sf
16.04.12 / 12:40
Heft 08/2012 Zahnmedizin
3. Deutscher Halitosistag in Berlin

Hauptsache der Speichel fließt

Die Zahl der Produkte für frischen Atem steigt stetig. Und in den meisten Fällen liegt die Quelle des unangenehmen Geruchs auch im Bereich der Mundhöhle. Was jeweils genau die Ursache ist, zeigt die Einzelfalldiagnose, wenngleich die Innovationen hier eher marginal sind. Fest steht, dass zahlreiche Erkrankungen in der Mundhöhle mit der Halitosis assoziiert sind.



Trotz frühlingshafter Temperaturen und strahlendem Sonnenschein herrschte auf dem 3. Halitosistag in Berlin gespannte Aufmerksamkeit. Foto: sf-zm

Prof. Dr. Christoph Benz, München, der die Tagung leitete, referierte zum Zusammenhang von Medikamenten, Speichelfluss und Mundgeruch. „Die beste natürliche Abwehr gegen Halitosis ist der Speichel“, so Benz. Immer wenn die Speichelfließrate reduziert wird, ist die Spülfunktion des Speichels gestört und Mundgeruch die Folge. Bundesweit sei jeder Zehnte unter 60 von Xerostomie betroffen – bei den über 60-jährigen sei es jeder Fünfte. Zu den Einflussgrößen zählten neben einer zu geringen Flüssigkeitsaufnahme oder Stress unter anderem auch Funktionsstörungen der Speicheldrüsen. Sogar eine Vielzahl von Medikamenten sei ursächlich für reduzierten Speichel. Dazu zählten unter anderem krampflösende Mittel, Antidepressiva, Beruhigungsmittel (Ritalin) und Schlafmittel, Antihistaminika bei Allergien oder blutdrucksenkende Medikamente. Einzelne Drogen erzielten den gleichen Effekt. Benz erklärte: „Der trockene ’Meth-Mouth’ wird aktuell viel diskutiert.“ Der Begriff bezeichnet die im Mund sichtbaren Folgen der Droge Methamphetamin (auch als „Crystal Meth“, „Yabaa“, „Crystal-Speed“ oder „Thaipille“ bekannt). Die Abhängigkeit könne zum Verlust von einzelnen bis allen kariösen Zähnen führen.

Daneben gibt es auch radiologisch sichtbare Ursachen: „Radiologische Halitosis-Ursachensuche ist streng genommen eine Höhlenforschung“, führte Dr. Dorothea Dagassan-Berndt, Basel, aus. Die Panoramaschicht-aufnahme eigne sich als bildgebendes Verfahren in der Zahnmedizin besonders, um Schlupfwinkel und Nischen darzustellen, in denen sich Mikroorganismen fern der täglichen Mundhygiene unkontrolliert vermehren können. So könnten etwa Zysten Halitosis auslösen, wenn durch klinisch unsichtbare Taschen Zystenflüssigkeit aus fließt. Bei zementierten Implantaten könnten sich Bakterien an Zementresten anlagern, erläuterte die Referentin aus Basel.

Probiotisch therapieren

Stellvertretend für Prof. Dr. Andreas Filippi, Basel, der verhindert war, beleuchtete PD Dr. Rainer Seemann, Bern, als zweiter Tagungsleiter die aktuellen Forschungsergebnisse aus der „breath research“, wie das Gebiet der Halitosis im Englischen genannt wird. Neue Testgeräte befänden sich noch in der „pipeline“. Der Hallimeter sei für die Praxis gut geeignet. Auch das deutlich teurere Oral Chroma habe sich in der Diagnostik etabliert. In der Therapie gelte es als wissenschaftlich anerkannt, den oralen Biofilm mechanisch zu zerstören, um die Halitosis zu beseitigen. „Hier gilt es, probiothisch zu therapieren“, sagte Seemann.

Durch den Pre-Congress-Workshop führte Dr. Clemens Walter, Basel, der zudem zur Vergesellschaftung von Parondontitis marginalis und Halitosis referierte. Mit Ausnahme der nekrotisierenden Parodontalerkrankungen, sei die Parodontitis eine Volkskrankheit, die ohne eine entsprechende Früherkennung lange „still“ verlaufe, so Walter. Wenn ein Patient dennoch „aus freien Stücken“ die Praxis aufsucht, liege das häufig auch am „unangenehmen Geschmack im Mund oder eben […] Mundgeruch.“ Walter sagte: „Bakterien in parodontalen Taschen, etwa Spirochäten, können Ursache einer Halitosis sein.“ In der Therapie gelte es, im Rahmen eines Biofilmmanagements, positive Bakterien anzusiedeln. Würden dagegen alle Bakterien abgetötet, könne der Patient von einem Pilz befallen werden. Mundspüllösungen könnten nur dann wirken, wenn zuvor der pathogene Biofilm zerstört wurde, erklärte Wagner. „Bis heute gibt es zur mechanischen Zerstörung des oralen Biofilms noch keine wissenschaftlich fundierten Alternativen.“ Schließlich hob Wagner auf die Bedeutung der „oralen Medizin“ ab. Gerade seinen Zahnarzt sehe der Patient häufiger als Kollegen anderer Fachgebiete. Damit habe der Berufsstand eine hohe präventive Verantwortung. Diese gelte es zu nutzen, mit allen opportunen Kommunikationsstrategien. Wagner nannte hier die Neurolinguistische Programmierung (NLP) und das Motivational Interviewing (MI). sf



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