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16.07.02 / 00:15
Heft 14/2002 Medizin
Riesenkinder im Wachstum bremsen

Hormontherapie des Hochwuchses umstritten

Das „preußische Gardemaß“ ist zur läppischen Norm geworden: Die Mindestgröße der berühmten „Langen Kerls“ des preußischen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. von 1,80 Meter wird mittlerweile von jedem jungen Mann in Deutschland überragt. Heute misst jeder vierte junge Deutsche 185 Zentimeter und mehr, drei Prozent sind sogar mehr als 196 Zentimeter groß



Groß, lang und dünn, das ist die Generation von morgen, aber nicht jedermanns Sache. Foto: MEV

Auch von den jungen Frauen gehören immer mehr zur „XXL-Generation“: Jedes zehnte Mädchen wächst mindestens auf 1,75 Meter Körpergröße heran. Drei Prozent liegen über 1,81 Meter. Die Aufnahmekriterien für die Mitgliedschaft im „Klub Langer Menschen“ müssen vermutlich schon bald geändert werden: Bisher nimmt diese Vereinigung großwüchsige Männer ab 190 Zentimetern und Frauen ab 180 Zentimetern in ihre Reihen auf.

Schießt ein Junge stark in die Höhe, sehen seine Eltern eher Vorteile darin. Für großwüchsige Mädchen dagegen werden häufiger Nachteile befürchtet, vor allem Schwierigkeiten bei der Partnersuche. Es taucht deshalb die Frage auf: Soll man diese Kinder mit Hormonen bremsen oder nicht? Und ist eine Behandlung heute überhaupt noch gerechtfertigt?

Behandlung umstritten

Auf diese Frage kann es nur individuelle Antworten geben. Hochwuchs ist keine Krankheit, muss also auch nicht behandelt werden. Prof. Dr. Jürgen H. Brämswig von der Universitätskinderklinik Münster in der „Kinderärztlichen Praxis“: „Die Indikation zur Hochwuchstherapie wird sehr kontrovers diskutiert, von einigen Autoren auch strikt abgelehnt. Es liegt keineswegs ein Konsens vor, ab welcher voraussichtlichen Endgröße eine Behandlung durchgeführt werden sollte: Die Angaben schwanken zwischen einer errechneten voraussichtlichen Endgröße von 195 und 205 Zentimetern bei Jungen und zwischen 175 und 185 Zentimetern bei Mädchen. In der „Arbeitsgemeinschaft pädiatrische Endokrinologie“ wird bei entsprechendem Therapiewunsch der Betroffenen und der Eltern eine Therapie ab einer Körperhöhe von 202 Zentimetern bei Jungen und 185 Zentimetern bei Mädchen in Erwägung gezogen.“

Die Eltern und ihre Kinder sollten sich außerdem vor Beginn einer hormonellen Wachstumsbremse darüber im Klaren sein, was sie erwartet: Die Behandlung erfolgt mit Sexualhormonen, die die Knochenreife beschleunigen und damit die Wachstumsdauer abkürzen. Jungen bekommen Testosteron gespritzt, Mädchen werden mit Östrogenen gebremst. Selbst bei frühzeitigem Beginn der Behandlung (bei Jungen bei einem Knochenalter von zwölf bis 13 Jahren, bei Mädchen von zehn bis elf Jahren) wird die vorher errechnete Endgröße lediglich um acht bis zehn Zentimeter reduziert. Und das nach einer Behandlungsdauer von eineinhalb bis zwei Jahren!

Die Hormontherapie gefährdet zwar nicht die Gesundheit, ist jedoch oft mit unangenehmen Nebenwirkungen verbunden: Bei Mädchen werden besonders häufig Gewichtszunahme, Übelkeit, Hautpigmentierungen, unregelmäßige Blutungen, Akne, nächtliche Beinkrämpfe und eine Erhöhung des Blutdrucks beobachtet. Bei Jungen kommt es häufig zu Akne, oft auch zu erhöhter Aggressivität. Die Hoden können vorübergehend kleiner werden. Ob die Behandlung eine spätere Schädigung der Prostata nach sich zieht, ist noch unklar.

Haltungsschäden sind vorprogrammiert

Groß zu sein tut nicht weh. Gesundheitliche Schäden müssen große Menschen nicht fürchten – bis auf eine Ausnahme: Sie entwickeln sehr häufig Haltungsschäden und bekommen Rücken- und Gelenkbeschwerden. Große Menschen ziehen meistens den Kopf ein und gehen häufig gebeugt.

Probleme gibt es im Alltag allerdings reichlich: Die Betten werden plötzlich zu kurz, die Stühle zu niedrig. Anzüge und Kleider in der richtigen Größe sind nur selten vorrätig, und modische Damenschuhe bei Schuhgröße 42 sind kaum zu finden.

Die jungen „Bohnenstangen“ selbst werden jedoch mit diesen Problemen offenbar leicht fertig. Wachstumsspezialist Prof. Dr. Lothar Reinken aus Hamm/Westfalen: „Wenn uns Kinder mit der Frage vorgestellt werden, ob ihr Wachstum vielleicht mit Hormonen gebremst werden soll, sind es fast immer nur die Eltern, die sich um die Zukunft des zu groß geratenen Kindes Sorgen machen, und nicht die Kinder selbst.“

Lajos Schöne
Gestäckerstraße 19
81827 München



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