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01.09.07 / 00:15
Heft 17/2007 Zahnmedizin
Ein zahnärztliches Frühpräventionskonzept

Gesundheitsfrühförderung in der Schwangerschaft

Die prä- und postnatale Betreuung und Beratung der Mütter im Sinne einer Gesundheitsfrühförderung hat das Potenzial, karies-, parodontitis-, und ernährungsbedingte Folgeerkrankungen erfolgreich zu minimieren. Die vorliegende Arbeit stellt ein Projekt vor, das interdisziplinär den Gesundheitszustand von Mutter und Kind erheblich verbessern konnte.




Die Mundgesundheit ist für die Entwicklung der Heranwachsenden von großer Bedeutung und ein starker Prädikator für eventuelle Zahnprobleme und damit verbundene lokale beziehungsweise allgemeine Folgen im Jugend- und Erwachsenenalter. Sie beeinflusst die Sprach- und Sprechweise, das psychische Wohlbefinden, sowie das Aussehen und die soziale Akzeptanz eines Kindes. Kariöse Zähne, verbunden mit Zahnschmerzen, können zu deutlichen Beeinträchtigungen des Kauvermögens führen, Zahn- und Kieferfehlstellungen zur Folge haben und nachteilige Auswirkungen auf die Gesundheit des Gesamtorganismus mit sich bringen [29].

Die Eltern spielen bei der Herausbildung gesundheitsrelevanter Verhaltensweisen der Kinder eine entscheidende Rolle. Die Mütter sind richtungweisend bei der Weitergabe von Gesundheitswissen in der Familie und konnten zudem noch als „Hauptverantwortliche“ bei der Übertragung kariogener Keime auf das Kind identifiziert werden [30, 32]. Dies bedeutet, dass sich das Kariesrisiko des Kindes umso mehr vergrößert, desto höher die Keimbelastung in der mütterlichen Mundhöhle ist. Deshalb ist es unerlässlich, gerade die Mütter über die Auswirkungen ihrer Mundgesundheit auf die ihres Kindes zu informieren. Nicht nur kariogene, sondern auch parodontalpathogene Keime sind übertragbar [1, 38, 50]. Neben der Aufklärung über die Keimübertragung und eine bewusste Ernährung sollten während der Schwangerschaft bei den Frauen eine Reduktion der oralpathogenen Keime und Entzündungsfreiheit in der Mundhöhle angestrebt werden. Dadurch wird das Übertragungsrisiko und die Besiedlung oralpathogener Keime in der kindlichen Mundhöhle verhindert beziehungsweise verzögert oder reduziert, wodurch die Kariesprävalenz deutlich gesenkt [17-23] und die Entwicklung entzündlicher Parodontalerkrankungen verzögert werden. Zahlreiche Studien belegen, dass eine intensive präventive Betreuung der Schwangeren im Sinne einer Gesundheitsfrühförderung (Primär-Primär- Prophylaxe) ganz entscheidend zur Mundgesundheit des Kindes beiträgt [3, 9, 16, 18, 20, 22, 25, 27].

Zahlreiche Studien und systematische Übersichtsartikel haben einen Zusammenhang zwischen Parodontitis und einer Frühgeburt beziehungsweise Untergewicht gezeigt [8, 14,15, 28, 36, 42]. Offenbacher et al. berichteten in einer Studie, dass Frauen mit einer Frühgeburt oder untergewichtigen Kindern signifikant starke parodontale Erkrankungen vorwiesen [36]. Da es bei Kindern mit einem geringeren Geburtsgewicht zu erheblichen Folgeerkrankungen kommen kann, ist es besonders wichtig, den Parodontalzustand von Schwangeren sowie von Frauen mit Kinderwunsch zu überprüfen. Die Frauen müssen über das Risiko einer unbehandelten Parodontitis bezüglich einer möglichen Frühgeburt beziehungsweise Untergewicht aufgeklärt werden [24]. Des Weiteren sollte man nicht versäumen, sie über eine beschleunigte Progredienz einer bereits etablierten Parodontitis aufgrund der hormonellen Umstellung während der Schwangerschaft aufmerksam zu machen [24].

