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01.01.05 / 00:14
Heft 01/2005 Praxis
Altersvorsorge für Babyboomer

Gut gewappnet in den Ruhestand

Wer selbständig arbeitet, weiß es: Er muss für seine finanzielle Vorsorge im Alter selbst aufkommen; Angestellten geht es jetzt ähnlich. Sparverträge abschließen, Aktien ins Depot legen, Lebensversicherungen ansparen… Was später reichen kann, das muss jeder vorab durchrechnen.




Die Aussichten sollten uns froh stimmen: Wir werden immer älter, jährlich um drei Monate. Mädchen, die jetzt geboren werden, schaffen die 100-Jahr- Grenze, Jungen bleiben knapp darunter. So die aktuellen Prognosen. Auch wir werden deutlich länger leben als unsere Eltern – und haben weniger Kinder in die Welt gesetzt als sie. Deshalb brauchen wir viel dickere Finanzpolster.

Freude und Zweifel

In die Freude mischt sich also Zweifel: Wovon sollen wir leben? Müssen wir bis 80 arbeiten oder reichen die Ersparnisse? Was, wenn alle gleichzeitig ihre Ersparnisse auflösen? Rauschen die Kurse von Aktien und Anleihen in den Keller? Ist die Lebensversicherung dann noch etwas wert? Der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Frank Schirrmacher, führt uns die Konsequenzen unserer ständig wachsenden Lebenserwartung drastisch vor Augen. Schenkt man ihm Glauben, so haben wir unsere besten Jahre schon hinter uns, jedenfalls die so genannten Babyboomer, die Ende der 40er Jahre bis 1970 geboren wurden. Seiner Meinung nach „haben sie die Gesellschaft schon allein dadurch tiefgreifend verändert, dass sie sehr viele waren und einfach nur lebten, und zwar, wie wir jetzt wissen, in einem goldenen Zeitalter des Wachstums.“

Sparen – ab sofort

Gut verdienende Akademiker wissen das und die wenigsten haben die Illusion, dass sie später einmal von der staatlichen Rente leben könnten. Schicke Cabrios kaufen oder Surfen in Hawaii – das war einmal. Sie legen mindestens zehn Prozent ihres Brutto-Einkommens für später auf die Seite. Das reicht gerade eben, um die Lücke zwischen letztem Gehalt und erster Rente auszugleichen. Denn Studienjahre zählen nicht länger bei der Berechnung der Rente.

Düstere Prognosen

Wie dringend notwendig frühzeitige Rücklagen fürs Überleben im Alter geworden sind, zeigen die Prognosen des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) in Köln: „Die reale Kaufkraft einer Standardrente von 1 170 Euro beträgt für einen heute 30-Jährigen beim Eintritt in den Ruhestand mit 65 im Jahr 2039 – bei einer jährlichen Inflationsrate von 1,5 Prozent – nur noch knapp 700 Euro (minus 41 Prozent). Wird er 80 Jahre alt, bleiben noch 550 Euro – Steuern und Sozialversicherung nicht berücksichtigt. Also sehen schon Angestellte, die regelmäßig ihre Beiträge in die Sozialversicherung einzahlen, ohne private Vorsorge im wahrsten Sinne des Wortes alt aus.

Selbständige, die ohne staatliche Absicherung für den Ruhestand sparen, müssen realistisch und rechtzeitig planen. Die entscheidende Frage: Wieviel Kapital ist nötig, um den Ruhestand sorgenfrei genießen zu können? Manche glauben, zwei Jahresgehälter auf ihren Konten insgesamt werden schon reichen. Weit gefehlt: Experten haben errechnet, dass ein gut situiertes Ehepaar in den 50ern, das sich zur Ruhe setzen will, mindestens zwei Millionen Euro auf der hohen Kante braucht, um bis ins hohe Alter seinen gewohnten Lebensstandard halten zu können.

Will der Lehrling Meister warden

Um dieses Ziel zu verwirklichen, muss eine Strategie genau geplant und mit eiserner Disziplin umgesetzt werden. Hauptsache, der Lehrling in Sachen Vermögensverwaltung hält sich strikt an ein paar Regeln.

Zum Start wird eine Gesamtrechnung der Einnahmen und Ausgaben aufgestellt. Das Resultat zeigt dann, wieviel als monatliche Sparrate abgezweigt werden kann. Zehn bis 15 Prozent des Monatseinkommens sollten es schon sein.

Wie das Geld dann möglichst Gewinn bringend angelegt werden kann, erfährt der Anleger in spe nur, indem er möglichst viele verschiedene Informationen einholt. Ratschläge von Experten, die ihren Lebensunterhalt mit Provisionen verdienen, sind nur mit Vorsicht zu genießen. Sie arbeiten in erster Linie für ihr eigenes Vermögen. Der Berater bei der Hausbank oder Sparkasse verkauft seinen Kunden am liebsten die hauseigenen Produkte wie Sparpläne, Fondsanteile oder Lebensversicherungen. Auch damit lässt sich Geld verdienen. Doch vielleicht bietet die Konkurrenz ja mehr.

