrzehnte der wissenschaftlichen Gesellschaft, deren Vorsitzender er zwölf Jahre lang war. Vom regen gesamtdeutschen wissenschaftlichen Disput und Austausch auf hohem Niveau in den Jahren unter reichenbachscher Führung bis 1961 über Jahre der zunehmenden Einengung und Reglementierung bis zur erzwungenen Teilung der anfangs für ganz Sachsen-Anhalt gegründeten Gesellschaft in zwei Gesellschaften im Jahr 1983, die immer mehr zentralistischen Vorgaben unterworfen waren, bis zur schnellen „Wiedervereinigung“ Anfang 1991 und der folgenden Konsolidierung schlug er den Bogen. Kooperation mit der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt, assoziierte Mitgliedschaft in der DGZMK und Zustrom neuer, vor allem junger Mitglieder in die Gesellschaft waren wichtige Pluspunkte der jüngsten Vergangenheit. Prof. Dr. Dr. Robert Fuhrmann berichtete anschließend anhand von Zeitzeugen-Berichten über die Geschichte der Kieferorthopädie in Halle.

Im fachwissenschaftlichen Teil der Tagung beschrieben fünf Wissenschaftler die Entwicklung ihrer Fachgebiete und unternahmen eine Standortbestimmung. Prof. Dr. Thomas Hoffmann, Dresden, hob für das Fachgebiet der Parodontologie dabei unter anderem den Schritt von der einfachen Erfassung der PAR-Indizes zur analytischen Epidemiologie, die sich den Risikofaktoren und -indikatoren sowie den Wechselwirkungen mit systemischen Erkrankungen widmet, sowie das Wissen um die multifaktorielle Bedingtheit parodontologischer Erkrankungen hervor. Künftig sah er für Prophylaxe und Frühtherapie neue Möglichkeiten und zeigte sich überzeugt, dass die Kooperation von Zahnarzt und Internist, die sich heute schon andeutet, Alltag werden wird.

Meilensteine der konservativ-restaurativen Therapie sind für Prof. Dr. Dr. Hans-Jürgen Staehle, Heidelberg, unzweifelhaft die Etappen der Entwicklung von Kompositen seit 1962 bis in die 90er-Jahre zu festen, farbstabilen, polierbaren Füllungsmaterialien, die adhäsiv an der Zahnhartsubstanz befestigt werden. Sie öffneten den Weg zu substanzschonenden und ästhetisch ansprechenden Restaurationen.

Als „Revolution“ im Fachgebiet der Prothetik bezeichnete Prof. Dr. Karl-Ernst Dette, Halle, die CAD-CAM-Technologie in der Kronentherapie. Prof. Dr. Dr. Klaus Louis Gerlach, Magdeburg, stellte dem Auditorium den Weg der Kieferbruchtherapie vor. Als entscheidenden Fortschritt in der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie bezeichnete auch Prof. Dr. Dr. Johannes Schubert, Halle, die neuen Diagnose- und Therapieplanungsmittel von den Panoramix-Aufnahmen der 60er-Jahre bis zu CT, MRT und DVT der Gegenwart. „Highlight“ der Entwicklung sei zweifellos die wissenschaftlich begründete enossale Implantologie.

Sabine Fiedler
Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt
Große Diesdorfer Straße 162
39110 Magdeburg



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