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01.04.12 / 12:00
Heft 07/2012 Der klinisch-ethische Fall
Die klinisch-ethische Falldiskussion

HIV-positiver Gatte und nichts ahnende Ehefrau

In diesem Fall geht es um die Entscheidung einer Zahnärztin zwischen Einhalten der Schweigepflicht versus Garantenstellung bei einem HIV-positiven Patienten und seiner nichts ahnenden Ehefrau.




Dominik Groß, Ralf Vollmuth, Peter Weißhaupt, Robert Sader, Peter Knüpper

Der Fallbericht:

EG, ein 35-jähriger Patient, konsultiert zum ersten Mal die Sprechstunde von Zahnärztin Dr. KM. Er kommt auf Empfehlung seiner 31-jährigen Ehefrau DG, die seit vielen Jahren Patientin bei KM ist. KM nimmt die Erstuntersuchung vor und stellt rasch fest, dass EG unter einer massiven Parodontitis leidet. Zudem diagnostiziert sie eine leichte Candidiasis im Bereich des hinteren Gaumens und multiple (den Angaben des Patienten zufolge rezidivierend auftretende) Aphthen. Die Zahnärztin erstellt einen Behandlungsplan, der unter anderem eine systematische PAR-Behandlung mit einzelnen parodontalchirurgischen Maßnahmen vorsieht. Da EG den Anamnesebogen nur unvollständig ausgefüllt hat, geht KM den Bogen Punkt für Punkt durch, um die Angaben zu komplettieren. Bei der Frage nach einer möglichen HIV- oder Hepatitis-Infektion weicht EG aus. KM bohrt nach und verweist auf die Tatsache, dass derartige Angaben besonders wichtig seien, wenn – wie im vorliegenden Fall – eine „blutige“ Behandlung geplant sei. Daraufhin gibt EG an, HIV-positiv zu sein. Aus dem weiteren Gesprächsverlauf ergibt sich, dass seine Ehefrau von der Infektion keine Kenntnis hat und dass er seine Partnerin der Gefahr aussetzt, sich anzustecken. Auch glaubt sich die Zahnärztin zu erinnern, dass ihr die Ehefrau anlässlich eines früheren Behandlungstermins berichtete, die „Familienplanung“ noch nicht abgeschlossen zu haben.

KM ist besorgt und verunsichert: Wie weit reicht die (zahn)ärztliche Schweigepflicht? Darf oder soll sie die Ehefrau, für deren gesundheitliches Wohlergehen sie sich ebenfalls zuständig fühlt, über den HIV-Status ihres Mannes aufklären oder soll sie stattdessen auf den Mann einwirken? Kann sie das bestehende Dilemma vielleicht überwinden, wenn sie der Ehefrau einen anonymen Brief schreibt? Oder handelt es sich letztlich um eine private Angelegenheit zwischen zwei Menschen, in die sich eine Zahnärztin nicht einmischen sollte?

Dominik Groß

Kommentar 1

Die ärztliche Schweigepflicht zählt sowohl aus ärztlicher Sicht als auch in der öffentlichen Meinung zu den wesentlichsten und schützenswertesten Merkmalen und rechtlichen Besonderheiten des Arztberufs. Zahnärztin KM erhält nun Kenntnis über einen gesundheitlichen Sachverhalt, der nicht nur den neuen Patienten EG selbst betrifft, sondern auch elementare gesundheitliche Folgen für die Ehefrau haben kann, die ebenfalls Patientin von KM ist: Aufgrund der bestehenden HIV-Infektion des Ehemanns und des der Zahnärztin erinnerlichen Kinderwunsches des Ehepaars besteht das Dilemma von KM darin, einerseits durch die Wahrung der Schweigepflicht die Gesundheit ihrer Patientin erheblich zu gefährden, andererseits durch die Offenbarung dieser Gefährdung die ärztliche Schweigepflicht zu brechen. Sie hat also zwischen zwei ethischen Prinzipien – der Patientenautonomie des Ehemanns und dem Nichtschadensprinzip im Hinblick auf die Gesundheit und das Leben der Ehefrau – abzuwägen. Hierbei hilft ihr die mittlerweile geltende Rechtsprechung, wonach der ärztlichen Schweigepflicht Grenzen gesetzt sind, wenn andere, höhere Rechtsgüter hierdurch bedroht werden [Oberlandesgericht Frankfurt, 1999; Engländer, 2001]. Der Zahnärztin ist es somit erlaubt, im Fall der Uneinsichtigkeit des Ehemanns EG Frau DG zu informieren, ja in diesem Fall ist sie sogar dazu verpflichtet, da sie ihrer Patientin gegenüber eine besondere Sorgfaltspflicht besitzt.