Weltweit gibt es bereits zahlreiche Projekte der allgemeinen Frühförderung während der Schwangerschaft. Zu den erfolgreichsten Programmen in den USA zählt das „Nurse Family Partnerschip“, welches bereits in den 80er-Jahren von Olds et al. konzipiert wurde [37]. Bei diesem Programm profitieren besonders Schwangere in schwierigen Lebenslagen und Mutter und Kind der bedürftigsten Familien. Trotz des personellen und finanziellen Aufwands dieses Projektes verdeutlichten Langzeitstudien, dass langfristig Folgekosten eingespart werden [37].

Weltweit gibt es bereits zahlreiche Projekte der allgemeinen Frühförderung während der Schwangerschaft. Zu den erfolgreichsten Programmen in den USA zählt das „Nurse Family Partnerschip“, welches bereits in den 80er-Jahren von Olds et al. konzipiert wurde [37]. Bei diesem Programm profitieren besonders Schwangere in schwierigen Lebenslagen und Mutter und Kind der bedürftigsten Familien. Trotz des personellen und finanziellen Aufwands dieses Projektes verdeutlichten Langzeitstudien, dass langfristig Folgekosten eingespart werden [37].

In der Zahnmedizin, im Sinne einer primärprimär- prophylaktischen Betreuung, wurde die „Pränatale Vorbeugung“ erstmals in Schweden etabliert. Seit 1978 wird dort erfolgreich die „zahnärztliche Gesundheitsfrühförderung“ Schwangerer durchgeführt [2-5]. Von 1979 bis 1991 sanken die Kariesinzidenz und -prävalenz um 75 bis 90 Prozent [5].

Anfang der 80er-Jahre erkannte man auch in Deutschland die Notwendigkeit einer zahnärztlichen Gesundheitsfrühförderung schwangerer Frauen [17]. Basierend auf diesen Erkenntnissen wurde ein Präventionskonzept für die Betreuung Schwangerer erarbeitet, welches dann Anfang der 90er-Jahre in Form einer Studie umgesetzt werden konnte [19-23, 27]. Diese Langzeitstudie sollte die Auswirkungen einer Gesundheitsfrühförderung während der Schwangerschaft auf die Mundgesundheit von Kleinkindern, Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen untersuchen [20, 22, 25, 27]. Die Studie wurde in fünf Abschnitte gegliedert und bereits pränatal begonnen (I. Schwangerschaft, II. Kleinkinder 0 bis 3 Jahre, III. Kinder 4 bis 6 Jahre, IV. Jugendliche 13 bis 14 Jahre, V. junge Erwachsene 18 bis 19 Jahre). Postnatal erfolgte sowohl bei den Müttern als auch bei den Kindern eine präventive Betreuung (siehe Tabelle 2). Bei den Müttern ebenso wie auch bei den Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen wurde eine signifikante Verbesserung der Mundgesundheit beobachtet. Bei den Müttern konnte sowohl eine Verringerung des durchschnittlichen API von 48,5 Prozent auf 24,7 Prozent als auch eine Reduktion der Mutans Streptokokken verzeichnet werden. Die untersuchten Kinder im Alter von drei Jahren zeigten alle ein kariesfreies Gebiss, während nur 81,5 Prozent der Kinder der Kontrollgruppe keine Karies aufwiesen. Bei den sechsjährigen Kindern im dritten Abschnitt der Studie (1997/98) lag zu 90 Prozent ein kariesfreies Gebiss vor. Bei der Kontrollgruppe waren es lediglich 62,5 Prozent. Ähnliche Tendenzen lassen sich bei dem vierten Abschnitt der Studie erkennen. Die vorläufigen, noch nicht publizierten Ergebnisse der untersuchten Jugendlichen der Studiengruppe [25] zeigen, dass bei 87,1 Prozent kariesfreie Gebisse vorliegen. Der mittlere DMF-T-Wert liegt bei 0,56 ± 0,99. Die Jugendlichen der Kontrollgruppe zeigen einen mittleren DMF-T-Wert von 1,53 ± 1,5, welcher statistisch signifikant höher als bei den Studienkindern ist (p<0,05). Die Ergebnisse dieser Langzeitstudie machen die Effizienz einer Gesundheitsfrühförderung während der Schwangerschaft in Bezug auf die Mundgesundheit von Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen mehr als deutlich.

