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16.03.13 / 12:00
Heft 06/2013 Zahnmedizin
Patienten mit MKG-Tumoren

Hohe psychologische Anforderungen an den Zahnarzt

Patienten mit einer Krebskrankheit der Mundhöhle, des Rachens oder des Gesichtsbereichs stellen für den behandelnden Zahnarzt und auch sein Team eine besondere Herausforderung dar. Das erklärte der Psycho-Onkologe Prof. Dr. Jürg Bernhard, Bern, anlässlich der 25. Jahrestagung des Arbeitskreises Psychologie und Psychosomatik in der Zahnheilkunde in Tübingen.




Wenn ein Patient von seiner Krebserkrankung erfährt, so stürzt ihn das in eine starke emotionale Ausnahmesituation. Die Prävalenz für eine Angst- oder Depressionsstörung liegt laut Prof. Bernhard zwischen 30 und 50 Prozent. Ebenso sei auch die Suizidrate dieser Patienten deutlich erhöht.

Die emotionale Erschütterung aufgrund der Krebsdiagnose gehe erfahrungsgemäß mit Schmerzen, Verlust- und Todesängsten einher und könne sich klinisch in Schock- und dissoziativen Zuständen (Gefühllosigkeit) äußern.

Besonders zu beachten sei, dass es sich bei rund drei Vierteln der betroffenen Patienten mit Mund-, Kiefer- oder Gesichtskarzinomen um Menschen mit einer Alkohol- und/oder einer Nikotinabhängigkeit handelt. Diese zeigten aufgrund ihrer Abhängigkeitssituation oft ein ganz anderes psychisches Verhalten, als Patienten ohne Suchtkomponente.

Die sozialen Folgen sind enorm

Aber auch in sozialer Hinsicht seien die Folgen einer Krebserkrankung im Mund-Kiefer-Gesichtsbereich bedeutend. Dieses betreffe vor allem den Rückzug aus einer sozialen Gemeinschaft, wenn zum Beispiel Freundschaften vernachlässigt werden, familiäre Kontakte nicht mehr stattfinden, eine verminderte Sexualitätsbereitschaft Beziehungen zerstört, oder gar berufliche Einschränkungen aufgrund der Erkrankung die Folge sind.

Invasive Standardtherapien, in erster Linie Chirurgie und Radiotherapie, könnten für einen Patienten auch langfristig einschränkende und damit belastende Folgen haben.

Erschwertes Patienten-Arzt-Verhältnis

All diese emotionalen und sozialen Belastungen des Patienten beeinträchtigen auch die Beziehung zu den Behandelnden und das Befolgen der ärztlichen Anordnungen, sprich die Compliance, so der Referent.

Patienten mit einer Abhängigkeitsproblematik (Alkohol, Drogen) richteten ihre emotionalen Bedürfnisse auch häufig direkt an die Behandelnden. Durch die krankheits- und therapiebedingten Belastungen kämen dann Persönlichkeitsanteile oft verstärkt zum Ausdruck. So hätten „abhängige“Patienten die Tendenz, von den Behandelnden mehr zu fordern, als medizinisch überhaupt indiziert wäre.

Der „vermeidende“ Patient habe hingegen die Tendenz, sich selbst zu vernachlässigen und die ärztlichen Anordnungen nicht zu befolgen. So könnten diese Patienten häufig sehr auffällig im Umgang sein. Sie zeigen sich wütend, ablehnend oder treten manipulativ gegenüber dem behandelndem Arzt oder Zahnarzt auf.

Problem: Umgang mit optischen Veränderungen

Entstellungen und Nebenwirkungen, wie zum Beispiel ein unkontrollierter Speichelfluss, Geruchsemissionen oder Ähnliches, könnten bei den Behandelnden Mitleid oder gar Abneigung bewirken. Diese Aversion könne so weit gehen, dass Interaktionen mit dem Patienten ganz vermieden werden, was von diesem wiederum wahrgenommen wird. Denn die Patienten entwickelten für solches Verhalten sehr schnell eine „besondere Antenne“.