Das konkrete Vorgehen hängt dabei zunächst vom Verhalten des Ehemanns ab. Zweifellos wäre eine Information von Frau DG durch ihren Mann selbst wünschenswert. Ist EG diesbezüglich jedoch nicht einsichtig, so ist es die Aufgabe der Zahnärztin, DG in angemessener und sachbezogener Form – das heißt keinesfalls anonym, sondern mit Bezug auf das Zahnarzt-Patient-Verhältnis, die rechtliche Situation und die bestehende Gefährdung – zu informieren. Dieses Vorgehen stellt keine Einmischung in die private Angelegenheit des Ehepaars dar, da DG bisher ahnungslos einer Gefährdung ausgesetzt war (und dies auch weiterhin ist), die für sie sogar lebensbedrohlich werden könnte.

Ralf Vollmuth

Kommentar 2

Der Patient offenbart seiner ZÄ, HIV-positiv zu sein, und teilt ihr zugleich mit, dass seine Ehefrau von der Infektion keine Kenntnis hat und er sie durch sein Verhalten zudem permanent der Gefahr aussetzt, sich anzustecken.

Da die Ehefrau ebenfalls ihre Patientin ist, wähnt sich die ZÄ in einem (vermeintlichen) moralischen Dilemma: Sie soll die Schweigepflicht gegenüber ihrem Patienten wahren und fühlt sich zugleich für das gesundheitliche Wohlergehen der Ehefrau verantwortlich. Zunächst ist zu klären, ob hier ein klassisches moralisches Dilemma im Sinne konfligierender Pflichten aus der Prinzipienethik vorliegt. Konkret handelt es sich um (1) den Respekt vor der Patientenautonomie, (2) das Gebot der Non-Malefizienz (Nichtschadensgebot), (3) das Gebot der  Benefizienz (Gebot des ärztlichen Wohltuns) und (4) das Gebot einer gerechten Behandlung.

Moralische Dilemmata entstehen, wenn eine Person mehrere Verpflichtungen in einer Situation gleichzeitig einhalten soll, aber nur eine Verpflichtung erfüllen kann. Die Wahl einer Verpflichtung schließt also die Verletzung einer oder mehrerer anderer Verpflichtungen mit ein [Höffe, 2003]. Mit dieser Konzeption ihrer Prinzipienethik gelten nach Beauchamp und Childress die vier Prinzipien und ihre Spezifikationen im gleichen Maß, die als Prima-facie-Prinzipien intuitives Erkennen ethischer Verpflichtungen voraussetzen [Rauprich, 2005]. Die Bezeichnung „prima facie“ drückt den Vorbehalt aus, dass für konkrete Handlungssituationen gegensätzliche Pflichten nicht auszuschließen sind und somit konfligieren können.

Die ärztliche Schweigepflicht ist in ethischer Hinsicht eine Spezifizierung des Prinzips der Wahrung der Patientenautonomie. Als Zahnärzte haben wir die Privat- und Intimsphäre unserer Patienten zu wahren, indem wir Dritten nicht über deren Krankheit berichten. Es ist ureigenster Ausdruck seiner Autonomie, selbst darüber entscheiden zu können, ob und wen der Patient wann über seinen Gesundheitszustand informiert oder auch nicht. Diese Verpflichtung gilt ebenso uneingeschränkt für die ZÄ gegenüber ihrem Patienten, der sie über seine HIV-Infektion informiert hat.