In den Mutterschaftsrichtlinien des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen ist seit 1999 verankert, dass „der Arzt im letzten Drittel der Schwangerschaft bedarfsgerecht über die Bedeutung der Mundgesundheit für Mutter und Kind aufklären soll“ und unter anderem auch „auf den Zusammenhang zwischen Ernährung und Kariesrisiko hinzuweisen ist“. In einer aktuellen Untersuchung, welche eine Befragung von 602 schwangeren Frauen einschloss, konnte jedoch ermittelt werden, dass 86,9 Prozent der Befragten nicht über Zahn- und Mundgesundheit informiert worden sind. Jedoch würden 82,2 Prozent der Frauen gerne mehr Informationen darüber erhalten, wie sich ihr Gebisszustand auf die Zähne ihrer Kinder auswirken kann [41]. Eine weitere Untersuchung demonstrierte, dass sich mehr als ein Drittel (38 Prozent) der befragten Schwangeren zu wenig über mögliche Risiken und Prophylaxemöglichkeiten während der Schwangerschaft informiert fühlte [40]. Dies macht einerseits den hohen Aufklärungsbedarf, andererseits auch den enormen Wunsch schwangerer Frauen nach Aufklärung in Deutschland deutlich. Trotz gesetzlicher Verankerung findet aber offensichtlich eine Aufklärung Schwangerer bezüglich ihrer Zahn- und Mundgesundheit nicht statt [17, 19, 41], obwohl sich die Frauen in dieser Zeit in einer Phase hoher Motivierungssensibilität befinden [18-20, 40].

Naturgemäß löst nämlich die Schwangerschaft positive Emotionen aus, und der starke Wunsch, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen, geht mit der Bereitschaft zur Wissensaneignung und Verhaltensänderung zum Wohle des Kindes einher. Die Zahnmediziner allein können jedoch der Aufklärungsarbeit nicht gerecht werden, da viele Frauen während ihrer Schwangerschaft oftmals keinen Zahnarzt konsultieren [17, 40, 41]. Um die schwangeren Frauen über die Notwendigkeit einer zahnmedizinischen Frühförderung aufzuklären, ist es deshalb unerlässlich, dass verschiedene Berufsgruppen (Frauenärzte, Hebammen, Kinderärzte und Zahnärzte) interdisziplinär zusammenarbeiten.

Kariesprävalenz

Sowohl die DAJ-Studie aus dem Jahr 2004, als auch die vierte deutsche Mundgesundheitsstudie aus dem Jahr 2005 (DMS IV) zeigen zwar deutlich einen Kariesrückgang bei Kindern und Jugendlichen [35, 39], jedoch veranschaulicht die DAJ-Studie auch, dass bei den sechs- bis siebenjährigen Kindern keine signifikante Senkung der Prävalenz im Bereich der Milchzahnkaries zu verzeichnen war. In einigen Bundesländern stieg diese sogar wieder an. Die Ursachen liegen zum einen in der soziodemografischen Entwicklung (Zuzug von Familien mit Migrationshintergrund), im sozioökonomischen Status, der Bildung, mangelnder Aufklärung der Eltern, sowie in einer mangelnden Inanspruchnahme zahnärztlicher Leistungen [7, 11, 46].

