zm-online
16.03.05 / 00:13
Heft 06/2005 Politik
Interview mit dem EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou

Gesundheitsschutz ist ein hohes Gut

Der neue Gesundheitskommissar der Europäischen Union Markos Kyprianou will die Gesundheitssysteme der EU-Mitgliedsstaaten und den Gesundheitszustand der EU-Bevölkerung schnell vorantreiben. Dazu hat er eine neue Healthcare-Agenda erstellt (siehe Kasten). Die zm sprachen mit ihm über seine politischen Ziele.




zm: Kommissar Kyprianou, welches sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen, denen sich die Gesundheitssysteme der Mitgliedstaaten in den nächstenJahren stellen müssen?

Kyprianou: Die Gesundheit der Bevölkerung in der Europäischen Union zu verbessern, ist eins der zentralen politischen Anliegen der EU, denn nur so können wir auchunsere soziale und ökonomische Zukunft verbessern. Mein Ziel ist es daher, alle Politikfelder der Mitgliedstaaten von der Notwendigkeit zu überzeugen, dass auch sie ihren Beitrag zu einem hohen Gesundheitsschutzniveau leisten müssen. Was das Öffentliche Gesundheitswesen betrifft, werde ich meine besondere Aufmerksamkeit auf den Kampf gegen Gesundheitsrisiken bei jungen Menschen richten, insbesondere durch Rauchen, Alkoholmissbrauch Fettleibigkeit oder die Zunahme von HIV und Aids in Europa. Darüber hinaus habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, die Kooperation zwischen den Gesundheitssystemen der Mitgliedstaaten verstärkt zu fördern und ich bin zuversichtlich, hier innerhalb der nächsten Jahre erste positive Ergebnisse zu erzielen.

zm: Inwieweit wird sich Ihrer Ansicht nach die Rolle der Freien Berufe, insbesondere die der Zahnärzte und Ärzte, in Europa in den nächsten Jahren verändern?

Kyprianou: Die Mobilität von Patienten sowie von Ärzten und Zahnärzten innerhalb der EU nimmt stetig zu. Dies wird sich zwangsläufig auf die Freien Berufe auswirken, wenngleich es derzeit noch schwierig ist, vorauszusagen, in welcher Form. Die Kommission arbeitet aber bereits eng mit den nationalen Gesundheitsministerien zusammen, um die Mobilitätsentwicklungen zu verfolgen und auf eventuelle Konsequenzen rechtzeitig reagieren zu können. Es wurden zudem auf EU-Ebene Arbeitsgruppen gebildet, die sich vor dem Hintergrund einer verbesserten Zusammenarbeit zwischen den Gesundheitssystemen der Mitgliedstaaten mit Fragen der Mobilität von Patienten und von Angehörigen der Freien Berufe beschäftigen.

zm: Glauben Sie, dass eine EU-weite Niederlassungs- und Berufsausübungsfreiheit sowie die Stärkung der Rechte von Versicherten und Patienten die Wanderungsbewegungen verstärken werden und dies dann letztendlich auch zu einer verbesserten Versorgung beitragen kann?

Kyprianou: Wanderungsbewegungen von Ärzten und Patienten können sich durchaus positiv auf die Verbesserung der EU-weiten Gesundheitsversorgung auswirken, vorausgesetzt, wir sorgen dafür, dass die Mobilität nicht zu einer Destabilisierung der nationalen Gesundheitssysteme führt. Wenn aber zum Beispiel in einem EU-Land Krankenhausbetten leer stehen und in einem anderen Land die Patienten lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssen, dann ist es im Interesse aller, wenn die freien Kapazitäten in Land 1 auch von Versicherten aus Land 2 genutzt werden können. Dasselbe gilt für den Fall, dass in einem Land ein Ärzteüberschuss herrscht und in einem anderen ein Ärztemangel. Hier können beide Seiten ebenfalls von der Mobilität der Gesundheitsberufler profitieren. Allerdings dürfen solche Wanderungsbewegungen nicht zu einem übermäßigen brain-drain von medizinischem Personal führen, wie dies in den baltischen Staaten bereits geschehen ist. Wir werden diese Entwicklungen daher weiterhin streng im Auge behalten.

zm: Inwieweit arbeiten Sie mit Kollegen aus anderen Ressorts, vor allem den Kommissaren für Beschäftigung und Soziales, Wettbewerb und Binnenmarkt, im Hinblick auf die Verbesserung des Gesundheitsschutzes der EU-Bevölkerung zusammen?

Kyprianou: Wir haben bereits eine ressortübergreifende Arbeitsgruppe gebildet, an der Vertreter der verschiedenen Generaldirektionen der Kommission teilnehmen, um ihre Strategien im Interesse eines hohen Gesundheitsschutzniveaus aufeinander abzustimmen. Außerdem werde ich jede Gelegenheit im Rahmen meiner Tätigkeit nutzen, um meine Kommissionskolleginnen und -kollegen immer wieder auf die gesundheitliche Dimension ihrer Politik hinzuweisen

Die Fragen für die zm stellte Petra Spielberg,
Fachjournalistin für Wirtschafts- und Sozialpolitik, Brüssel

EU-Healthcare-Agenda

Kommission fordert Paradigmenwechsel in der Gesundheitspolitik

Kooperation, Koordination, Kommunikation und Investition - mit diesen vier Schlagworten lässt sich die Strategie umreißen, mit der der Gesundheitskommissar der Europäischen Union (EU), Markos Kyprinanou, die Gesundheitssysteme der Mitgliedstaaten und den Gesundheitszustand der EU-Bevölkerung schnellstmöglich voranbringen will. Das geht aus seiner Healthcare-Agenda für das Jahr 2005 hervor. Zu den von Kyprianou angestrebten Zielen gehört neben einer verbesserten (Volks)Gesundheit vor allem der älteren Bevölkerung und der Menschen in den neuen Mitgliedstaaten eine verstärkte Information über grenzübergreifende Versorgungsangebote und über die Rechte von Versicherten und Patienten. Der Kommissar appellierte zudem an die Mitgliedstaaten, nicht immer nur die Kosten der medizinischen Versorgung im Blick zu haben, sondern das Gesundheitswesen vor allem als ein Feld für Investitionen zu begreifen. Kyprianou kündigte darüber hinaus an, dass die EU ihren Mitgliedern mit finanzieller Unterstützung aus den diversen Strukturfonds und durch koordinierende Maßnahmen, wie die Förderung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit im Gesundheitswesen und den Austausch bewährter Praktiken bei diesem Prozess weiterhin unter die Arme greifen will. Aufschluss darüber, wie die Staaten den Herausforderungen im Gesundheitswesen am besten begegnen können, erhofft sich der Kommissar neben der Offenen Methode der Koordinierung vor allem von den Beratungen der bei der EU-Kommission angesiedelten Hochrangigen Sachverständigengruppe. Seit Juli letzten Jahres arbeiten hier Experten aus allen Mitgliedstaaten daran, Daten und Vorschläge unter anderem zur Grenzüberschreitenden Versorgung, zur Mobilität von Angehörigen von Gesundheitsberufen, zum Aufbau von Referenzzentren oder zur Patientensicherheit zu sammeln. ps



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