Zugleich fühlt sich die ZÄ – gerade aufgrund ihres Wissens um den HIV-Status ihres Patienten – für das gesundheitliche Wohl von dessen Ehefrau mit verantwortlich, da diese auch bei ihr in Behandlung ist. Handelt es sich also um eine Verletzung des – vermeintlich konkurrierenden – Wohltun-Prinzips gegenüber ihrer Patientin, wenn sie diese – da es EG nicht tut – über den HIV-Status des Ehemanns nicht informiert?

Diese Frage ist zu verneinen. Die Wohltun- und Nicht-Schadens-Verpflichtungen, wie auch die Pflichten zur Wahrung der Patientenautonomie und zur Wahrung sozialer Gerechtigkeit, bezwecken einerseits den Schutz des Patienten gegenüber seinem Behandler und nehmen diesen in eine ethische Gesamtverantwortung für die Folgen aus seiner professionellen Tätigkeit resultierenden Handelns und Unterlassens. Dieser Verpflichtungs-Katalog kann und darf jedoch Patienten nicht von deren Eigenverantwortung entbinden, die ihnen aufgrund ihres allgemeinen Lebens- und Umgangsrisikos selbst obliegt, das, wie im vorliegenden Fall, mit zahnärztlichem Behandlungsrisiko nun gar nichts gemein hat.

Konkret obliegen also die Kommunikation und der Umgang mit der HIV-Erkrankung des Ehemanns dem Eigenverantwortungsbereich der ehelichen Beziehung. Somit hat die ZÄ die Schweigepflicht zu wahren und darf weder selbst noch auf Umwegen die Ehefrau ihres Patienten über den HIV-Status ihres Mannes informieren. Sie kann lediglich versuchen, auf ihren Patienten einzuwirken, sich seiner Frau zu offenbaren. Ihre Wohltuns-Verpflichtung gegenüber ihrer Patientin verletzt die ZÄ hierdurch nicht.

Peter Weißhaupt

Kommentar 3

Dieses Fallbeispiel stellt eines der spannendsten ethischen Dilemmata dar, auf die ein Zahnarzt oder Arzt treffen kann. Denn hier geraten zwei diametral entgegengesetzte ethische Prinzipien in Konflikt: auf der einen Seite der Schutz der Autonomie und persönlichen Integrität eines Patienten, der HIV-infiziert ist und diese Information von seinem Behandler vertraulich behandelt sehen möchte. Und auf der anderen Seite das Nichtschadensprinzip gegenüber dessen Ehepartnerin, die vor einer eventuellen lebensbedrohlichen Infektion geschützt werden müsste.

Die Rechtsprechung in Deutschland hat über einen ähnlich gelagerten Fall bereits rechtskräftig und eindeutig entschieden [Oberlandesgericht Frankfurt, 1999]. Der juristischen Bewertung darf und muss aber eine gleichberechtigte Bewertung anhand ethischer Kriterien gegenübergestellt werden. Hierzu ist es nötig, diesen Fall in seiner Individualität und in allen Details zu betrachten und darauf basierend in einen ethischen Diskurs einzutreten und damit letztendlich zu einer ethisch reflektierten Beantwortung der gestellten Fragen zu kommen. Als Endergebnis kann die ethische Beantwortung die juristische Meinung unterstützen, sie kann dieser aber auch diametral entgegenstehen und damit weiteren juristischen Klärungsbedarf anzeigen.