Die frühkindliche Karies (early childhood caries, ECC) stellt ein ernsthaftes und ungelöstes Problem dar. In sozioökonomisch deprivierten Regionen erkrankten bis zu 90 Prozent der Kinder an dieser Kariesform. Die Prävalenzangaben liegen zwischen 3 Prozent und 45 Prozent. In Deutschland gibt es in Bezug auf die Mundgesundheit von Vorschulkindern regionale Unterschiede [11]. So hat sich beispielsweise dieMundgesundheit von Vorschulkindern in dem Bundesland Thüringen zwischen 2000 und 2004 kontinuierlich verschlechtert [48]. Der Anteil der kariesfreien Kinder betrug nur 45 Prozent, wohingegen bei 37 Prozent der untersuchten Kinder Behandlungsbedarf bestand. Der dmft-Wert lag bei 2,33. Als Ursachen für die zum Teil erheblichen Defizite in der Mundgesundheit werden die frühkindliche Karies und mangelnde Sanierungsleistungen angegeben [10]. Die Polarisierung der Karies macht den hohen Aufklärungsbedarf insbesondere bei Familien mit einem niedrigen Niveau bezüglich sozioökonomischer Verhältnisse, Bildung, Lebensstil und Gesundheitsverhalten anschaulich. Diese aktuelle Entwicklung verdeutlicht die Notwendigkeit und die Umsetzung eines zahnärztlichen Frühförderungskonzepts zur Vermeidung der frühkindlichen Karies speziell auch für diese Familien.

Das frühe Auftreten der Karies an den Milchzähnen wird wesentlich vom Zeitpunkt der Transmission von Mutans Streptokokken („window of infectivity“ – 19. bis 31. Lebensmonat) bestimmt [12]. Am effektivsten lässt sich eine frühkindliche Karies durch eine Verhinderung beziehungsweise Verzögerung der Keimübertragung und -besiedlung sowie durch Aufklärung, Ernährungsberatung und -lenkung der Eltern vermeiden. Um diese Ziele zu erreichen, muss eine zahnärztliche Frühförderung schon in der Schwangerschaft beginnen.

Zahnärztliche Prophylaxe in der Schwangerschaft

Aufbauend auf den Ergebnissen von Goepel (1985) [17], welche die Notwendigkeit einer Betreuung schwangerer Frauen im Sinne einer Gesundheitsfrühförderung aufzeigten, wurde in der Medizinischen Hochschule Hannover ein zahnärztliches Frühpräventionskonzept (Primär-Primär-Prophylaxe) für Schwangere entwickelt (Abbildung 1), welches erstmals Anfang der 90er- Jahre eingesetzt werden konnte. Langzeitstudien beweisen eindeutig die Effizienz dieses zähnärztlichen Frühpräventionskonzepts [20, 22, 23, 27]. Der Aufklärungsbedarf, aber auch der Aufklärungswunsch schwangerer Frauen über die Auswirkungen ihrer Mundgesundheit auf die ihres Kindes ist gemäß einer Studie von Rahman und Günay mit über 82,2 Prozent als groß einzuschätzen [41]. Die schon erwähnte negative Entwicklung in der Kariesprävalenz von Kleinkindern beziehungsweise Vorschulkindern macht außerdem einen dringenden Handlungsbedarf deutlich [10, 13, 48].

Zusammenfassend lassen sich die Maßnahmen des Frühpräventionskonzepts wie folgt beschreiben [19]:

• Bestimmung des individuellen Risikos (Keimbelastung)
• Reduktion oralpathogener Keime (Streptococcus mutans (MS), Actinobacillus actinomycetecomitans (Aa), Porphyromonas gingivalis (Pg)
• Sanierung der Mundhöhle der werdenden Mutter
• Veränderung des Ernährungsverhaltens
• Optimierung der Mundhygiene
• Aufklärung der Schwangeren über die Infektionswege

Um dieses umzusetzen werden während der Schwangerschaft zwei Untersuchungstermine empfohlen (Tabelle 1). Der erste Termin (S1) sollte im ersten Drittel der Schwangerschaft, jedoch spätestens in der 12. bis 16. Schwangerschaftswoche erfolgen. Im letzten Drittel, ungefähr zwischen der 28. bis 32. Schwangerschaftswoche, sollte sich der zweite Termin (S2) anschließen.

