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15.04.17 / 00:03
Heft 08/2017 Gesellschaft
Wegbereiter der Zahnheilkunde – Teil 2

Hans Moral – Miterfinder der Lokalanästhesie

Hans Moral gehört aus heutiger Sicht zu den produktivsten und innovativsten Wissenschaftlern seiner Zeit. Der jüdische Zahnmediziner war erfolgreicher Ordinarius an der Rostocker Zahnklinik, bis ihn, der viele Jahre unter Depressionen litt, die Nazis in den Selbstmord trieben.



© Uni Rostock

Hans Moral wurde am 8. September 1885 als Sohn der Kaufleute Martin und Lina Moral in Berlin geboren. Nach dem Abitur nahm er 1905 an der Universität München das Studium der Zahnheilkunde auf. Nach einem Semester kehrte er nach Berlin zurück, setzte das Studium hier fort und legte 1908 das Staatsexamen ab.

In Greifswald folgte ein Medizinstudium, das er knapp zweieinhalb Jahre später mit dem Staatsexamen abschloss [Fischer, 1962; Pahnke/Beetke, 1987; Depmer, 1993; Benz, 1997; Schwanewede, 2012; Catalogus Professorum Rostochiensium, 2015].

Noch in Greifswald nahm Moral Verbindung zur zahnärztlichen Abteilung der dortigen chirurgischen Poliklinik unter der Leitung von Guido Fischer auf. Mit Fischers Assistenten Hans Bünte forschte Moral zur Leitungsanästhesie – eine Zusammenarbeit, die 1910 in eine erste gemeinsame Arbeit [Bünte/Moral, 1910] mündete [Fischer, 1962; Pahnke/Beetke, 1987; Depmer, 1993; Benz, 1997; Schwanewede, 2012; Catalogus Professorum Rostochiensium, 2015].

1912 konnte er zudem nahezu zeitgleich zwei themenverwandte Dissertationen abschließen, die zum Dr. med. und Dr. phil. führten [Moral, 1912a; 1912b]. 1912 wurde er Assistent am Zahnärztlichen Institut der Universität Marburg, wechselte aber 1913 an das Zahnärztliche Institut in Rostock, das seit 1910 von Johannes Reinmöller geleitet wurde [Fischer, 1962; Pahnke/Beetke, 1987; Depmer, 1993; Benz, 1997; Schwanewede, 2012; Catalogus Professorum Rostochiensium, 2015].

Bereits im Folgejahr reichte Moral im Alter von nur 28 Jahren seine Habilitationsschrift „Über die Lage des Anästhesiedepots“ ein [Moral, 1914]. Im Juli erhielt Moral die Venia legendi durch die Medizinische Fakultät. Zudem wurde er zum Privatdozenten ernannt [Fischer, 1962; Pahnke/Beetke, 1987; Depmer, 1993; Benz, 1997; Schwanewede, 2012; Catalogus Professorum Rostochiensium, 2015].

Da Reinmöller und dessen erster Assistent Gustav Scharlau 1914 kriegsbedingt abkommandiert wurden, übernahm Moral auf Beschluss der Fakultät am 1. August 1914 als Kommissarius die Leitung der Reinmöllerschen Klinik, einschließlich des Lehrbetriebs und der Forschungsaufgaben. In der Folgezeit verschlechterte sich – vermutlich infolge fortgesetzter Überbelastung [Schwanewede, 2012] – Morals Gesundheitszustand, so dass er den Dekan der Medizinischen Fakultät Mitte Januar 1916 bat, auf Reinmöllers Rückkehr ins Institut hinzuwirken. Doch sein Gesuch blieb unerhört.

Stattdessen wurde er von seiner Fakultät auf Initiative Reinmöllers in Anerkennung seiner Verdienste im Juli 1917 zum Titularprofessor ernannt [Fischer, 1962; Pahnke/Beetke, 1987; Depmer, 1993; Benz, 1997; Schwanewede, 2012; Catalogus Professorum Rostochiensium, 2015].