Fallanalyse/Tatsachenbeschreibung

Ein zahnärztlicher Patient ist HIV-infiziert. Diese Tatsache gelangt seiner behandelnden Zahnärztin aber nicht aufgrund von medizinischen Befunden zur Kenntnis, sondern der Patient offenbart diese Information freiwillig auf intensivere Nachfrage. Ursache der Offenbarung ist die Aufklärung der Behandlerin, dass eine blutige Behandlung geplant sei und damit eine eventuelle Infektionsgefahr für sie persönlich bestehe. Dies darf man so interpretieren, dass der Patient die Information über seine Infektion offenbart hat, um die Gesundheit der behandelnden Zahnärztin zu schützen. Damit hat er selbst gezeigt, dass das Prinzip der Verantwortung für ihn einen höheren Stellenwert haben kann als seine Autonomie, die im Verschweigen der Infektionskrankheit ihren Ausdruck finden könnte. Die ebenfalls in der Fallbeschreibung angeführte Erinnerung der Zahnärztin bezüglich einer eventuell geäußerten Familienplanung seitens der Ehefrau ist allerdings subjektiv und könnte auch vollkommen falsch sein. Diese fragliche Erinnerung darf deshalb an keiner Stelle als Entscheidungsgrundlage mit herangezogen werden. Im Übrigen fehlt auch das Statement des Betroffenen selbst bezüglich der Familienplanung – dieses könnte ja auch entgegengesetzt ausfallen.

Diskurs

Die ärztliche Schweigepflicht basiert auf dem im Grundgesetz verankerten Wert und Grundrecht aller Bürger, wonach die Würde eines Menschen unantastbar ist. Die Schweigepflicht des Arztes ist eine der höchsten ärztlichen Standes- und Rechtspflichten [Laufs, 1993]. Sie resultiert nicht nur traditionell aus dem Hippokratischen Eid, sondern ist standes- und (seit dem 1. Januar 1975 auch in § 203 StGB) strafrechtlich normiert. Informationen, die ein Arzt/Zahnarzt aufgrund oder zum Zwecke einer Behandlung von seinem Patienten erhält, darf er nur mit dessen ausdrücklicher Zustimmung weitergeben. Auf der anderen Seite steht das Nichtschadensprinzip, wonach der Arzt/Zahnarzt verpflichtet ist, seine Patienten keinem unbotmäßigen Schaden auszusetzen. Auch dieses Gebot geht direkt auf den Schutz der Menschenwürde zurück.

Eine Pflicht zur Offenbarung ist deshalb für den Arzt nicht gegeben. Bei einer ordnungsgemäßen Aufklärung und Belehrung des Patienten über die Risiken, die mit der Erkrankung für sich und andere einhergehen, setzte sich der Arzt weder straf- noch zivilrechtlichen Konsequenzen aus, wenn er der ärztlichen Schweigepflicht den Vorrang einräumte [Parzeller/Bratzke, 2000].

Aus diesem Grund sind aus meiner Sicht zunächst beide Güter per se absolut gleichberechtigt – sowohl das Recht des Patienten auf die vertrauliche Behandlung der Information über seine Krankheit, als auch das Recht der Ehefrau, eine solche Information unbedingt übermittelt zu bekommen. Meines Erachtens liegt es im Ermessen der Zahnärztin, auf der Grundlage ihrer persönlichen Werthaltung zu entscheiden, welches Gut für sie mehr wiegt. Hilfestellung kann aber auch das Verhalten des Betroffenen selbst geben. Dieser hatte ja der Zahnärztin die entsprechende Information nur gegeben, um deren persönliche Gesundheit zu schützen. Also hat der Patient in seinem eigenen ethischen Wertesystem den Schutz eines anderen Lebens über seine persönliche Autonomie gestellt.

Zusammenfassend darf man sagen, dass die Analyse der bisherigen Rechtspraxis und die ethische Analyse nach meinem Dafürhalten nicht deckungsgleich sind. Unter Berücksichtigung der individuellen Fallkonstellation bewerte ich die gestellten Fragen – aus ethischer Sicht – wie folgt:

• Die Reichweite der zahnärztlichen Schweigepflicht stößt hier an eine Grenze. Letztendlich kann nicht geklärt werden, wo diese Grenze genau liegt (Grauzonenbereich).