Um eine gezielte individuelle präventive Betreuung durchzuführen, muss zu Beginn der S1 eine umfassende Anamnese (Familienanamnese, allgemeine Anamnese) durchgeführt werden. Ziel der Familienanamnese ist die Feststellung der Motivierbarkeit, da ohne Mitarbeit der Schwangeren keine dauerhafte Verbesserung ihrer Mundgesundheit erreicht werden kann undsomit auch keine guten Voraussetzungen für die Mundgesundheit des Kindes geschaffen werden können. Die allgemeine Anamnese soll Aufschluss über möglicherweise bestehende allgemeinmedizinische Probleme, zum Beispiel Diabetes mellitus, geben, welche sich ebenfalls auf die Mundgesundheit problematisch auswirken könnten, damit der behandelnde Zahnarzt auch hier beraten oder intervenieren kann.

Der aktuelle Mundgesundheitszustand und ein eventuell nötiger Behandlungsbedarf der Schwangeren wird über ein Zahn-, Parodontal- und Schleimhautbefund beurteilt, worüber die Frauen eindringlich aufgeklärt werden. Durch die Anwendung von Plaque- und Entzündungsindizes (beispielsweise HI oder API und PBI) wird die Mundhygiene objektiv ermittelt und demonstriert. Um eine Hygienefähigkeit zu erreichen, kann gegebenenfalls anfangs eine Sanierung des Gebisses erforderlich sein. Zur Bestimmung des Kariesrisikos der Schwangeren können die Speichelparameter (Speichelfließrate, -pufferkapazität, -pHWert, semiquantitative Ermittlung der Keimzahlen im Speichel) und mikrobiologische Testverfahren (sogenannter Speicheltest) zur Anwendung kommen. Um das Übertragungsrisiko zu verringern, muss die Mundgesundheit der Mutter optimiert und somit ihre Keimbelastung (MS, Aa, Pg) minimiert werden. Eine eventuell notwendige Keimreduktion in der mütterlichen Mundhöhle kann, neben einer professionellen Zahnreinigung beziehungsweise eventuell einer antiinfektiösen Parodontaltherapie im Sinne einer „Gesamt-Mund-Therapie“ (full mouth therapie, FMT), unter Anwendung von antibakteriellen Spüllösungen, Gels oder Lacke (wie Chlorhexidin, CHX) erfolgen [24, 43]. Eine Studie hat deutlich gezeigt, dass sich bei der Anwendung eines Chlorhexidin-Fluorid Gels bei werdenden Müttern die MS Besiedelung so reduziert, dass sich das Kariesrisiko des Kleinkindes signifikant verringert [47]. Empfehlenswert ist zur Keimreduktion ebenfalls die Anwendung von xylithaltigen Kaugummis [45]. Gegen den unterstützenden Einsatz von CHX-Präparaten während der Schwangerschaft bestehen keine Bedenken. Um eine dauerhafte gesunde Veränderung der mütterlichen Mundflora zu erreichen, sollten neben der Reduktion oralpathogener Keime (SM, Aa, Pg) unter Anwendung von CHX-Präparaten, eine Sanierung aller offenen kariösen Läsionen, eine Änderung des Ernährungsverhaltens, eine Optimierung der häuslichen Mundhygiene sowie konsequente risikogesteuerte Kontrollen durchgeführt werden.

Bezüglich der Ursachen von Karies und Parodontalerkrankungen erhalten die Schwangeren eine ausführliche Aufklärung. Parodontale Infektionen müssen von Beginn der Schwangerschaft an behandelt und kontrolliert werden. Eine Kontrolle der parodontalen Infektionen kann zusätzlich zu subgingivalem Scaling und Wurzeloberflächenglättung im Sinne der Gesamtmundtherapie und den oben genannten Maßnahmen zur gezielten Änderung der mütterlichen Mundflora (Sanierung der offenen kariösen Läsionen, Optimierung der häuslichen Mundhygiene, Ernährungslenkung) durch eine engmaschige und risikogesteuerte Nachsorgetherapie erfolgen.