Prof. Bernhard referierte daher in seinem Vortrag, wie Zahnärzte und Zahnärztinnen im definierten Rahmen ihrer Tätigkeit auf den Patienten eingehen können und ihn und seine Angehörigen sinnvoll unterstützen können: Generell gelte, dass die Behandelnden einen zentralen Einfluss auf die psychosoziale Adaptation der Patienten haben. Und zwar, wie er erläuterte, in sämtlichen Phasen einer Krebskrankheit.

Daher sei es bereits bei der Anamnese wichtig, dass auch psychosoziale Daten erhoben werden, wie zum Beispiel vorbestehende Belastungen und persönliche Ressourcen. Mit dieser Kenntnis könne dann die psychosoziale Adaptation besser abgeschätzt werden. Von ganz entscheidender Bedeutung sei die ärztliche Kommunikation, wie sich der Psycho-Onkologe ausdrückte.

Sein Rat: Bereits bei der Diagnosebesprechung wichtige Grundsätze beachten.

• Mit klaren, einfachen und für den Patienten verständlichen Worten sprechen.

• Antworten abwarten, auf den Patienten in Ruhe eingehen und die – möglicherweise sehr unterschiedlichen – Emotionen der Beteiligten einzuschätzen versuchen, um dann entsprechend darauf reagieren zu können.

• Sollte eine umfangreichere medizinische Erklärung nötig sein: komplexe medizinische Informationen gegliedert, in kleinen Informationseinheiten verständlich vermitteln.

„Die individuelle Entscheidungsfindung wird dem Patienten erleichtert, indem er als aktive Person angesprochen wird und seine Präferenzen explizit geklärt werden“, rät Bernhard.

Patienten und ihre Angehörigen antizipierten oftmals funktionale Einschränkungen.

Mit dem einfühlenden, direkten Ansprechen der damit verbundenen Ängste könne aber die Adaptation erheblich gefördert werden.

Patienten zur Körperpflege aktivieren

Sowohl in der aktiven Behandlungsphase als auch in der Nachsorge ist die Körperpflege für die psychologische Adaptation bedeutend (Gewinn an Kontrolle, Förderung der Akzeptanz). Eine Vernachlässigung der Körperpflege sei oft ein Hinweis auf eine depressive Reaktion. Das sei besonders bei nach einer Krebsoperation optisch entstellten Menschen der Fall.

Daher rät Prof. Bernhard dazu, dem Patienten im ärztlichen Gespräch einen sicheren Rahmen zu gegeben, indem er behutsam angeleitet wird, körperliche Entstellungen als real wahrzunehmen (in den Spiegel schauen, berühren).

Dieses sei die entscheidende Voraussetzung für ein „inneres Annehmen“. Denn die Selbstwahrnehmung der äußeren Attraktivität habe einen wesentlichen Einfluss auf den Selbstwert und auf die damit verbundene Körperpflege.

Körperliche Defizite und Psyche stark gekoppelt

Insgesamt nehmen psychologische und soziale Probleme mit dem Grad an Einschränkungen, körperlichen Symptomen und Entstellungen zu.

Die mit der Grunderkrankung verbundenen Schmerzen, Atemnot oder auch Blutungen lösen Ängste aus. Einschränkungen in gewohnten Alltagsaktivitäten (zum Beispiel den Haushalt führen) werden dann zur Belastung. Sprachliche Einschränkungen beeinflussen den Selbstwert und die persönliche Identität („seine Stimme verlieren“). Ähnliches gilt für Einschränkungen der Essgewohnheiten („Wer nicht essen kann, wird nicht gesund“), sie sind ein Risikofaktor für eine Malnutrition.

Zu beachten sei auch der verständliche Drang nach einer forcierten Antizipation, wieder „gesund“ zu sein, den Schritt zurück in den Alltag zu schaffen.

Beim Besprechen solcher Probleme sei die Nähe wie zum Beispiel ein direkter Blickkontakt zum Patienten besonders wichtig. Ängste des behandelnden Arztes oder Zahnarztes störten die Empathie. Das könne sogar so weit gehen, dass sich der Behandler ausschließlich auf die technischen Aspekte der zahnmedizinischen Behandlung beschränkt. „So weit darf es aber nicht kommen“, so Bernhard.



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