• Auf jeden Fall muss die Zahnärztin auf den Mann einwirken mit dem Ziel, dass er sich selbst seiner Frau offenbart. Sollte er dies ablehnen, muss sie im Rahmen einer Güterabwägung zu einer Entscheidung gelangen. Ich würde in diesem Fall dafür plädieren, die Infektion der Ehefrau mitzuteilen, da der Ehemann durch sein eigenes Verhalten – er gab der Zahnärztin unbedrängt die betreffende Information – bereits den Weg in diese Richtung gewiesen hat.

• Ein anonymer Brief stellt aus ethischer Sicht keine alternative Lösungsmöglichkeit dar, da der Brief selbst bereits eine Verletzung der Schweigepflicht darstellt. Die Anonymität des Briefes könnte ja zudem auch durch ein Versehen aufgehoben werden.

• Mit Sicherheit ist das geschilderte Problem keine private Angelegenheit, denn in dem Moment, in dem die Zahnärztin von der Infektion erfahren hat, ist sie betroffen und muss entscheiden. Dies gehört zu den professionellen Aufgaben einer Zahnärztin.

Robert Sader

Korrespondenzadressen:

Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Dr. phil. Dominik Groß
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin Universitätsklinikum der RWTH Aachen
Wendlingweg 2
D-52074 Aachen
gte-med-sekr@ukaachen.de

Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Robert Sader
Universität Frankfurt
Direktor der MKG-Chirurgie
Theodor-Stern-Kai 7
60596 Frankfurt
R.Sader@em.uni-frankfurt.de


Prof. Dr. med. dent. Ralf Vollmuth
Oberfeldarzt – Leiter Zahnarztgruppe Fachsanitätszentrum Hammelburg
Rommelstr. 31
97762 Hammelburg
dr.ralf.vollmuth@t-online.de

Dr. med. dent. Peter Weißhaupt
Laventiestr. 2
58640 Iserlohn-Sümmern

RA Peter Knüpper
Hauptgeschäftsführer
Bayerische Landeszahnärztekammer
Fallstr. 34
81369 München
knuepper@blzk.de

INFO

Der juristische Kommentar

Das Thema „HI-Virus und ärztliche Schweigepflicht“ wirft nicht nur ethische Fragen auf. Zudem stellen sich Rechtsfragen, die hier angerissen werden sollen.

Berufsordnung

In der zahnärztlichen Musterberufsordnung [Bundeszahnärztekammer, 2010] heißt es in § 7 MBO-Z: „Der Zahnarzt hat die Pflicht, über alles, was ihm in seiner Eigenschaft als Zahnarzt anvertraut und bekannt geworden ist, gegenüber Dritten Verschwiegenheit zu wahren.“ So oder ähnlich formulieren es auch die Berufsordnungen der Zahnärztekammern, die der Zahnarzt zu beachten hat. Betont wird diese Berufspflicht auch durch die Präambel der zahnärztlichen Muster-Berufsordnung, die das besondere Vertrauensverhältnis zwischen Zahnarzt und Patient hervorhebt. In dem der Musterberufsordnung vorangestellten (Genfer) Gelöbnis, das die ethische Verpflichtung des Zahnarztes unterstreicht, heißt es hierzu: „Ich werde alle mir anvertrauten Geheimnisse auch über den Tod des Patienten hinaus wahren.“ Die ärztliche Schweigepflicht gilt jedoch nicht ausnahmslos. So kann der Arzt im Einzelfall zur Offenbarung bestimmter Umstände befugt sein, gegebenenfalls treffen ihn gar gesetzliche oder vertragliche Offenbarungspflichten. Auch die Musterberufsordnung geht auf diese Fallgestaltung ein. So heißt es in § 7 Abs. 2: „Der Zahnarzt ist zur Offenbarung befugt, soweit er von dem Betroffenen oder seinem gesetzlichen Vertreter von der Schweigepflicht entbunden wurde oder soweit die Offenbarung zum Schutz eines höheren Rechtsguts erforderlich ist. Gesetzliche Aussage- und Anzeigepflichten bleiben davon unberührt.“

