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16.03.05 / 00:15
Heft 06/2005 Titel
Mythologie in der Sprache der Heilkunde

Götter, Gifte und Gebrechen

Wer kennt sie nicht, die Helden aus Mythologie und Bibel, ob Amor, Achilles, Atlas, Morpheus, Adam, Hiob oder Onan. Allen ist eines gemeinsam – in der Sprache der Zahn- und Humanmedizin spielen sie immer noch eine Rolle als Namensgeber von Erkrankungen. Der Historiker und Medizinethiker Axel Karenberg liefert einen unterhaltsamen Streifzug durch die medizinische Fachsprache, gespickt mit etlichen etymologischen Aha-Erlebnissen. Damit wird gleichzeitig an das Ideal eines humanistisch gebildeten Arztes oder Zahnarztes erinnert, der in klassischer Literatur und Kunst bewandert ist.




Wem wäre nicht schon einmal ein „panischer Schrecken“ in die Glieder gefahren? Wer hätte nicht schon einmal eine „Sisyphusarbeit“ leisten müssen oder „Tantalusqualen“ durchzustehen gehabt? Von „Hiobsbotschaften“, dem „Judaskuss“ oder den sprichwörtlichen „Perlen vor die Säue“ wollen wir hier gar nicht sprechen. Denn der Befund erscheint eindeutig: In der gehobenen Umgangssprache sind Anspielungen auf klassische Sagenwelt und biblische Erzählungen allgegenwärtig.

Weniger bekannt ist dagegen, dass seit frühester Zeit auch in der Terminologie von Zahn- und Humanmedizin etliche griechische und römische Götter und Heroen sowie einzelne biblische Gestalten anzutreffen sind. Um den Blick für die Nachwirkungen der antiken Legenden auf den sprachlichen Berufsalltag zu schärfen, folgt hier eine Kurzvorstellung wichtiger Namengeber aus vergangenen Zeiten.

Seit etwa 50 Jahren haben sich die Begriffe „Amorbogen“ oder „Kupidobogen“ für das individuell sehr unterschiedlich ausgeprägte, geschwungene Oberlippenrot und seine bogenförmige Grenzlinie eingebürgert.

Zahnheilkunde: begehrenswerte Engel

Amor ist natürlich, wie jeder weiß, der Name des römischen Gottes der Liebe, gleichzeitig auch das lateinische Substantiv für „Liebe“, „Lust“ oder „Begierde“. Der Legende nach konnte bereits dessen griechischer Vorläufer Eros bei Sterblichen und Unsterblichen das Verlangen mit goldenen Pfeilen erwecken oder mit einer stumpfen Pfeilspitze aus Blei abtöten. Dazu benötigte er die Hilfe seiner in der Kunst oft prächtig dargestellten Schusswaffe (Abb. 1). Der lateinische Nachfolger war als übermütiger und quicklebendiger Knabe allerdings weitgehend auf eine literarische Existenz beschränkt. Erst die Neuzeit verwandelte das Motiv des geflügelten Lausbuben (Abb. 2) in die vielen pausbäckig-neckischen Amoretten, die überaus dekorativ die Szene in der Barockkunst bevölkerten und als Vorbilder an der stimmigen Etikettierung dieser „erogenen Zone“ vermutlich beteiligt waren.

Unverständlich hingegen muss auf den ersten Blick die Herkunft des Krankheitsnamens „Cherubismus“ erscheinen. Zahnärzte, Gesichtschirurgen und Pädiater verwenden diese Wortschöpfung für eine Kiefererkrankung des Kindesalters seit ein kanadischer Radiologe damit eine „familial multilocular dystic disease of the jaws“ gekennzeichnet hatte [Jones, 1938].

