zm-online
16.05.03 / 00:15
Heft 10/2003 Medizin
Ersatztherapie bei altersbedingtem Testosteronmangel

Hormon-Gel macht müde Männer munter

Viele Männer in den so genannten „besten Jahren“ dürften künftig für ihre Morgentoilette rund fünf Minuten länger benötigen. Etwa so lange dauert es, bis das Hormongel in die Haut eingezogen ist, das ihnen ihr „Männerarzt“ zum regelmäßigen Auftragen verordnet hat. Damit soll dem zunehmenden Mangel am männlichen Geschlechtshormon Testosteron entgegengewirkt werden, der oft schon mit 40 Jahren schleichend beginnt und bei etwa jedem fünften Mann über 60 zum deutlichen Nachlassen der Leistungsfähigkeit und des Wohlbefindens führt.



„Fitness-Hormongel“ auf die Bauchhaut und schon ist die alte Jugendlichkeit wieder da. Foto: PD

Den Fachbegriff „Männerarzt“ gibt es zwar offiziell noch nicht, er soll jedoch noch in diesem Jahr als Zusatzbezeichnung für spezialisierte Dermatologen, Urologen oder Internisten zugelassen werden. Das Testosteron-Gel dagegen ist bereits zugelassen und befindet sich auch in den USA und Frankreich auf dem Markt. Das in den Hoden produzierte Geschlechtshormon Testosteron hat nicht nur auf die Sexualfunktionen des Mannes weitreichende Auswirkungen: Es beeinflusst auch den Körperbau, führt zum männlichen Behaarungsmuster und ist maßgeblich an typischen männlichen Verhaltensweisen beteiligt. Im Laufe der Jahre nimmt allerdings die Menge des täglich produzierten Hormons deutlich ab, berichteten Experten bei der Einführungs-Pressekonferenz des neuen Testosteron-Gels „Androtop“ in Hamburg. Der Freiburger Urologe Professor Dr. Ulrich Wetterauer konstatierte: „Ein 65-jähriger Mann hat noch etwa ein Drittel des Spiegels an frei verfügbarem Testosteron wie ein 20-jähriger Mann. Wir wissen, dass bestimmte Veränderungen, wie der Rückgang der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit, Hitzewallungen, Abnahme der Muskelkraft, eine Zunahme des Anteils an Fettgewebe, eine Zunahme der Knochenbrüchigkeit, ein Rückgang des sexuellen Verlangens und der Erektionsfähigkeit sowie die Neigung zu depressiven Verstimmungen mit einem Testosteron-Mangel verknüpft sein können.“ Das fehlende Testosteron lässt sich heute auf unterschiedlichen Wegen substituieren, also ersetzen:

• Als Injektionslösung wird das Hormon alle zwei bis vier Wochen in den Gesäßmuskel gespritzt. Der Vorteil: Einnahmefehler sind ausgeschlossen. Nachteil: Am Anfang steigt der Testosteronspiegel sprunghaft auf sehr hohe Werte an, später dagegen fallen die Hormonkonzentrationen ab und die Beschwerden können wieder auftreten.

• Auch eine tägliche Einnahme in Tablettenform ist möglich, ist jedoch ebenfalls mit einem Nachteil behaftet: 40 bis 80 Prozent des Hormons wandern schnurstracks in die Toilette.

• Testosteronhaltige Pflaster werden als Reservoir auf die Haut aufgeklebt oder auf dem Hodensack aufgebracht. Sie garantieren einen lang anhaltenden, gleichmäßigen physiologischen Testosteronspiegel. Der Nachteil: Hautreizungen sind möglich, die Sichtbarkeit der Pflaster wird von vielen Männern als störend empfunden. Das neue Gel „Androtop“ erlaubt eine rasche und unsichtbare Aufnahme über die Haut. Das alkoholische Gel trocknet innerhalb weniger Minuten ein. Die Anwendung erfolgt nicht auf den Geschlechtsorganen (der hohe Alkoholgehalt könnte dort Reizungen verursachen), sondern auf der trockenen und gesunden Haut beider Schultern oder beider Arme oder des Bauches.

Um den natürlichen Rhythmus der körpereigenen Testosteron-Produktion zu imitieren, wird das Gel vorzugsweise morgens aufgetragen. Nach seinem Verteilen müssen die Hände gründlich gewaschen werden: Ein körperlicher Kontakt direkt nach Anwendung des Gels könnte auch bei den Kontaktpersonen zu einer Erhöhung der Testosteronwerte führen.

Das neue Hormongel ist umfangreich getestet worden. Eine Vergleichsuntersuchung mit 227 Männern, die sechs Monate lang entweder das Gel oder ein Testosteron-Pflaster angewandt hatten, ergab eine bessere Wirksamkeit des Gels: Muskelmasse und Muskelkraft nahmen zu, die Körperfettmasse wurde reduziert, auch das psychische Wohlbefinden besserte sich. Professor Ulrich Wetterauer: „Die Testosteronsubstitution bewirkt auch eine Rückkehr der sexuellen Zufriedenheit, einen Rückgang der Schlafstörungen und Hitzewallungen sowie eine Aufhellung der Stimmung.“

Fazit des Freiburger Urologen: „Das neue Gel kann sicher dosiert werden und erlaubt eine individuelle Einstellung. Die damit vorhandene Möglichkeit der Anwendung von Testosteron in Gelform wird in der Urologie als Durchbruch der Testosteronsubstitution beim Mann gesehen.“

Das in Frankreich entwickelte Präparat wird in Deutschland von den Firmen Dr. Kade/Bessins und Solvay gemeinsam vertrieben. Der Preis für eine Monatspackung liegt bei etwa 70 Euro. Ist der Testosteronmangel („Hypogonadismus“) klinisch und labormedizinisch bestätigt worden, können die Kosten von der Krankenkasse erstattet werden.

Lajos Schöne
Gerstäcker Str. 9, 81827 München



Mehr zum Thema


Anzeige