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01.12.10 / 00:15
Heft 23/2010 Gesellschaft
Belastete Puppen, Puzzles und Co.

Gifte aus dem Spiel lassen

Was haben der Hase „Mimmihopps“ von Diddl, der Teddy „Victor“ von Steiff und die Plüschversion des Sandmännchens vom Hersteller heunec gemeinsam? Sie sind drei von 42 Produkten, die laut Stiftung Warentest mit Schadstoffen stark bis sehr stark belastet sind. Die Auswirkungen der Krankmacher auf die Gesundheit sind alarmierend: Missbildungen der Geschlechtsorgane bei Jungen und ein erhöhtes Brustkrebsrisiko bei Mädchen sind nur Beispiele. Die überarbeitete Spielzeugrichtlinie der Europäischen Union greift erst im Jahr 2013. Doch schon jetzt fordern Umwelt-, Gesundheits- und Verbraucherverbände hier nachzubessern, um die Exposition für Kinder durch Chemikalien im Spielzeug zu minimieren.




Kurt Tucholskys Satz „Das Gegenteil von gut ist nicht böse, sondern gut gemeint.“ kann auch auf die Geste des Schenkens angewendet werden. Nämlich dann, wenn Eltern, Großeltern und Bekannte davon ausgehen, dass in Europa gekauftes Spielzeug sicher und gesundheitlich unbedenklich ist. In Wirklichkeit zeigen Stichproben immer wieder, dass viele Spielsachen bedenkliche Chemikalien enthalten: In der jüngsten Prüfung durch Stiftung Warentest (11/2010) waren 80 Prozent der insgesamt 50 getesteten Produkte für Kinder unter drei Jahren mit gesundheitsgefährdenden Schadstoffen belastet, zwei Drittel sogar stark oder sehr stark. Auch auf der RAPEX-Liste des Alarmsystems der Europäischen Union für gefährliche Konsumgüter zählen Spielzeuge zu den am häufigsten gelisteten Artikeln.

Gerade bei den kleinsten Verbrauchern sollte eigentlich besondere Vorsicht geboten sein: Sie nehmen über ihre vergleichsweise größere Hautoberfläche, ihren höheren Stoffwechsel und die intensivere Atmung in Relation zu ihrem Körpergewicht mehr Stoffe als Erwachsene aus der Umwelt auf. Kinder stecken Dinge gern in den Mund oder kuscheln damit stundenlang. Somit kommen sie unmittelbar mit Schadstoffen in Kontakt. Zudem ist der kindliche Körper wesentlich sensibler: Organe, wie die für die Fortpflanzung, Immun- und Nervensystem befinden sich noch in der Entwicklung. Vom Körper aufgenommene Schadstoffe können schwere Langzeitschäden verursachen. In Spielzeug gefunden wurden:

• sogenannte CMR-Stoffe (canzerogen, mutagen, reprotoxisch)  

Chemikalien, die krebs- erregend, erbgutverändernd oder fortpflanzungsschädigend sind.

• PAK (Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe)  

Sie werden den CMR-Stoffen zugeordnet, stören das Hormonsystem, schädigen das Gehirn und lösen Allergien aus. PAK gelangen über Weichmacheröle und Rußpigmente ins Spielzeug (zum Beispiel in Gummireifen).

Ebenfalls gefährlich: Formaldehyd in Holzpuzzles, Bisphenol A in Plastikspielzeug, halogenierte Flammschutzmittel in Plüschtieren und weitere Schadstoffe wie Phthalate (Weichmacher), Arsen, Blei, Cadmium oder allergene Duftstoffe, Schwermetalle in Farben und Kuststoffen, Nickel und zinn- organische Verbindungen.

Politik in Fürsorgepflicht

Warum die Politik bisher noch nicht die notwendigen Konsequenzen aus der vielfach belegten Schadstoffbelastung im Kinderzimmer gezogen hat, war Diskussionsschwerpunkt auf einer Tagung des Gesprächs Verbraucherpolitik in Berlin, veranstaltet von der Friedrich Ebert Stiftung und Women in Europe for a Common Future (WECF). „Momemtan herrscht ein Kompetenz-Wirrwar; vier Ministerien sind an der Bearbeitung des Themas beteiligt.“ erklärte Monika Büning, Referentin für Umwelt und Produktsicherheit bei der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv).

Büning fordert eine Überarbeitung der EU-Spielzeugrichtlinie, strengere Grenzwerte für Chemikalien und Duftstoffe, sowie eine höhere Kontrolldichte in den Ländern. Es müssten Gelder für mehr Personal bei der Marktüberwachungsbehörde bereit gestellt werden. Ross und Reiter sollten benannt und Strafen verhängt werden.