Strafrecht

Der Straftatbestand der Verletzung von Privatgeheimnissen schützt den persönlichen Lebens- und Geheimnisbereich ebenso wie das allgemeine Vertrauen in die ärztliche Berufsausübung sowie die Funktionsfähigkeit dieses Systems. Strafbar im Sinne von § 203 StGB ist die Offenbarung von Berufsgeheimnissen. Die Verschwiegenheitspflicht gilt auch gegenüber Berufskollegen. Rechtfertigungsgründe für eine Offenbarung gegenüber Kollegen können je nach Fallgestaltung greifen. Dazu zählt typischerweise die Einwilligung seitens des Patienten. Wann ist ein Zahnarzt zur namentlichen Offenbarung von Patientengeheimnissen befugt, gegebenenfalls sogar verpflichtet? Den Schlüssel zur Antwort bietet neben der oben erwähnten Formulierung des § 7 Abs. 2 der Musterberufsordnung die Tatbestandsbeschreibung des § 203 StGB, der die Verletzung von Privatgeheimnissen dann unter Strafe stellt, wenn die Offenbarung „unbefugt“ geschieht. Die Befugnis zur Offenbarung ergibt sich jedenfalls immer dann, wenn dies im Sinne des rechtfertigenden Notstands im Rahmen einer umfassenden Güter- und Interessenabwägung zum Schutz der Rechtsgüter Dritter geboten ist, also beispielsweise, wenn ein an einer lebensbedrohlichen Infektion leidender Patient sich weigert, andere durch ihn konkret infektionsgefährdete Personen über die Infektionsgefahr aufzuklären. Dies gilt insbesondere in Bezug auf die Lebenspartner. So hat das Oberlandesgericht Frankfurt 1999 entschieden, dass die ärztliche Schweigepflicht nicht die Aufklärung über die AIDS-Erkrankung des Lebenspartners und die bestehende Ansteckungsgefahr verbietet, wenn der Kranke erkennbar uneinsichtig ist und die Bekanntgabe verbietet. Wenn beide Lebenspartner Patienten des gleichen Arztes sind, ist dieser nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet, den anderen Lebenspartner über die AIDS-Erkrankung und die bestehende Ansteckungsgefahr aufzuklären (Urteil vom 8. 7. 1999; AZ 8 U 67/99).

Infektionsschutzgesetz

Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) [Bales et al., 2003] zählt in § 6 namentlich meldepflichtige Krankheiten auf, darunter akute Virushepatitis. Die Infektion mit dem HI-Virus zählt nicht dazu.

Bei einem direkten oder indirekten Nachweis des HIV-Krankheitserregers hat die Meldung nach § 7 Abs. 3 Infektionsschutzgesetz nicht namentlich zu erfolgen. Meldepflichtig ist der feststellende Arzt. Das wird in der Regel nicht der Zahnarzt sein.

Für den Zahnarzt von Bedeutung ist weiterhin § 31 IfSG (Berufliches Tätigkeitsverbot). Danach kann die zuständige Behörde Kranken, Krankheitsverdächtigen, Ansteckungsverdächtigen und Ausscheidern die Ausübung bestimmter beruflicher Tätigkeiten ganz oder teilweise untersagen. Dies gilt auch für sonstige Personen, die Krankheitserreger so in oder an sich tragen, dass im Einzelfall die Gefahr einer Weiterverbreitung besteht. In diesem Fall wird eine Entschädigung in Geld gewährt, wenn der Betroffene durch das Tätigkeitsverbot einen Verdienstausfall erleidet, § 56 IfSG Abs. 1 Satz 1.