Fachwissen lässt sich anhand einschlägiger Literatur natürlich auch anlesen. Zum Profi reicht es dann dennoch nicht.

Weiße Schafe in schwarzen Herden

Für die Lebensplanung lohnt sich die Investition eines Honorars für einen unabhängigen Berater, der seine Kunden frei von Interessen anderer betreut. Auch die Besitzer großer Vermögen holen professionellen Rat ein, obgleich sie sich selbst täglich mit ihren Finanzen beschäftigen.

Den richtigen Berater zu finden, erfordert Geduld. Auf keinen Fall gleich mit dem Erstbesten einen Vertrag abschließen. Auf diesem Feld tummeln sich viele schwarze Schafe. Vor dem Auftrag stehen mehrere Gespräche, in denen der Kunde sich ein Bild von den Fähigkeiten des Beraters machen kann. Schon anhand der Fragen, die der Profi seinem Kunden stellt, lässt sich etwas über seine Fähigkeiten aussagen:

• Erkundigt er sich nach den Bedürfnissen des Kunden?

• Wie hoch ist dessen Risikobereitschaft?

• Sieht sich der Berater in der Lage, seinem neuen Klienten einen Anlagemix passend zu dessen Temperament zusammenzustellen?

Tabula rasa

Spätestens nach zwei Jahren wird Tabula rasa gemacht. Die Arbeit des Beraters gehört auf den Prüfstand:

• Inwieweit hat er die abgesteckten Ziele erreicht?

• Hat er die besten Investitionen herausgefiltert?

• Fühlt der Kunde sich immer noch gut aufgehoben?

• Stimmt die Beziehung? Falls nicht, ist eine schnelle Trennung die richtige und billigste Entscheidung.

Und nun auf zur richtigen Anlagestrategie! Schon hierbei entscheidet sich, ob beim Eintritt in den Ruhestand genügend Kapital vorhanden sein wird. Ausschlaggebend ist dabei nicht allein, für sich selbst die richtigen Dispositionen zu treffen. Angesichts der Tatsache, dass alle Erwerbstätigen, gerade gut verdienenden Selbstständige, in den nächsten Jahr(zehnt)en Vermögen für ihre Altersvorsorge aufbauen werden, ist es wichtig, das Anlagespektrum weit genug zu fassen. Schon heute zeichnen Wissenschaftler wie der Mannheimer Professor Axel Börsche- Supan das Horrorszenario eines Kurscrashs, wenn die Babyboomer – also die Generation, die jetzt ihre Altersvorsorge betreibt – ihre Depots auflösen. Die Angst geht um, dass die Kurse in den Keller rauschen, weil dann kaum noch jemand da sein wird, der ihnen die Anleihen und Aktien abkaufen wird. Von „asset meltdown“ (Vermögensschmelze) ist die Rede. Wegen der demografischen Entwicklung werden zu der Zeit weniger junge Menschen wieder ihr Geld anlegen wollen.

Das würde die Altersvorsorge der jetzigen Sparer gefährden, weil ihr Vorsorgekapital mangels Nachfrage nach den Anlagewerten plötzlich viel Wert verlöre. Zurzeit verfügen die Deutschen über ein Geldvermögen von mehr als 3,9 Billionen Euro. Das Meiste legen sie bei Banken (35 Prozent) und 25 Prozent in Versicherungen an, gefolgt von Investmentfonds (zwölf Prozent) und Rentenwerten (elf Prozent). So die Zahlen der Bundesbank. Als Häuslebauer aber haben die Deutschen rund 4,6 Billionen Euro in Immobilien investiert.

Zurück in die Stadt

Liegen die deutschen Sparer mit dieser Verteilung richtig, wenn sie ihren Ruhestand finanziell absichern wollen?

Was die Immobilien anbelangt, zeichnen viele Experten das Bild vom Reihenhaus auf dem Land, das keiner mehr haben will, weil alle wieder in der Stadt wohnen wollen oder weil keiner mehr da ist, der es kaufen will. Doch wie so oft: Verallgemeinerungen verfälschen das Bild. Wer eine Immobilie in gutem Zustand und in begehrter Lage sein eigen nennt, kann sich in Gelassenheit üben. Allein die steigende Anzahl der Singles wirkt dem Rückgang der Nachfrage entgegen. Höhere Einkommen werden den Genuss größerer Wohnungen erlauben. Und last but not least: Der Hausbesitzer muss sein Eigentum ja nicht verkaufen. Er kann ja darin wohnen bleiben und seine vier schuldenfreien Wände mietfrei genießen. Auch Erben müssen nicht unbedingt mit einem Verfall der Immobilienpreise rechnen. Zwar wird die Nachfrage aufgrund der demografischen Entwicklung sinken – mit zirka 15 Prozent rechnen Experten für die Zeit zwischen 2025 und 2050. Stimmen aber Lage und Substanz, bleibt der Wert erhalten.

