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01.05.04 / 00:14
Heft 09/2004 Gesellschaft
Zahnärztliche Hilfsprojekte

Ihr Einsatz kennt keine Grenzen

Ob auf den Philippinen, in Ruanda, Indien oder Ecuador: In fast jedem Land setzen sich deutsche Zahnärzte ehrenamtlich für in Not geratene Menschen ein. Die Arbeit vor Ort ist hart, die Situation nichts für zarte Gemüter – doch der Dank der Patienten macht am Ende alles wieder wett.




Weihnachten 2003: Zahnarzt Dr. Thomas Schairer hat in seinem Koffer neben privaten Siebensachen auch zahnärztliche Instrumente und den Zahnaltgolderlös seiner Praxis verstaut. Die Reise geht auf die philippinische Insel Mindoro, die Fracht ist für die Mangyanen bestimmt, einem Urvolk, das dort zurückgezogen in den Regenwäldern lebt. Ein ehemaliger Pater ist der einzige Draht zur Außenwelt. Die Anwesenheit des Zahnarztes verbreitet sich wie ein Lauffeuer: Viele Notfallpatienten warten direkt am nächsten Tag vor der Hütte, um sich behandeln zu lassen. Eine reguläre Behandlung könnten sich die Mangyanen nicht leisten: Mit umgerechnet drei Euro ist selbst eine Zahnextraktion zu teuer.

Der Abschied fällt Schairer wie immer schwer. Daheim gesteht er: „Auch diesmal habe ich wieder einen Teil meines Herzens dort gelassen.“

Dass der persönliche Einsatz weite Kreise ziehen kann, zeigt die Arbeit von Dr. Bella Monse-Schneider. Sie entwickelte 1998 im philippinischen Mindanao ehrenamtlich ein Mundgesundheitsprogramm (zm 8/1999, S. 74), mittlerweile ist sie dort fest angestellt.

Angewendet wird die A.R.T.-Technik (Atraumatic Restorative Treatment). Mit der in den 80ern entwickelten Methode werden kariöse Zahnhartsubstanzen ausschließlich mit Handinstrumenten entfernt. Damit ist diese Technik völlig unabhängig von elektrischer Energie und kann praktisch an jedem Ort der Erde durchgeführt werden.

Ganz oben in Mindanao steht jedoch die Prophylaxe: Karies ist bei philippinischen Kindern Zahnfeind Nummer eins! Die Zahnärztin und ihr Team zeigen deshalb Schülern – aber auch Lehrern und Eltern – wie sie ihre Zähne besser pflegen können. In der Stadt Cagayan sollen die erfolgreichen Projektinhalte nun regulär anlaufen.

Vor zehn Jahren begann im afrikanischen Ruanda der Völkermord extremistischer Hutu an der Minderheit der Tutsi. Dem Gewaltrausch fielen innerhalb von drei Monaten mindestens 800 000 Menschen zum Opfer. Im April 2003 besuchte die angehende Fachzahnärztin für Oralchirurgie Dr. Nicole Porsch im Team der christlichen Hilfsorganisation „humedica“ die ehemalige deutsch-belgische Kolonie.

Hilfe für die Mörder

Am Anfang überwog die Skepsis – schließlich sollten nach christlichem Verständnis nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter versorgt werden. Die Ärzte und Zahnärzte gingen also direkt ins Gefängnis, um Gewaltverbrecher und Mörder zu behandeln.

Gerade dort waren die Zustände fast unvorstellbar. Menschen, die auf engstem Raum hausten, mitten im Dreck. Die meisten Krankheiten sind in der Tat auf mangelnde Hygiene zurückzuführen: Wurmerkrankungen, Diarrhöen, Amöbenruhr gehören zum Alltag. Aber auch Verstümmlungen, Macheten- und Axtnarbenkeloide haben etliche Menschen davongetragen – die Folgen des Völkermordes.