Zivilrecht

Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs [Urteil vom 14.6.2005, AZ: VI ZR 179/04] muss nicht nur der behandelte Patient, sondern auch dessen zum Behandlungszeitpunkt noch nicht bekannter Ehepartner in den Schutzbereich der Pflicht zur nachträglichen Sicherungsaufklärung über die Gefahr einer transfusionsassoziierten HIV-Infektion einbezogen werden. Dabei steht im Vordergrund die besondere Gefahr einer Infektion mit HIV nicht nur für den primär durch die Transfusion Infizierten, sondern gerade auch für Dritte. Wörtlich: „Bei dieser Erkrankung trägt die Behandlungsseite in besonderem Maße Verantwortung dafür, eine Verbreitung der lebensgefährlichen Infektion möglichst zu verhindern.“ Nun lassen sich diese für die bekanntermaßen HIV-risikobehaftete Bluttransfusion in der Klinik entwickelten Grundsätze des Behandlungsvertrags nicht unmittelbar auf die zahnärztliche Behandlung übertragen. Dennoch wird man davon ausgehen dürfen, dass die Gerichte auch einem Zahnarzt, der Kenntnis von einer HIV-Infektion hat, Verantwortung dafür zuschreiben, die Verbreitung einer lebensgefährdenden Infektion zu vermeiden. Dies gilt insbesondere, wenn der potenziell gefährdete Partner des Infizierten ebenfalls zu den Patienten des Zahnarztes zählt. Dann ergeben sich zusätzliche Schutzpflichten aus dem Behandlungsvertrag (Garantenstellung). Der (möglicherweise) selbst infizierte Zahnarzt sollte sich bewusst sein, dass aus dem Behandlungsvertrag auch Schutzpflichten (nihil nocere) gegenüber seinen Patienten erwachsen, die – denkbarerweise – auch zu einer vertraglichen Haftung führen könnten, falls die Infektion im Wege der Behandlung weiter getragen wird.

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass bei HIV-Infektionen in der (zahnärztlichen) Praxis das Spektrum zu beachtender Rechtsnormen von der Rechtfertigung der Verletzung der (berufsrechtlichen) Schweigepflicht bis hin zur Pflicht zur (strafrechtlich relevanten) Geheimnisoffenbarung reicht.

Peter Knüpper

INFO

Glossar

Das vollständige Glossar der ethischen Fälle ist auf www.zm-online.de unter Service einsehbar:
Garantenstellung
Pflichtenposition einer Person (etwa eines Zahnarztes), in der sie dafür einzustehen hat, dass vermeidbare Gefährdungen einer anderen Person (etwa eines Patienten) nicht eintreten.
Güterabwägung
Rational begründete Vorzugswahl als Ergebnis einer vergleichenden Gewichtung kollidierender Güter
Moralisches Dilemma
Entscheidungssituation, in der eine ethisch gewünschte beziehungsweise gebotene Handlungsoption mit einer anderen, ethisch ebenfalls gewünschten respektive gebotenen Option kollidiert, wobei eine der Optionen realisiert werden muss und in der es einen verantwortlichen Entscheidungsträger gibt, der eine Option auf Kosten der anderen zu wählen hat (gr. di-lemma = Zwiegriff, zweigliedrige Annahme).
Offenbarungsbefugnis
Recht, das es einer Heilperson erlaubt, ein Patientengeheimnis rechtmäßig preiszugeben. Sie stellt eine Befugnis, aber keine Pflicht dar.
Offenbarungspflicht
Rechtliche Pflicht einer Heilperson, ein Patientengeheimnis preiszugeben, etwa beim Vorliegen eines rechtfertigenden Notstands gemäß § 34 StGB
Prima-facie-Pflicht
Pflicht, die auf den ersten Blick (lat. prima facie) bis auf Widerruf gilt. Sie ist dann zu erfüllen, wenn sie nicht im Widerspruch zu einer anderen Pflicht steht.



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