Eingehende Beobachtung verdienen die Kapitalanlagen für die Altersvorsorge. Aus Gründen der Sicherheit bevorzugen viele ältere Menschen Fondssparpläne. Die meisten dieser Pläne sehen eine Umschichtung des Kapitals kurz vor dem Erreichen der Altersgrenze vor. Der Aktienanteil wandert dann in risikoärmere Staatsanleihen. Die Folge: Die Kurse steigen und Renditen sinken. Besonders betroffen sein werden die Geldmarktfonds, weil sie keine Kursrisiken bergen. Der Mannheimer Demografie-Experte Axel Börsch-Supan rechnet mit einem Renditeverfall von 3,3 Prozent im Jahr 2000 auf 1,7 Prozent in 2030. Mit einem möglichen Verlust von gut einem Prozentpunkt werden Aktien deutlich weniger betroffen sein.

Gut gestreut

Doch Bange machen gilt nicht: Wichtig ist es, sein Geld möglichst breit gestreut anzulegen und so die Risiken zu verteilen.

Kurseinbrüchen auf dem heimischen Aktien- und Anleihenmarkt begegnen Profis mit einer Strategie, die die Anlage in global agierende Investmentfonds vorsieht. Sie positionieren ihr Kapital auch in so genannte Schwellenländern wie China oder Indien und Osteuropa. Dort sieht die demografische Entwicklung ganz anders aus als in den alten Industrienationen, die Gefahr einer Vermögensschmelze ist hier vergleichsweise geringer. Gleichzeitig müssen aber die Unsicherheiten auf diesen Märkten beachtet werden.

Mit geringeren Risiken behaftet ist die Anlage in den USA, Kanada oder Australien. Auch hier schreitet die Überalterung nicht so schnell voran wie bei uns.

Doch frei nach dem Motto „Nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird“ werden auch die Kurseinbrüche in 30 Jahren wahrscheinlich milder ausfallen als es Experten heute noch befürchten. Der Markt wird die demografische Entwicklung antizipieren und die Babyboomer werden nicht auf einen Schlag verrentet, sondern über Jahre hinweg.

Durchhalten

Eine weitere wichtige Regel neben der Streuung der Vermögensanlagen ist die Kontinuität. Profis wissen, dass ihre Kunden schnell nervös werden, wenn die Kurse nachgeben. Sie würden dann am liebsten sofort verkaufen. Damit produzieren sie in den meisten Fällen vor allem Kosten. Besser ist es, in den Zeiten fallender Kurse zu kaufen. Wer in den vergangenen Jahrzehnten auf ein gemischtes Depot mit Aktien, Immobilien, Renten und alternativen Anlagen setzte, konnte sich über eine durchschnittliche Rendite von sieben Prozent freuen.

Bestens geeignet für die Risikostreuung sind Aktien- oder Rentenfonds. Das Problem ist nur, die besten herauszufiltern. Die meisten Fondsmanager erreichen ihre Vorgaben nicht.

Hier trennt sich auch bei den Beratern die Spreu vom Weizen. Sie sollten die Qualität der Fonds kennen. Wer keinen gewieften Profi an seiner Seite hat, kann sich für Indexprodukte entscheiden. Diese Fonds folgen einem wichtigen Index, zum Beispiel dem Deutschen Aktienindex. In seinem Portefeuille befinden sich genau die Papiere, aus denen sich der Index zusammensetzt. Deshalb entspricht ihre Wertentwicklung genau der Performance des Index – kein schlechtes Geschäft.

Für den Vermögensaufbau als wenig lukrativ hat sich nach Ansicht der Experten die Lebensversicherung erwiesen. Die Kosten sind zu hoch und die Renditen zu niedrig, zumal ab diesem Jahr die Steuerfreiheit für die Erträge entfällt. Viele Freiberufler haben eine berufsständische Police. Das sollte reichen.

Überhaupt bringt es wenig, sich über die Maßen gegen Risiken abzusichern. Empfehlenswert sind nach wie vor der Abschluss einer Risikolebens- sowie einer Berufsunfähigkeitsversicherung – aber getrennt. Darüber hinaus sein müssen noch eine Hausratsund eine Haftpflichtversicherung.

Konsequent zum Ziel

Die Devise für den Aufbau eines Vermögens heißt Sparen und nochmals sparen. Damit der Konsumverzicht von Erfolg gekrönt wird, gehört die regelmäßige Beschäftigung mit der Vermögensverwaltung dazu. Wer die Hilfe eines Profis in Anspruch nimmt, überprüft regelmäßig dessen Berichte und selbstverständlich auch die Kostenabrechnung. Mehrmals im Jahr sollte die Strategie in Frage gestellt und gegebenenfalls geändert werden. Zur Routine wird dann auch die Kontrolle der privaten Einnahmen und Ausgaben. Steigt das Einkommen, muss automatisch die Sparquote erhöht werden.

Nur Konsequenz führt zum Ziel. Eine kleine Rechnung, die den Erfolg des Konsumverzichts verdeutlicht, motiviert vielleicht zum Durchhalten. So werden zum Beispiel aus einer monatlichen Sparrate von 1 000 Euro, verzinst mit jährlich sechs Prozent in 20 Jahren eine Million Euro. Gute Aussichten für einen sorgenfreien Ruhestand.

Marlene Endruweit



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