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16.06.17 / 00:01
Heft 12/2017 Praxis
Gewalt gegen Zahnärzte

„Ich weiß, wo du wohnst“

Pöbelnde Patienten und aggressive Angehörige finden sich nicht mehr nur in der Notaufnahme und im Bereitschaftsdienst: „Beschimpfung wegen angeblicher Fehlbehandlung“, „im Wartezimmer herumgebrüllt“ – sogar von Kämpfen mit Patienten können Zahnärzte berichten. Sind dies Einzelfälle oder wird die zunehmende Gewaltbereitschaft unterschätzt?




„Erst vor wenigen Wochen rief eine Zahnärztin an, die von einem Patienten in den Arm gebissen wurde, weil sie seinen Forderungen nicht gefolgt war. Eine andere Zahnärztin wurde mit Instrumenten vom Tray beworfen“, berichtet eine Angestellte der Zahnärztekammer Niedersachsen. Ähnliches erzählen die Kollegen in Schleswig-Holstein. Hier sah sich ein Zahnarzt auf dem Ärzte-Bewertungsportal Jameda plötzlich einem regelrechten Shitstorm ausgesetzt, weil sich ein Patient über eine Rechnung geärgert hatte. „Unfreundlich und inkompent“ beschimpfte er den Zahnarzt und verteilte die schlechtesten Noten auch für Bereiche, die mit der Behandlung nichts zu tun hatten. Darüber hinaus forderte er öffentlich andere Patienten dazu auf, eine andere Praxis aufzusuchen. Erst die Ankündigung des Zahnarztes eine Strafanzeige wegen Verleumdung stellen zu wollen, ließ den Patienten einlenken: Die Einträge wurden gelöscht, die Rechnung bezahlt.

Immer wieder hört und liest man in den Medien von solchen Fällen* – systematische Untersuchungen zur Häufigkeit und zur Ausprägung aggressiven Verhaltens gegenüber Zahnärzten hierzulande fehlen jedoch. Anders bei den Ärzten: Eine bundesweite Befragung, veröffentlicht als Originalarbeit im Deutschen Ärzteblatt [Vorderwülbecke F. et al.: Aggression und Gewalt gegen Allgemeinmediziner und praktische Ärzte, DtschArztebl Int, 2015], liefert erstmals Ergebnisse zur Aggression und Gewalt gegen Allgemeinmediziner und praktische Ärzte in Deutschland. Demnach waren 73 Prozent der Befragten in den vergangenen zwölf Monaten mit aggressivem Verhalten von Patienten konfrontiert.



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Kommentare

Leserkommentare (1)

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Norbert Reschmeier
18.06.17 / 18:37
Symptome kennen und er-kennen -- nicht nur die des einen Fachgebiets!

Ich möchte dringend empfehlen, sich Basiswissen in Neurologie und Psychiatrie anzueignen.
Je nach fachlichem Maßstab und Schwellenfestlegung ist rund ein Drittel der deutschen Bevölkerung als psychisch verändert zu betrachten, von der schwer fassbaren latenten Depression bis hin zu Störungen mit Wahnzuständen.
Wer aus den Verhaltensmustern unbekannter Patienten rasch solche Probleme erkennt,
kann sein Vorgehen darauf abstimmen, um den Stresslevel und damit das Konfliktrisiko niedrig zu halten.
M.E. ist gerade für psychisch belastete Personen der zusätzliche Stress einer (zahn-)ärztlichen
Notfallsituation der Auslöser aggressiven Verhaltens.
Auf niedrigerem Niveau gilt dies sicher auch für Routinebehandlungen, präzise Beobachtung ist
dort ebenso hilfreich.
Wo dann noch gestresste und frustrierte Persönlichkeiten aufeinandertreffen, können sich Konflikte schnell hochschaukeln. Kontrolle - Selbstkontrolle - Warnzeichen erkennen - sofort
Rückzug, Hilferuf, Alarm.