Auf den Helfern lasteten diese Begegnungen schwer. Die Reaktionen der Bevölkerung entschädigten aber für Vieles: „Die meisten Patienten, darunter viele Kinder, waren sehr diszipliniert“, betont Porsch. „Sie brachten uns eine unschätzbare Dankbarkeit für die Behandlung entgegen.“

Auch auf dem Land brauchen die Menschen dringend Hilfe: Direkt nach dem Frühstück ging es mit vier Jeeps zu den Einsatzorten. In den Dörfern wartete eine bunt gekleidete Menge bereits gelassen auf die Zahnärzte. Die Klinik, bestehend aus einer Patientenaufnahme, vier Ärzten mit drei Helferinnen, einer Zahnarztpraxis und der Apotheke, war fix aufgebaut. Weil Instrumente für konservierende Behandlungen fehlten, beschränkten sich die Helfer auf die Extraktion tief zerstörter und nicht erhaltungswürdiger Zähne mit Parodontitis. Improvisationstalent war überall gefragt: Am Anfang standen weder elektrisches Licht, noch Behandlungsstühle zur Verfügung. Zum Glück schien der einheimische Assistent mehr als zwei Hände zu haben: Er leuchtete mit der Taschenlampe den Mund des Patienten aus und stützte gleichzeitig dessen Kopf. Später richtete das Team die Praxis unter freiem Himmel ein: Das Licht gab entschieden mehr her, nur mussten die Zahnärzte jetzt verstärkt den Kampf mit Insekten aufnehmen…

Trotz aller Widrigkeiten behandelte das Team in der Zeit knapp 2 000 Menschen, darunter etwa 240 zahnärztliche Patienten mit rund 260 Extraktionen.

1 170 Kilometer weiter: In Kenia kommt auf 150 000 Einwohner nur ein Zahnarzt. Deshalb gründeten Thüringer Zahnärzte vor fünf Jahren die „Arzt- und Zahnarzthilfe Kenya e.V.“. Sie wollten die zahnärztliche und medizinische Versorgung in den Slums unterstützen. Bisher wurden drei Zahnarztpraxen errichtet, in den ländlichen Regionen Westkenias und in Nairobi. Eine Augenklinik im Krankenhaus Nyabondo ergänzt das medizinische Angebot.

Ein starker Projektpartner sind die kenianischen Franziskanerinnen. Sie stehen den deutschen Zahnärzten tatkräftig zur Seite – ein Teil von ihnen wurde sogar zu Helferinnen und Zahntechnikerinnen ausgebildet. Demnächst nehmen zwei Franziskanerinnen ein Zahnmedizin- und Medizinstudium auf, denn langfristig sollen die kenianischen Kräfte die Praxen allein „stemmen“.

Kleine Wohnwagenpraxis

Was 1992 im brasilianischen Cuiabá in einem winzigen Wohnwagen mit 45 Grad Innentemperatur und ein paar Instrumenten begann, hat sich längst zu einem großen Projekt gemausert: Die Karlsruher „Aktionsgemeinschaft Zahnarzthilfe Brasilien“ (AZB) ist mittlerweile in Brasilien und Ecuador eine feste Institution. Sie behandelt mittellose Patienten in den Favelas brasilianischer Großstädte und versorgt die Indios in Indianerschutzgebieten – kostenlos. Vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) wurde ihr im März das Spendensiegel verliehen.

Zurück zu den Anfängen: Schnell sprach es sich herum, dass die deutschen Zahnärzte umsonst Behandlungen anbieten. Entsprechend groß war die Nachfrage der Patienten. Seither konnten nahezu 400 000 „Favelados“ und Indios von dem Engagement der über 100 Kollegen profitieren.

Inzwischen steht inmitten der Favela eine kleine Klinik. Ein geländetauglicher LKW aus ehemaligen DDR-Beständen – zu einer mobilen Einheit umgebaut und nach Brasilien verschifft – ist bis heute im Einsatz. In regelmäßigen Abständen brechen Kollegen mit Jeeps in den Regenwald auf, um die Indios zahnärztlich zu versorgen.

Vor vier Jahren wurde das Haupteinsatzgebiet des AZB nach Bahia, Salvador, verlegt. Dort arbeiten die Kollegen in einem SOSKinderdorf und versorgen die etwa 40 000 bedürftigen Einwohner eines Vorortes. Der mobile Einsatzwagen versorgt die Dörfer und die „Caboclos“ – Nachkommen entlaufener Sklaven – mit dem Nötigsten.