Doch was verbindet die bedauernswerten kleinen Patienten mit den eigentlichen „Cherubim“, nach der Bibel menschlich-tierische Mischwesen mit Löwenkörper, Stierfüßen, Adlerflügeln und Menschenhänden (Abb. 3)?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir weit zurückgehen, denn die wunderlichen Geschöpfe erwiesen sich im Lauf der Geschichte als äußerst wandlungsfähig. Erst über etliche Zwischenstufen mutierten die Chimären der Frühzeit zu anmutigen Kinderengeln, deren körperlose Köpfe aus einem Flügelkranz hervorstrahlten. Im 16. Jahrhundert prägte das italienische Malergenie Raffael ein Bildmuster (Abb. 4), welches im Rokoko und der Volkskunst weite Verbreitung erfuhr und auf diesem Weg – auch dank der Kunstsinnigkeit des Erstbeschreibers – den verwandelten Bibelgestalten ihren Platz in der Fachsprache sicherte.

Anatomie: Adam und der Apfel

Bleiben wir noch einen Moment beim Zentraltext des christlichen Glaubens. Viel bekannter als die Cherubim ist wohl der Sündenfall und der daran beteiligte erste Mensch. Doch zu selten wird darauf hingewiesen, dass auch diese Begebenheit ihre Spuren in der Medizin hinterlassen hat – zumindest in Terminologie und Oberflächenanatomie. Spätestens seit 1586 nutzen Ärzte den Fachausdruck „Pomum Adami“, gut 100 Jahre später spricht der Volksmund von „Adamsapfel“ oder „Adamsbisz“ [Barcia Goyanes, 1985]. Im Buch der Bücher wird man vergeblich nach einer entsprechenden Belegstelle suchen. Erst die fromme Sagenwelt des Mittelalters kennt die Vorstellung, dem Ur-Mann sei beim sündhaften Apfelbiss im Paradies ein Stück der verbotenen Frucht im Halse stecken geblieben – und just dieses habe die sichtbare Vorwölbung auf Höhe der Stimmritze hervorgerufen (Abb. 5). Gleichwohl knüpfte sich daran eine eindrückliche theologische Deutung: Der rundlich-knorpelige Vorsprung konnte nun nämlich als stets mahnende Erinnerung an die Erbsünde verstanden werden, deren Ausdruck nach diesem Verständnis jeder Christenmensch auf Höhe der Stimmritze in sich trägt.

Auch einige andere Teile des menschlichen Leibes fallen durch klassische Bezeichnungen auf. Neben der Achillessehne ist dabei vor allem an den riesigen Titanensohn Atlas zu denken. Eine komplizierte sprachgeschichtliche Entwicklung führte den Himmelsträger der griechischen Mythologie zu seiner neuen Rolle als Kopfträger in der Anatomie (Abb. 6). Seit der Renaissance füllt das mythische Muskelpaket diese Rolle als Patron des ersten Zervikalsegementes perfekt aus. Darüber hinaus verleiht der Recke seinen Namen zusätzlich an die Kartensammlung und ein Gebirge in Nordafrika. An dieser Vielfalt wird deutlich, dass häufig nicht nur eine einzige, sondern mehrere Varianten einer Legende zu sprachlicher Nachahmung anregen konnten.

Einen etymologischen Leckerbissen stellt das nächste, vermeintlich ganz unscheinbare Wortpaar dar. „Lympha“ bedeutet im Lateinischen „klares und reines Quellwasser“, wohingegen „lymphaticus“ so viel wie „verrückt“ oder „irrsinnig“ meint. Zur Erklärung des markanten Bedeutungsunterschiedes zwischen Substantiv und Adjektiv muss man zu den griechischen Ursprungsworten zurückgehen: Lympha stammt ab von Nymphe im Sinne von „weiblicher Wassergeist“, später auch „Mädchen“ oder „Braut“ (Abb. 7). Wenn ein Sterblicher sich einbildete, die halbgöttlichen Bewohnerinnen von Quellen oder Flüssen gesehen zu haben, so war er der Sage nach „nymphóleptos“, das heißt rasend oder von den Dämoninnen ergriffen. Daraus entwickelte sich der für uns seltsame Sinngehalt des lateinischen Eigenschaftswortes. Doch als die Anatomen zu Beginn des 17. Jahrhunderts die feinen Kanäle der im Verborgenen strömenden Körperflüssigkeit entdeckten, sprachen sie im Barocklatein von den „vasa lymphatica“ und kennzeichneten damit nicht „wahnsinnige“ Gefäße, sondern laut ursprünglicher Wortbedeutung solche Röhrchen, durch die eine „wasserklare“ Flüssigkeit fließt [Hyrtl, 1970]. Was aber nichts daran ändert, dass die zauberhaften Mädchenfrauen der Mythologie als Namenspatroninnen unseres Gewebswassers anzusehen sind.

