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01.09.12 / 12:50
Heft 17/2012 Gesellschaft
Automatenspielsucht

Gleich gewinne ich

Während die Zahl der Abhängigen von legalen Drogen wie Alkohol oder Tabak in Deutschland seit Jahren sinkt oder zumindest stagniert, steigt die Zahl der Glücksspielsüchtigen kontinuierlich an. Insbesondere Geldspielautomaten sind ein Problem. Die Branche macht Milliardenumsätze – auf Kosten der Spieler.




Zwischen 2005 und 2010 hat die Anzahl der Menschen, die wegen Glücksspielproblemen eine ambulante Betreuungsstelle aufgesucht haben, sich mehr als verdreifacht. Im Bezugsjahr 2010 lag sie bei 15 800 Personen. Das geht aus dem aktuellen Jahrbuch „Sucht“ hervor, in dem die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) jedes Jahr die Statistiken zu legalen und illegalen Drogen, Essstörungen und Glücksspiel erfasst. „Die Störung besteht in häufigem und wiederholtem episodenhaften Glücksspiel, das die Lebensführung des betroffenen Patienten beherrscht und zum Verfall der sozialen, beruflichen, materiellen und familiären Werte und Verpflichtungen führt“, heißt es in den „ICD 10“, dem Diagnoseklassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation. Die größte Gruppe der Hilfesuchenden bilden mit über 74 Prozent die Spieler an Geldspielautomaten. Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ist bei jeweils einem halben Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung ein problematisches beziehungsweise pathologisches Spielverhalten erkennbar. „Das Automatenspiel hat ein besonders hohes Suchtpotenzial unter den Glücksspielen“, erklärt Prof. Gerhard Meyer, Rechtspsychologe an der Universität Bremen: Bei der schnellen Spielabfolge an den Automaten trete ein Verlustgefühl nicht auf, weil der Spieler sofort wieder die Hoffnung auf einen Gewinn habe. Zudem werde durch das Tastendrücken eine Kontrolle über das Spielgeschehen suggeriert, die gar nicht vorhanden sei, sagt Meyer.

Schulden und Verzweiflung

Der Einstieg in die „Suchtkarriere“ ist durch die hohe Verfügbarkeit an Automaten relativ simpel, heißt es bei der „Glücksspiel-Sucht-Hilfe e.V.“ in Berlin, bei der ehemalige Spieler Hilfesuchende beraten. „Der Übergang zur Sucht vollzieht sich schleichend, es gibt fast keine wahrnehmbaren Warnsignale, wie zum Beispiel bei einer Alkoholsucht“, erklärt ein Mitarbeiter der Suchthilfe, der aufgrund seiner Vergangenheit als Spieler lieber anonym bleiben will.

„Zocker zeigen typische Suchtmerkmale“, berichtet Meyer. Das seien unter anderem Toleranzerwerb (das heißt, die Süchtigen müssen mit immer höheren Einsätzen spielen, um die gewünschte Erregung zu erreichen), Kontrollverlust nach Beginn des Spiels und Abstinenzunfähigkeit. „Das Glücksspiel wird zum zentralen Lebensinhalt.“ Spielsüchtige litten häufig unter Schlafstörungen, innerer Unruhe und leichter Erregbarkeit, erläutert der Mitarbeiter der Glücksspiel-Sucht-Hilfe. Sie würden in einer Scheinwelt leben, in der es nur um die Beschaffung des Geldes für neuerliches Spielen gehe. Dadurch komme es häufiger zu Beschaffungskriminalität, Überfälle und Einbrüche dienten der Finanzierung der Sucht. Laut einer aktuellen Studie, die im „Deutschen Ärzteblatt“ erschienen ist, sind Männer mit 70 bis 80 Prozent weit häufiger von Spielsucht betroffen als Frauen.

Die Auswirkungen auf das Privatleben der Süchtigen sind fatal. „Oft kommt es zur sozialen Isolation der Zocker, weil das Glücksspiel zunehmend ihren Lebensalltag dominiert. Sie verheimlichen ihre Spielprobleme vor dem sozialen Umfeld, bauen regelrechte Lügengeflechte auf“, erklärt Meyer. Auch charakterliche Veränderungen bei Süchtigen seien keine Seltenheit, weiß der Ex-Spieler von der Berliner Suchthilfe. Scheidungen kämen häufig vor. „Zudem ist die Selbstmordrate bei Spielern so hoch wie unter keiner anderen Gruppe von Süchtigen.“

Profite und Gesetze

Der Markt der Geldspielautomaten ist hoch lukrativ. Zwischen 2005 und 2011 stieg die Zahl der aufgestellten Automaten von 183 000 auf 242 500. Seit der Novellierung der Glücksspielverordnung 2006 wuchs der an Automaten erwirtschaftete Bruttospielertrag – mit anderen Worten der Gesamtverlust aller Spieler – von 2,34 Milliarden Euro auf 4,14 Milliarden Euro. Der Umsatz, der an den Automaten erreicht wurde, betrug 17,21 Milliarden Euro und machte damit mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes von 31,51 Milliarden Euro auf dem deutschen Glücksspiel-Markt aus. Im Vergleich dazu sanken die staatlichen Einnahmen aus Glücksspielen allgemein von 4,25 auf 2,99 Milliarden Euro.

Die ersten Bundesländer reagieren auf das zunehmende Suchtproblem, das durch die Geldspielautomaten entsteht. Im vergangenen Jahr beschlossen Berlin und Bremen neue Spielhallengesetze, die den Spielerschutz stärken sollten. Nach einer Übergangszeit von mehreren Jahren gelten Mindestabstände zwischen Spielhallen, die Mehrfachkonzessionen verhindern sollen. Hessen und Baden-Württemberg haben ihre Spielhallenvorschriften ebenfalls geändert.

Meyer hält die Gesetzesverschärfungen jedoch nicht für zielführend. „Sie setzen lediglich an den Symptomen an und nicht an den eigentlichen Ursachen. Die Einsätze und und Gewinnmöglichkeiten müssen heruntergeschraubt werden, damit wieder von einem von einem reinen Unterhaltungsspiel die Rede sein kann, wie es aus Gründen des Spielerschutzes ursprünglich gedacht war.“

Auch der Mitarbeiter der Glücksspiel-Sucht-Hilfe fordert noch weitere Maßnahmen. „Es müsste wesentlich stärkere Kontrollen der geltenden gesetzlichen Bestimmungen geben. In Imbissbuden, in denen Automaten stehen, kontrolliert niemand das Alter der Spieler.“ Auch können sich Spieler, die ihr Problem erkannt haben, selbst sperren lassen – diese Sperre gilt aber nur in Spielbanken und für staatliche Lotterien, nicht aber in Spielhallen. Zudem seien bundeseinheitliche Regelungen nötig, zum Beispiel bei den Öffnungszeiten, sagt der Ex-Spieler. „Eine Insellösung wie in Berlin, wo die Spielhallen um drei Uhr schließen müssen, bringt nichts, wenn ich in einer halben Stunde in Brandenburg sein kann, wo ich praktisch rund um die Uhr spielen kann.“  eb



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