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16.01.05 / 00:15
Heft 02/2005 Politik
Die andere Meinung

Hochwertige Zahnerhaltung

Diejenigen Disziplinen, die sich der Zahnerhaltung besonders verpflichtet fühlen, verfolgen die Devise: „Prävention so offensiv wie möglich, Restauration so defensiv wie möglich“.



Prof. Dr. Dr. Hans Jörg Staehle Foto: privat

Weitere Verbesserungen in der Vorbeugung oraler Erkrankungen werden nur dann zu meistern sein, wenn sie von vielen Schultern getragen werden. Ausbau von Gesundheitsförderung und Aufklärung der Bevölkerung sowie Verbesserungen im Bildungswesen und den Lebensbedingungen (sozioökonomische Faktoren) gelten in Verbindung mit dem wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Umsetzung durch hoch qualifizierte Personen in den diversen Gesundheitsberufen als besonders wirksam. Das bis heute vielfach geübte, fachlich aber kaum begründbare Hochstilisieren angeblicher Gegensätze zwischen Medizin und Zahnmedizin, die ideologisch motivierte Konzentration einer „Vermeidbarkeit“ von Erkrankungen auf den zahnärztlichen Bereich oder gar Schuldzuweisungen mit Androhung finanzieller Sanktionen bei „Verantwortungslosen“ werden hingegen kaum dazu beitragen können, die künftigen Herausforderungen zu bewältigen. Aktuelle epidemiologische Daten zeigen in diesem Zusammenhang, dass trotz aller Erfolge in der kollektiven, semikollektiven und individuellen Prävention auch künftig ein hoher Behandlungsbedarf bestehen bleiben wird, wenn man das Ziel verfolgt, breiten Bevölkerungsschichten Mindeststandards in der Mundgesundheit zuzugestehen. Das immer wieder in die Bevölkerung gestreute Signal, man müsse nur ein paar mehr Zahnbürsten kaufen, dann ließen sich die meisten Zahnerkrankungen vermeiden und es entstünden kaum noch Kosten, ist äußerst bedenklich. Selbst bei starker Ausschöpfung von präventiven Maßnahmen wird eine hochstehende Versorgung der Bevölkerung in der Zukunft viele finanzielle Aufwendungen benötigen. Nahezu alle zahnärztlichen Disziplinen werden noch lange Zeit unverzichtbar bleiben. Die heute zur Verfügung stehenden Behandlungsoptionen unterscheiden sich bekanntlich in ihrer Invasivität sehr stark. Dies betrifft alle Sparten der Zahnmedizin.

Besonders deutliche Veränderungen haben sich unter anderem im Bereich der Restaurativen Zahnheilkunde ergeben. Dabei ist folgende Tendenz zu beobachten:

a) Läsionen, die früher vorwiegend mit metallischen Werkstoffen behandelt wurden, können heute auch mit zahnfarbenen Materialien versorgt werden.

b) Situationen, die früher nur mit indirect hergestellten Werkstücken beherrschbar waren, lassen sich zunehmend mit direkten Restaurationen angehen.

c) Vorhandene Restaurationen mit Mängeln sind nicht immer vollkommen zu ersetzen, sondern können oft auch einer Reparatur zugänglich gemacht werden.

d) Während sich früher direkte Verfahren auf die Restauration ursprünglicher Strukturen beschränkten, sind heute darüber hinaus mannigfaltige Farb- und vor allem Formveränderungen von Zähnen möglich.

Die Weiterentwicklung zahnfarbener, plastischer Restaurationsmateralien hat zu Substanz schonenden und optisch ansprechenden Interventionsmöglichkeiten geführt. Allen Unkenrufen zum Trotz, die diese Entwicklung aufhalten wollen, werden die Indikationen für direkte Restaurationen künftig stark ansteigen, auch im okklusionstragenden Seitenzahnbereich. Wir stehen hier erst am Anfang einer Entwicklung, die den Praxisalltag des Zahnarztes tiefgreifend verändern wird.

Über kurz oder lang wird dies auch Auswirkungen auf die Art haben, wie sich Zahnärzte gegenüber ihrem Klientel darstellen. Derzeit finden sich auf vielen Briefbögen, Praxisschildern, Informationsblättern oder Internetseiten von Zahnärzten Qualifikationshinweise auf Implantologie, hochwertigen Zahnersatz oder andere invasive Vorgehensweisen. Der Fortbildungsmarkt auf diesen Gebieten boomt. So segensreich sich die Errungenschaften dieser Disziplinen auswirken können, so bemerkenswert erscheint eine einseitige Betonung hoch invasiver Prozeduren. Dies bezieht sich auch auf die „Ästhetische Zahnheilkunde“, die bedauerlicherweise nach wie vor von indirekt hergestellten Restaurationen dominiert wird. Kaum ein Zahnarzt kam in Deutschland bislang auf die Idee, sich mit dem Attribut „hochwertige Zahnerhaltung“ zu schmücken. „Füllungen“ werden nach wie vor mit einer eher minderwertigen Versorgung assoziiert. Dies ist insofern auffallend, als der Begriff „Zahnerhaltung“ eigentlich sehr positiv belegt ist. Viele Menschen wünschen sich einen Zahnarzt, der sich der Zahnsubstanzerhaltung verschrieben hat. Auf diesem Gebiet haben sich in den letzten Jahren so viele Neuerungen ergeben, dass die Vorstellung, es wäre keine kontinuierliche Fortbildung nötig, als großer Irrtum bezeichnet werden muss.

Allein schon wegen knapper werdender Ressourcen sind bei direkten Restaurationen Wachstumsraten zu erwarten. Dies dürfte auch die wissenschaftliche Evaluation beleben, da die Evidenzproduktion bekanntlich sehr häufig selektiv erfolgt, nämlich dort, wo sich die Umsetzung von Ergebnissen ökonomisch verwerten lässt.

Es ist das Ziel der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung, die zukunftsweisenden Entwicklungen der Restaurativen Zahnheilkunde in der Weiterqualifikation von Zahnärzten und in der Forschung nachhaltig zu unterstützen. Gleichzeitig müssen Meinungsbildner und Entscheidungsträger bessere Informationen über die Perspektiven erhalten, die eine hochwertige Zahnerhaltung heute schon bietet.

Prof. Dr. Dr. Hans Jörg Staehle,
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ)

 



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