Als Reinmöller 1920 einem Ruf nach Erlangen folgte, übertrug man Moral offiziell die Institutsleitung und beförderte ihn zum außerordentlichen Professor (Extraordinarius) für Zahnheilkunde an der Universität Rostock. Trotz eines Herzleidens und depressiver Episoden führte er sein Amt erfolgreich aus [Schwanewede, 2012].

Und so wurde ihm 1923 die Position eines ordentlichen Professors zuerkannt. Schon bald gelang ihm dank eingeworbener Mittel von privaten Stiftungen die Eröffnung einer stationären Abteilung. Die Fakultät reagierte auf diesen Erfolg mit einer ungewöhnlichen Geste: Sie verlieh dem erst 39-Jährigen 1924 „in Anerkennung der Verdienste [...] um den Ausbau der Universitäts-Zahnklinik Rostock“ den Dr. med. h. c. [Schwanewede, 2012].

In den 1920er-Jahren folgte der auch international renommierte Moral zahlreichen Einladungen zu Vortragsreisen ins Ausland, wo er weitere Ehrungen entgegennehmen durfte. 1929 wurde Moral überdies zum Dekan der Rostocker Medizinischen Fakultät gewählt. Damit hatte er im Alter von nur 44 Jahren den Höhepunkt – und zugleich den Wendepunkt – seiner Hochschulkarriere erreicht.

Moral litt zunehmend an Kopfschmerzattacken und Depressionen und kündigte im November 1931 einen Suizid an. In Abschiedsbriefen an den amtierenden Dekan und an seinen Oberarzt begründete er seine Lebensmüdigkeit mit anhaltender Migräne und mit persönlichen Anfeindungen. Moral beklagte insbesondere, dass er aufgrund seiner Auslandsreisen des „Vaterlandsverrats“ bezichtigt wurde [Schwanewede, 2012].

Auch wenn er seine Suizidabsicht zu diesem Zeitpunkt noch nicht in die Tat umsetzte, spitzte sich seine Lage weiter zu: Als Jude war er den Anfeindungen der Nationalsozialisten ausgesetzt. So brachen Mitglieder des „Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes“ (NSDStB) in Morals Wohnung ein, um sie zu verwüsten [Depmer, 1993; Schwanewede, 2012]. Moral reagierte am 8. März 1933 mit einem weiteren Abschiedsbrief, in dem er ein düsteres Zukunftsszenario entwarf: „Die Entwicklung in Deutschland geht einen Weg, der  wahrscheinlich zur Folge haben wird, daß man mich aus meinem Lehramt entfernt“ [Schwanewede, 2012].

Moral vollzog den angekündigten Suizid rund fünf Monate später: In der Nacht auf den 5. August 1933 vergiftete er sich mit Zyankali und Veronal. Obwohl er wiederbelebt wurde, kam die Hilfe zu spät: Moral starb am 6. August in Rostock im Alter von 47 Jahren, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben [Schwanewede, 2012].

In der kurzen Zeitspanne von März bis August 1933 hatte Moral erleben müssen, wie sich seine dunklen Vorahnungen erfüllten: So war er bereits am 5. April 1933 durch Gauleiter Friedrich Hildebrandt aufgefordert worden, von seinem Lehrstuhl zurückzutreten, um einer Abberufung durch das Kultusministerium zuvorzukommen. Wenige Tage später, am 13. April, hatte Moral dann auf Druck der Nationalsozialisten um Beurlaubung gebeten und am 14. April weitere – frustrane – Briefe an Rektor und Dekan geschrieben. Hierin hatte er eine „Ehrabschneidung“ beklagt, „die ich nicht ertragen kann“ sowie den Verlust seiner „Existenzmöglichkeit, sodass mir in der Tat nichts anders bleibt, wie aus diesem Leben zu gehen“ [Schwanewede, 2012].



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