Zusätzlich findet eine intensive Ernährungsberatung und -lenkung statt. Neben Empfehlungen zu einer ausgewogenen Ernährung mit ausreichend Vitamin-, Mineral- und Ballaststoffzufuhr muss auf eine Reduzierung der Zuckerzufuhr, insbesondere der hoch kariogenen Saccharose, hingewirkt werden [3, 16, 49]. In diesem Zusammenhang sollte man die Aufmerksamkeit der Mütter auch auf die höhere Kariogenität von Milchfertigprodukten im Gegensatz zur Muttermilch mit geringerer Kariogenität lenken [44]. Gleichzeitig muss eine Aufklärung über den richtigen Einsatz von Saugerflaschen erfolgen, damit eine frühkindliche Karies im Sinne des „nursing bottle syndroms“ verhindert werden kann. Auch müssen die Schwangeren Informationen darüber erhalten, dass übermäßiges und langes Stillen zu einer frühkindlichen Karies führen kann. Die Saugerflaschen- und Stillphase muss, damit keine psychische „Flaschenabhängigkeit“ entsteht, bis zum neunten Lebensmonat beendet sein [51].

Im Rahmen der Ernährungsberatung sollte auch auf die Gefahren von Übergewicht und Adipositas und die damit verbundenen Risiken (wie Herzkreislauferkrankungen, Diabetes, Bluthochdruck) hingewiesen werden. Neben den schon bekannten Risiken haben neuere Untersuchungen ergeben, dass zwischen übergewichtigen beziehungsweise adipösen Kindern und der Mundgesundheit eine negative Relation besteht [26, 53]. So konnte in einer Studie von Willershausen et al. gezeigt werden, dass normalgewichtige Kinder im Vergleich zu übergewichtigen Kindern einen signifikant geringeren Kariesbefall sowohl im Milchgebiss als auch in der bleibenden Dentition aufweisen [53]. Moderne Prophylaxekonzepte sollten deshalb auch dringend Präventionsstrategien (Ernährungslenkung) zur Vermeidung oder Reduktion von Übergewicht beziehungsweise Adipositas insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit einbeziehen [53].

Als eine weitere wichtige präventive Maßnahme empfiehlt sich eine Fluoridierung der Zähne. Während einer Schwangerschaft sind die Zähne verstärkt dem Angriff von Säuren ausgesetzt. Durch das Erbrechen besonders in der Frühschwangerschaft und das veränderte Ernährungsverhalten mit Heißhunger auf Süßes oder Saures kommt es zu einer Verschiebung des pH-Wertes des Speichels und der Plaque (Säure-Plaque-Milieu) in den sauren Bereich. Pistorius et al. haben bestätigt, dass 60 Prozent der befragten Schwangeren regelmäßig Zwischenmahlzeiten zu sich nehmen [40]. Durch das saure Mundmilieu besteht erhöhtes Erosions- und Kariesrisiko. Deshalb sollte in der Schwangerschaft eine regelmäßige zusätzliche Fluoridierung stattfinden, um eine Demineralisation des Zahnschmelzes zu verhindern und eine Remineralisation zu fördern [52]. Bei ungenügender Mundhygiene führt außerdem der Konsum von Zwischenmahlzeiten zu einer erhöhten Plaqueakkumulation, was wiederum eine Gingivitis begünstigt.

Die Maßnahmen der S1 werden teilweise bei dem zweiten Zahnarztbesuch während der Schwangerschaft (S2) wiederholt. So erfolgen eine erneute Befundaufnahme, inklusive eventueller Sanierung und professioneller Zahnreinigung, die Bestimmung des Infektionsgrades der Schwangeren zur Feststellung des Übertragungsrisikos (Reduktion der Keimzahlen), sowie eine Remotivation und -instruktion in Bezug auf Mundhygienemaßnahmen und Ernährungsverhalten.