„Der Finger zeigt immer ganz schnell nach China“, warnte Elvira Drobinski-Weiß, verbraucherpolitische Sprecherin der SPD- Bundestagsfraktion. Die „test“- Ergebnisse haben jedoch gezeigt, dass auch bei deutschen Herstellern gefährliche Werte auftauchen. „Die Gesundheit der Kinder muss Priorität haben“, forderte die Politikerin. Seit November 2009 gebe es Gespräche mit der Bundesministerin für Verbraucherschutz Ilse Aigner. Doch die Bundesregierung sorge bisher nicht für die notwendigen Voraussetzungen, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden, kritisierte Drobinski-Weiß.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) mahnt eindringlich, dass bei den aktuell geltenden Grenzwerten von einem höheren Krebsrisiko ausgegangen werden muss.

Sicht der Zahnmedizin

„Obwohl die Biokompatibilität dentaler Materialien für die Zahnmedizin seit jeher in einem besonderen Fokus des Interesses steht, kann sich die Forderung nach biologischer Verträglichkeit nicht nur auf zahnärztliche Materialien und Werkstoffe beschränken. Sie muss auch auf andere möglicherweise schadstoffbelastete Gegenstände, die mit der Mundschleimhaut und dem Speichel über längere Zeit in Kontakt kommen, ausgedehnt werden“ erklärt Privatdozentin Dr. Christiane Gleissner von der Klinik für Zahnerhaltung und Parodontologie an der Universität Mainz gegenüber den zm.

Denn: Säuglinge und Kleinkinder gelten aufgrund spezifischer Verhaltensmuster wie dem „mouthing“ (Gegenstände oder eigene Finger in den Mund nehmen) als besonders gefährdet. Schnuller, Daumen, Tücher oder Spielsachen dienen in den ersten zwei Lebensjahren auch dazu, das natürliche Saugbedürfnis zu stillen. Studien belegen: Die Kontaktzeit mit der Mundschleimhaut unterliegt starken Variationen. So wurden für Schnuller eine Kontaktzeit von durchschnittlich 105,3 Minuten pro Tag ermittelt. Schadstoffe können dabei sowohl über die Haut der Finger als auch direkt über die Oberfläche der Objekte aufgenommen werden. „Eine wichtige Variable zur Abschätzung der Gefährdung stellt die Frequenz von Hand-zu-Mund- und Objekt-zu-Mund-Kontakten dar.“ betont Gleissner. Letztere liege bei durchschnittlich 44 pro Stunde für Kinder unter zwei Jahren und bei 10 pro Stunde für Zwei- bis Fünfjährige, allerdings mit einer großen Variabilität. Mit zunehmendem Alter und längerem Aufenthalt im Freien nimmt die Zahl der Kontakte stetig ab.

INFO

Tipps und Hinweise

• Auffälliger Geruch

Vor dem Kauf am Produkt riechen. Ausdünstende Stoffe erkennt die Nase schnell. Besser als Plastik ist Holzspielzeug, etwa unlackierte Holzklötze.

• Material und Fertigung

Puppen und Plüschtiere sollten für Kleinkinder am besten aus Stoff sein. Spielsachen sollen keine scharfen Kanten und Spitzen haben, nicht zerbrechlich sein und so groß, dass das Kind sie nicht vollständig in den Mund stecken kann. Der Schadstoffgehalt in Plüschtieren kann durch häufiges Waschen (bereits vor dem ersten Gebrauch) reduziert werden.

• Symbole und Siegel

CE-Zeichen
Es ist auf jedem Spielzeug Pflicht. Der Hersteller garantiert damit, dass er alle geltenden EU-Richtlinien für das Produkt einhält. Doch darauf ist wenig Verlass, wie Stiftung Warentest gezeigt hat.

GS-Zeichen
Es steht für „geprüfte Sicherheit“, Basis ist das Geräte- und Produktsicherheitsgesetz. Das Zeichen ist freiwillig und wird ver geben, wenn eine der 84 weltweit tätigen Prüfstellen die Einhaltung der Anforderungen bestätigt.

LGA testet Quality
Wird vom TÜV Rheinland vergeben und bestätigt die Sicherheit sowie Gebrauchstauglichkeit eines Spielzeugs. Zusätzlich vergibt der TÜV Rheinland das Prüf-Siegel „schadstoffgeprüft“ für chemische Unbedenklichkeit.

Öko-Tex 100
Das Siegel bestätigt, dass textile Spielwaren frei von Schadstoffen (unter anderem Phthalate, zinnorganische Verbindungen und Flammschutzmittel) sind.

spiel gut
Seit 2005 erhält nur noch PVC-freies Spielzeug die Auszeichnung. Allerdings wurden vorher vergebene Siegel nicht noch einmal neu bewertet.

• RAPEX-Liste der gefährlichen Spielzeuge der Europäischen Kommission

Die Europäische Kommission veröffentlicht wöchentlich die RAPEX-Liste (Rapid Exchange of Information System) mit gefährlichen Spielzeugen, die aus den EU-Mitgliedsstaaten gemeldet werden: www.eu-info.de/leben-wohnen-eu/Spielzeug  



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