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16.03.07 / 00:15
Heft 06/2007 Gastkommentar

Gesundheitssprech

Mit dem für die GKV neu eingeführten Begriff „Gesundheitsversicherung“ liefert das Bundesgesundheitsministerium ein Beispiel für die Vernebelung politischer Sachverhalte, das an das „Neusprech“ aus George Orwells Roman „1984“ erinnert. Andreas Mihm Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Berlin




Als George Orwell 1948 seinen Roman „1984“ schrieb, bediente er sich eines schriftstellerischen Kniffs, um die Verlogenheit des von ihm beschriebenen totalitären Staatsapparates bloß zu legen. Er erfand das Neusprech. Neusprech nimmt eingeführte Begriffe, höhlt sie aus und versieht sie mit neuem Inhalt, der oft das Gegenteil seiner alten Bedeutung ausmacht. Das Ziel dieser Sprachpolitik sei es, die Anzahl und das Bedeutungsspektrum der Wörter zu verringern, um die Kommunikation der Bevölkerung in enge, kontrollierte Bahnen zu lenken, analysiert das Internet-Lexikon Wikipedia.

Nun sind die Verhältnisse in Deutschland Gott sei Dank nicht ansatzweise mit denen zu vergleichen, wie Orwell sie in seinem „Big Brother“-Staat beschrieben hat. Doch auch hierzulande sind die Sprachmanipulateure, die Meister strategischer Kommunikation am Werk. PR-Agenturen und Marketingabteilungen haben sich die Technik zur Anwendung wohlklingender aber sinnentleerter Sprachkonstrukte zu Eigen gemacht. Natürlich finden sie auch Eingang in die politische Kommunikation, die oft eher der Vernebelung von Sachverhalten als deren Konkretisierung dient. Eines der jüngsten Beispiele dafür hat das Bundesgesundheitsministerium geliefert.

Seit Februar heißt die gesetzliche Krankenversicherung in offiziellen Verlautbarungen des Hauses „Gesundheitsversicherung“. Das ist sprachlogisch blanker Unsinn. Wer empfindet Gesundheit schon als ein Risiko, gegen das er sich versichern will? Doch klingt Gesundheit eben besser als Krankheit. Das ist wie bei der AOK, auch wenn bei dieser selbsternannten „Gesundheitskasse“ (hoffentlich) die Kranken weiter im Vordergrund aller Bemühungen stehen. Im ministeriellen Sprachgebrauch benötigen künftig nur noch privat Versicherte eine „Krankenversicherung“. Daraus ergibt sich zwangsläufig folgende Gleichung: gesund = gesetzlich, krank = privat. Die oft aufgeworfene Frage nach der Zwei-Klassen-Medizin beantwortet sich da wie von alleine.

Andererseits spricht das Ministerium doch noch von einer Versicherung. Dabei wäre gerade dieser Begriff bei den gesetzlichen Kassen verzichtbar. Denn mit der Absicherung eines (individuellen) Risikos, so wie es an den Versicherungsbegriff gebunden ist, hat die gesetzliche Absicherung im Krankheitsfall nur noch wenig zu tun. Sie ist von den individuellen Risiken vollkommen entkoppelt. Stattdessen setzt sie auf Umverteilung von Einkommen und Ausgleich zwischen den Generationen. Umso weniger Sinn macht übrigens der mit der Gesundheitsreform hier eingeführte „Wettbewerb“ mit Wahltarifen und Boni. Letztlich zahlen kranke Arme die Beitragsrückerstattung für gesunde Gutverdiener. Passender als Gesundheitsversicherung wäre da vielleicht der Begriff „Gesundheitsumlage“.

Der könnte dann künftig im Basistarif der privaten Krankenversicherung gleich mit verwandt werden. Denn nach der beginnenden Vergesellschaftung der privaten Krankenversicherung über das Vehikel Basistarif, in dem das individuelle Risiko keine, das Einkommen und der Finanzausgleich aber eine zunehmende Rolle spielen werden, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die beiden Systeme soweit angeglichen sind, bis die Verschmelzung in einer großen gesetzlichen Versicherung keinen öffentlichen Aufschrei mehr auslösen wird. Bis dahin wird sich das Wahlvolk auch an die wohl unabwendbare neue Gesundheitssteuer und die Steuerung der „Gesundheitsversicherung“ durch die Regierung gewöhnt haben.

Freiheit geht eben stückchenweise verloren. Ganz so, wie Orwell das in seinem Roman „1984“ beschrieben hat.

Gastkommentare entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.



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