Eine weitere wichtige Aufgabe im Rahmen des Frühpräventionskonzepts liegt in der Aufklärung der Schwangeren, dass es sich bei Karies und Parodontitis um übertragbare Infektionserkrankungen handelt. Die Frauen müssen ausführlich über die möglichen Infektionswege informiert werden. Neuere Untersuchungen bestätigen, dass hier ein Informationsbedarf besteht [40, 41]. Fast die Hälfte der befragten Schwangeren (45,7 Prozent) sind nicht darüber informiert, dass sie selbst als Kariesüberträger auf ihre Kinder wirken können [41]. Nicht nur Mutans Streptokokken, sondern auch parodontalpathogene Keime, zum Beispiel Aa und Pg, werden von Mensch zu Mensch übertragen. So ist ebenfalls eine Übertragung dieser Parodontalpathogene vom jeweiligen parodontal erkrankten Elternteil auf das Kind möglich [1, 38, 50]. Die Etablierung parodontalpathogener Keime erfolgt im Wechselgebiss. Die Übertragung kariogener und parodontalpathogener Keime findet über den Austausch von Speichel (Schnuller, Kuss), Vorkosten, gemeinsamen Gebrauch von Zahnbürsten und Essbesteck statt [6, 16, 30, 33, 34, 47]. Diese Übertragungsmöglichkeiten sind nicht nur auf die Mutter beschränkt, sondern als Überträger der kariogenen und parodontalpathogenen Keime kommen neben den Familienangehörigen auch andere Kontaktpersonen in Frage [30]. In diesem Zusammenhang muss der Schwangeren nochmals verdeutlicht werden, dass ihre Mundgesundheit im direkten Zusammenhang mit der Mundgesundheit ihres Kindes steht und dass sich eine Minimierung beziehungsweise Verhinderung der Keimetablierung im Munde ihres Kindes nur durch eine Keimreduktion in ihrem eigenen Mund erreichen lässt. Außerdem ist ein solches Präventionskonzept gleichzeitig eine wirksame Prophylaxe der Schwangerschaftsgingivitis.

Natürlich sollte nicht versäumt werden, die werdende Mutter über die Möglichkeiten und Zeitpunkte der postnatalen präventiven Betreuung von Mutter und Kind (UZ und PS) zu informieren.

Postnatale preventive Betreuung

Die Gefahr der Kolonisation mit dem Hauptkarieskeim Streptococcus mutans in der kindlichen Mundhöhle beginnt, sowie die erste Ecke Zahnhartsubstanz durchbricht (zwischen dem 6. und 9. Lebensmonat), da diese kariogenen Keime für ihre Besiedlung die Zahnoberfläche als feste Struktur benötigen. Die seit 1. 7. 1999 gesetzlich verankerten zahnärztlichen Früherkennungsuntersuchungen (FU1 bis FU3) treten leider erst ab dem 30. Lebensmonat ein, obwohl wissenschaftliche Erkenntnisse belegen, dass eine Kolonisation deutlich früher stattfindet. Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, sollte der erste postnatale Termin schon beim Durchbruch der ersten Milchzähne erfolgen, also ungefähr ab dem sechsten Lebensmonat (LM) des Kindes. Analog zu den kinderärztlichen Frühuntersuchungen (U) wäre es empfehlenswert, zahnärztliche Untersuchungen (UZ) zur Vermeidung der frühkindlichen Karies an drei Terminen (UZ1 bis UZ3) im Sinne einer Primär-Prophylaxe stattfinden zu lassen [20]. Eine besonders intensive Betreuung muss zum Zeitpunkt der UZ2 und UZ3 erfolgen, denn das Hauptinfektionsfenster von Mutans Streptokokken liegt ungefähr in diesem Zeitraum [12]. Je früher eine Infektion erfolgt, desto mehr Karies (ECC) ist im frühkindlichen Alter, besonders im Alter von vier Jahren, zu erwarten [31]. Das kritische Alter liegt also zwischen dem 1. und 4. Lebensjahr.

Zeitgleich zu den zahnärztlichen Untersuchungen des Kindes wird die Untersuchung der Mutter (post gravitationem – PS1 bis PS3) (Abbildungen 2, 5, 6 und Tabelle 2) empfohlen [24]. Ab dem dritten Lebensjahr sollte das Kind in die gruppen- beziehungsweise individualprophylaktische Betreuung übergeben werden.