Think big

Im Süden Ecuadors liegt die „Clinica Nuestra Senora de Guadalupe“, ins Leben gerufen vom zahnmedizinischen „Förderkreis Clinica Santa Maria“ mit Sitz in Bühl. Ganze 480 Quadratmeter Baufläche hat die Klinik – allein der zahnmedizinische Bereich umfasst neben zwei Zahnarztzimmern einen Röntgenraum und ein Labor. Die Ausbildung der Mitarbeiter vor Ort liegt den Organisatoren besonders am Herzen: Denn nur mit entsprechendem Know-how hat das Projekt eine Gewinn bringende Zukunft. Patienten zwischen zwei und 60 Jahren kommen zur Clinica. Das Problem: Sie kommen fast immer zu spät, sodass in vielen Fällen als Lösung nur die Extraktion bleibt. Die Behandlung von Kindern steht dabei an erster Stelle: Oft kommt eine Mutter gleich mit all ihren acht Kindern auf einmal – da heißt es: „Ärmel hochkrempeln!“.

Mitten im Leben stehen auch die in der Mission lebenden Nonnen – für viele Helfer eine Überraschung. „Die Nonnen spielen sogar hin und wieder mit uns Freiwilligen Basketball auf dem Dorfplatz“, berichtet ein deutscher Zahnarzt. „Es wird viel gelacht.“

Dass auch Einzelne viel bewirken können, beweist Dr. Herbert Michel, Referent für Prophylaxe, Behindertenbetreuung und Gerontostomatologie der Bayerischen Landeszahnärztekammer. Er engagiert sich seit 1997 in Äthiopien. In der Region Hararghe, nahe Somalia und Dijbouti, gelang es dem Zahnarzt, im Lepra- und Tuberkulosehospital eine zahnärztliche Abteilung einzurichten. Ein beachtlicher Erfolg, wenn man bedenkt, dass für die 63 Millionen Menschen nur knapp 50 Zahnärzte zur Verfügung stehen. Im nächsten Schritt wurden Einheimische zu Zahnärzten und Helferinnen ausgebildet – „Hilfe zur Selbsthilfe“ lautet das Motto. Inzwischen kann das ansässige Team die Abteilung allein führen.

Außerdem besucht Michel regelmäßig Schulen und übt mit den Kindern Zähne putzen – mit den überall erhältlichen Zahnputzhölzern, den „Mishwaks“. Auch die Prophylaxe kommt nicht zu kurz. Michel: „Sicher ist das nur ein Anfang, ein Samenkorn, das aber zukünftig Früchte tragen wird.“ Der wichtigste Mann Äthiopiens steht bereits auf seiner Seite: Staatspräsident Girma Wolde-Giorgis sagte Michel seine Unterstützung zu.

Elefanten haben Vorfahrt

Katastrophale Straßenverhältnisse, dazu tummelten sich nebst Autos und Ochsenkarren auch Schweine, Hühner und selbst Tempelelefanten auf der Straße. Über 2 000 Kilometer legten die Zahnärzte Dr. Ulrich Eimer und Dr. Michael Butzki von der Organisation „Zahnärzte-für-Indien“ (ZFI) im Januar im Vielvölkerstaat in einem indischen Militärauto zurück. Der LKW wurde in Bombay nach deutschen Standards zur Zahnklinik umgebaut und sollte im südlich gelegenen Madurai einer indischen Hilfsorganisation übergeben werden. Denn dort sollte das neue ZFI-Vorhaben starten: Zwischen 10 000 und 15 000 Kinder jährlich wurden bisher an sieben „Dental Departments“ in der Region betreut. Doch was war mit den übrigen 20 000 Kindern? Sie konnten die Zahnärzte nicht erreichen: Der Weg war zu weit. Die Idee, eine mobile Praxis einzurichten, war geboren. Ab Madurai drehen die Zahnärzte in Zukunft sternenförmig ihre Touren und steuern alle Heime an. Sie haben die Latte hoch gelegt: Ziel ist es, auch diese Kinder ein Mal jährlich zu untersuchen und zu behandeln.

Was zwei gestandene Zahnärzte dazu treibt, in einem Militärfahrzeug 2 000 Kilometer zu fahren? Eine Antwort auf diese Frage zu finden, ist für Eimer ein Leichtes: „Die Erfüllung eines Traums!“ 



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