Pharmakologie: Göttin des Schicksals

Ein wichtiges Kapitel in der Sprachgeschichte der Medizin hat auch eine griechische Parze geschrieben. Atropos gehörte neben Klotho und Lachesis zu jenen drei Schicksalsgöttinnen, die dem einzelnen Menschen seinen Lebenslauf und damit seinen Anteil an der Welt zuwiesen. Die „Unabwendbare“ (das bedeutet A-tropos nämlich wörtlich) war für das Durchschneiden des Lebensfadens und damit für das Ende des irdischen Daseins verantwortlich (Abb. 8). Ihr Auftritt in der Heilmittel- und Giftlehre begann, als um 1600 bestimmte Nachtschattengewächse als „Atropa“ bezeichnet wurden. Kein Geringerer als Carl von Linné, der schwedische Arzt und Schöpfer der systematischbinären Pflanzen-Nomenklatur, klassifizierte 1737 die Tollkirsche als „Atropa belladonna“. Nicht ohne Grund: Bis heute zählt das hoch giftige Gewächs in unseren Breiten zu den gefährlichsten wildwachsenden Arten, so dass die Analogie zwischen einer todbringend- dämonischen Macht und den lebensbedrohlichen Eigenschaften einer Pflanze auf der Hand liegt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelangen Darstellung und Benennung des Wirkstoffs „Atropin“, der auch in anderen Solanazeen enthalten ist [Brighetti, 1966].

Um die gleiche Zeit fiel einem „Apothekergehülfen“ aus Paderborn namens Friedrich Wilhelm Sertürner der Name „Morphium“ für den von ihm entdeckten Wirkstoff des Schlafmohns ein. Diese Bezeichnung sollte an Morpheus erinnern, jenen Gott der Träume, der einen ähnlich betäubenden und Schmerz lindernden Einfluss ausüben konnte wie das Opium-Alkaloid (Abb. 9). 1817 erschien eine französische Übersetzung von Sertürners grundlegender Arbeit, und in einem beigegebenen Editorial prägte ein anonymer Autor die kürzere Variante „morphine“ [Hamilton & Baskett, 2000].

Mikrobiologie: ein Künstler der Verwandlung

Tatsächlich bildet das 19. Jahrhundert die Hochzeit mythologischer Benennungsexperimente. Als ausgesprochen gelungener Versuch darf dabei die Etikettierung eines 1885 gefundenen Bakteriums gelten, auch wenn diese Episode der Nomenklaturgeschichte nahezu unbeachtet geblieben ist. In diesem Jahr fielen dem 29-jährigen Gustav Hauser, damals Privatdozent am Pathologisch-Anatomischen Institut der Universität Erlangen, „Fäulnissbacterien“ auf, deren Wuchs sich durch vielfältige und abwechslungsreiche Formen auszeichnete. Umgehend zog der Chef des jungen Arztes den Vergleich zu einer griechischen Wassergottheit: Proteus, der „alte Mann vom Meer“, war ebenso wie die unbekannten Mikroben ein Künstler der Verwandlung gewesen – zumindest wenn man Homer glauben konnte: „Proteus ... wurde ein Löwe mit Mähne / Wurde zur Schlange, zum Panther, zum mächtigen Wildschwein; wurde / Flüssiges Wasser, ein Baum sogar mit ragendem Wipfel...“ (Odyssee, 4. Gesang, 416- 418). Diese Idee nahm der Assistent auf und schrieb in seiner Publikation: „Den Gattungsnamen Proteus wählte ich auf Vorschlag von Professor Zenker und soll durch denselben die Veränderlichkeit der Form angedeutet werden.“ [Hauser, 1885].