Schlussfolgerungen

Die prä- und postnatale Betreuung und Beratung der Mütter im Sinne einer Gesundheitsfrühförderung hat das Potenzial, karies-, parodontitis-, und ernährungsbedingte Folgeerkrankungen erfolgreich zu minimieren. Die Effizienz einer Gesundheitsfrühförderung während der Schwangerschaft in Bezug auf die Mundgesundheit von Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen konnte deutlich durch eine seit Anfang der 90er-Jahre laufende Langzeitstudie der Medizinischen Hochschule Hannover (Klinik für Zahnerhaltung, Parodontologie und präventive Zahnheilkunde) bestätigt werden. Zwar wird von einem allgemeinen Kariesrückgang bei Kindern und Jugendlichen berichtet, jedoch stagniert und teilweise steigt sogar die Inzidenz der frühkindlichen Karies (ECC) an. Um dem entgegenzuwirken, sollte eine zahnärztliche Frühförderung auf Schwangere ausgedehnt werden. Diese Forderung ist zwar gesetzlich seit Ende der 90er-Jahre in den Mutterschaftsrichtlinien verankert, wird aber offensichtlich nicht umgesetzt. Dies verdeutlicht die Notwendigkeit einer Kooperation zwischen mehreren Berufsgruppen (Frauenärzte, Hebammen, Kinderärzte, Zahnärzte) und die Verankerung der Vorsorgeuntersuchungen (S1 und S2) im Mutterpass sowie im Kinder-Untersuchungsheft (UZ1 bis UZ3). Nur so können durch optimale prä- und postnatale Betreuung, Beratung und gegebenenfalls Behandlung rechtzeitig die Grundlagen für eine gute „Mutter-Kind-Bindung“ gelegt und langfristig positiv auf die orale und allgemeine Gesundheit von Mutter und Kind und somit der gesamten Familie hingewirkt werden.

Zusammenfassung

Eine Risikoerkennung und -minimierung (Karies, Parodontitis, Keimübertragung) sowie eine intensive Ernährungsberatung und -lenkung der Schwangeren im Sinne einer Gesundheitsfrühförderung führen bei deren Kindern nachweislich zu einer Verbesserung der Mund- und allgemeinen Gesundheit. So werden durch eine adäquate zahnmedizinische Schwangerenbetreuung nicht nur das Kariesrisiko, sondern auch das Risiko einer Frühgeburt beziehungsweise von Untergewicht, und durch Beeinflussung der Ernährungsgewohnheiten sogar das Adipositasrisiko des Kindes gesenkt. Der Aufklärungsbedarf und -wunsch schwangerer Frauen bezüglich der Mundgesundheit ist sehr groß. Die Zahnärzte allein können jedoch der Aufklärungsarbeit nicht gerecht werden, da viele Frauen während ihrer Schwangerschaft oftmals keinen Zahnarzt konsultieren. Dem kann entgegengewirkt werden, wenn verschiedene betreuende Berufsgruppen (Frauenärzte, Hebammen, Kinderärzte, Zahnärzte) mitwirken. Nur so kann die werdende Mutter optimal informiert und, wenn nötig, behandelt werden. Diesbezüglich konnte nachweislich gezeigt werden, dass die prä- und postnatale Betreuung und Beratung der Mütter im Sinne einer Gesundheitsfrühförderung das Potenzial haben, sich langfristig positiv auf die orale und allgemeine Gesundheit von Mutter und Kind und somit der gesamten Familie auszuwirken.

Prof. Dr. Hüsamettin Günay
ZÄ Karen Meyer
Dr. Alexander Rahman
Medizinische Hochschule Hannover
Klinik für Zahnerhaltung, Parodontologie
und Präventive Zahnheilkunde
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover
Guenay.H@mh-hannover.de

INFO

Die Saugerflaschen- und Stillphase muss, damit keine psychische „Flaschenabhängigkeit“ entsteht, bis zum neunten Lebensmonat beendet sein.



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