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16.01.04 / 00:15
Heft 02/2004 Gesellschaft
Die zahnärztliche Versorgung in Bosnien-Herzogovina im Aufwind

Glücklich über die gebauten Brücken

Seit 1996, kurz nach dem Dayton-Abkommen, unterstützen Baden-Württembergs Zahnärzte die zahnmedizinische Fakultät in Sarajevo mit Sach- und Geldspenden. Mit der Initiative „Hilfe zur Selbsthilfe“ der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe und Spenden aus der Zahnärzteschaft konnte bereits viel Neues aufgebaut werden.




Während des vier Jahre dauernden Krieges von 1992 bis 1995 war die zahnmedizinische Ausbildung und Fortbildung zusammengebrochen. Die Fakultät lag ebenso wie die Stadt Sarajevo in weiten Teilen in Schutt und Asche. Dank der Unterstützung der baden-württembergischen Zahnärzte und des Leiters der Akademie für Zahnärztliche Fortbildung, Professor Dr. Michael Heners und von Professor Dr. Dr. Hans Jörg Staehle, Heidelberg, fanden Zahnärzte und Studenten wieder Anschluss an den Stand der Zahnheilkunde.

Auf der Herbsttagung der Zahnärzte in Sarajevo 2003 konnte sich das baden-württembergische Referententeam um Professor Dr. Michael Heners vor Ort von den Ergebnissen dieser beispielhaften Hilfsaktion überzeugen. So wurde eine „Zahnstation“, für die Zahnärzte aus Baden-Württemberg 25 000 Euro spendeten, am Bosnischen Gymnasium in Sarajevo eingerichtet. Dadurch konnten die Zahngesundheitsvorsorge und die zahnärztliche Behandlung der Schülerinnen und Schüler wieder aufgenommen werden“, sagt Lejla Aks×amija, Direktorin des Bosnischen Gymnasiums, den mitgereisten Journalisten. „Trotz der Kriegswirren war der Unterricht aufrecht erhalten worden“, erklärt sie weiter. „Hass verspüren wir keinen mehr, aber vergessen können wir auch nicht.“ Zu sehr sind die Gräueltaten der Heckenschützen im Gedächtnis präsent. Über 1 600 Kinder waren während des vierjährigen Krieges von Heckenschützen und Granaten getötet worden. Lebenswichtige Operationen sowie zahnärztliche Behandlungen konnten oft nur bei Kerzenschein im Keller durchgeführt werden, erinnert sich der Altdekan der zahnmedizinischen Fakultät, Professor Dr. Hamid Tahmis×cija.

Gastaufenthalt in Heidelberg

„Aber wir sind glücklich über die gebauten Brücken zwischen Baden-Württemberg und Sarajevo“, sagte Sedim Kobas×lija, Zahnarzt und Dozent, der während eines Gastaufenthaltes an der Universität Heidelberg bei Professor Dr. Dr. Hans Jörg Staehle seine wissenschaftlichen Studien vertiefen konnte. Grundlage dafür waren 5 000 Euro, die Kobas×lija als Walther-Engel-Preis-Träger des Jahres 2000 zur Finanzierung seines Studienaufenthalts in Heidelberg nutzte. „Dank der Unterstützung durch badenwürttembergs Zahnärzte konnten wir eine präventionsorientierte Zahnheilkunde in Sarajevo in der studentischen Ausbildung einrichten“, betont Kobas×lija. Nicht zuletzt dadurch kann die Zahn- und Mundgesundheit der Kinder und Jugendlichen in Sarajevo und Bosnien wieder ein Stück verbessert werden.

Beste Seite

Sarajevo zeigte sich in diesen Herbsttagen von seiner besten Wetterseite. Fast könnte man meinen, dass der Krieg keine Spuren hinterlassen hat. Die Gebäude in der Innenstadt sind wieder hergestellt, die ausgebrannte Nationalbibliothek wird Zug um Zug restauriert. Und dennoch, so ein SFOR-Soldat, „die Bevölkerung ist noch nicht geeint. Deswegen warnt er vor dem Abzug der SFOR-Truppen, denn es ist nicht eine Frage ob, sondern wann die Gegnerschaft unter der Bevölkerung in Bosnien-Herzogovina in gewissen Gebieten wieder aufflammen könnte. Aber Sarajevo pulsiert wieder. In den Cafés ist fast jeder Platz besetzt. Die Hauptstraßen sind belebt und abends promenieren hunderte von jungen Leuten durch die Basare der Innenstadt.

Sarajevo, eine Stadt, in der heute wieder Muslime, Katholiken, Juden und orthodoxe Christen zusammenleben können. Sarajevo wird auch das europäische Jerusalem genannt. Man knüpft wieder an die jahrhundertealten eigenen charakteristischen Traditionen an. Denn bis in die 90er Jahre war Sarajevo als eine Stadt von großer Toleranz bekannt, wie Jack Straw, britischer Außenminister, bekannte.

„Zurück in die Zukunft“, so könnte das Leitmotiv der Bürgerinnen und Bürger lauten. Und statt des Nationalliedes stimmen die 400 Zahnärztinnen und Zahnärzte im großen Hörsaal der zahnmedizinischen Fakultät die traditionelle – in allen europäischen Kulturen verankerte – Hymne „Gaudeamus igitur“ an.

Johannes Clausen
Informationszentrum Zahngesundheit
Baden-Württemberg
Herdweg 59
70174 Stuttgart



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