Weniger erfolgreich verlief das Vorhaben, das 1901 entdeckte Gelbfieber- Virus unter der Fügung „Charon evagatus“ in die Taxonomie der Mikroben einzureihen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam einem US-amerikanischen Forscher die Idee, den griechischen Totenfährmann Charon (Abb.10) zu einem Gastspiel auf der Bühne der Fachsprache zu verhelfen [Holmes, 1948]. Doch die Bezeichnung konnte sich nicht durchsetzen: Die Zeit der metaphysischen Vorbilder in der Medizin war abgelaufen.

Mythische Modelle und einfache Muster

Wie unser kurzer Überblick gezeigt hat, werden Sagengestalten und biblische Figuren bis in die Gegenwart als Namenspatrone sehr geschätzt. Die hier angeführten Beispiele mussten sich auf die Zahnmedizin und ihr Umfeld beschränken. Tabelle 1 verdeutlicht allerdings, dass sich darüber hinaus Labels aus Legenden in vielen Feldernder Heilkunde finden lassen: Am häufigsten in der Psychiatrie und der Sexualwissenschaft, fast ebenso häufig in der Anatomie und der Missbildungslehre, seltener in Pharmakologie, Toxikologie, Innerer Medizin und anderen Gebieten. Doch sollte man ihre Bedeutung auch nicht überschätzen: Nur etwa 40 von insgesamt 80 000 Begriffen und damit 0,05 Prozent des medizinischen Fachwortschatzes gehen auf Anleihen aus dem Reich des Fiktionalen zurück. Die Verwendung der poetischen Ahnen für die (zahn-)medizinische Fachsprache folgt im Allgemeinen zwei einfachen Mustern. Entweder wird die Beziehung zwischen bezeichnender Gestalt und bezeichnetem Sachverhalt beziehungsweise Objekt mittels einer sichtbaren Strukturähnlichkeit hergestellt – oder aber mithilfe einer Übereinstimmung markanter Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen. Für die erste Variante bilden aus der hier präsentierten Auswahl der Amorbogen, der Cherubismus sowie die Pleomorphie des Proteus gute Beispiele. Die zweite Möglichkeit verkörpern die Benennungen Atlas, Atropin, Morphin und Charon evagatus. Damit treten auch entscheidende sprachliche Vorteile dieser Benennungsform zu Tage: Die meisten Ausdrücke sind kurz, im Sprachgebrauch ökonomisch, stammen aus dem gleichen gräko-lateinischen Kulturkreis wie die übrigen Elemente der Terminologie und stellen über Grenzen hinweg verständliche Internationalismen dar. Gleichzeitig spiegeln sie das Ideal eines humanistisch gebildeten und in klassischer Literatur und Kunst bewanderten Arztes oder Zahnarztes wider, der seine Gelehrsamkeit hervorzuheben vermag. Ob die Gestalten des klassischen Altertums und der Bibel auch zukünftig ihren Platz im Wortschatz der Heilkunde behalten werden, ist schwer zu entscheiden. Einerseits sind sie Teil eines viel beschworenen kulturellen Gedächtnisses, andererseits scheinen Zahnmediziner und Mediziner das Interesse an den Grenzgängern zwischen der Welt der Poesie und der Sphäre der Krankheit zu verlieren. Immerhin sollten wir uns heute dieses sprachlichen Erbes bewusst werden.

Prof. Dr. med. Axel Karenberg
Institut für Geschichte und Ethik der Medizin
Universität zu Köln
Joseph-Stelzmann-Straße 9
50931 Köln

INFO

Amor, Äskulap & Co.

Für Interessierte: Der Autor Axel Karenberg hat unter dem Titel „Amor, Äskulap & Co.“, Klassische Mythologie in der Sprache der modernen Medizin, das Thema vertieft. Das Buch ist 2004 im Schattauer-Verlag Stuttgart
erschienen (ISBN 3-7945-2343-1) und kostet 29,95 Euro.


Tab. 1: Gestalten aus Mythologie und Bibel in der Spache der modernen Zahnund Humanmedizin – geordnet nach Fachgebieten. Personifikationen (z. B. eos = die Morgenröte und Eos = die Göttin der Morgenröte) sind absichtlich mit aufgeführt. Unten: Chiron lehrt Achilles das Lyraspiel, römisches Fresco, zirka 79 v. Chr.

 



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