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16.07.03 / 00:13
Heft 14/2003 Politik
Kongress zu Gesundheitsinfos im Internet

Im Dschungel der Systeme

„afgis“, das vom Bundesgesundheitsministerium initiierte und seit 2000 geförderte „Aktionsforum für Gesundheitsinformationssysteme“, will künftig als „eingetragener Verein“ für die Qualitätssicherung von gesundheitsspezifischen Internetangeboten sorgen. Stand und Perspektiven dieser Problematik wurden auf einem Kongress am 24. und 25. Juni in Berlin dargestellt.




Im November 2002 hat die internationale Dachorganisation der Verbraucherverbände, Consumers International, eine Studie über die Qualität von Informationen aus dem Internet vorgelegt. Geprüft wurde nicht der Wahrheitsgehalt der Informationen, so Dr. Stefan Edgeton von der Verbraucherzentrale Bundesverband auf dem afgis- Kongress, sondern in erster Linie die Glaubwürdigkeit der Homepages. Im Gesundheitswesen testete das internationale Dach von 115 Verbraucherverbänden 142 kommerziell orientierte Gesundheitsdienste, davon elf aus Deutschland. Auch wenn die Gesundheitsdienste im Vergleich zu finanz- oder e-commerce-gesteuerten Diensten „relativ gut abschnitten“, sei es dringend erforderlich, in Sachen „Gesundheitsthematik höhere Ansprüche zu verwirklichen“. Viele Website-Betreiber seien, so beklagt Edgeton „blutige Amateure“.

Nummer Zwei im Netz

Ein hartes Urteil mit entsprechenden Folgen für die zunehmende Anzahl interessierter Verbraucher, die sich via Internet in spezifischen Fragen zur Gesundheit aufklären lassen. Nach dem unangefochtenen Renner des WWW, der Pornografie, sei das Thema Gesundheit der Bereich mit der bedeutendsten Nachfrage. Liegen hier potentielle Gefahren für das partnerschaftliche Verhältnis zwischen Patient und Arzt/Zahnarzt?  

Natürlich können die Internet-Informationssysteme die Aufklärung durch den fachlich versierten Heilberufler nicht ersetzen, erklärte Dr. Dietmar Oesterreich, Vizepäsident der Bundeszahnärztekammer, den Vertretern der über 150 in der afgis arbeitenden Organisationen. Sie können nur Ergänzung der individuellen Aufklärung durch Arzt und Zahnarzt sein. Dennoch sei Qualitätssicherung in diesem Bereich wichtig: „Je besser der Patient informiert ist, desto besser funktioniert die Partnerschaft zwischen Zahnarzt und Patient“. Schon aus diesem Grunde unterhalte die Selbstverwaltung der Zahnärzteschaft im Bundesgebiet über 45 Patientenberatungsstellen, die Bundeszahnärztekammer eine bundesweite telefonische Patienten- Hotline. Motivation und Aufklärung sei für den Bereich der Prävention von hoher Bedeutung.  

Wünschenswert sei sogar, so Dr. Michael Scholtz von der World Health Organisation, dass der Arzt seinen Patienten bei der Auswahl der Infos unterstütze. Angesichts der weltweit je nach Definition 10 000 bis 100 000 Gesundheitsdienst-Anbieter im Internet, die meist von kommerziellen Interessen bestimmt seien, sei es dringend erforderlich, die „Spreu vom Weizen zu trennen“. Es existiere zwar eine Reihe von Richtlinien und Codices, allerdings seien diese bisher nicht verbindlich. Internationale Qualitätsstandards gebe es nicht. Scholtz zur Fülle der Informationen: „Es ist so, als wenn Sie um ein Glas Wasser bitten, aber mit einem Feuerwehrschlauch bedient werden.“ Diese Informationsvielfalt muss kanalisiert und bewertet werden, forderte Klaus H. Richter, afgis-Mitglied und Vorstand der Barmer Ersatzkasse. Der Versicherte habe die Erwartungshaltung, „im Dschungel der Systeme“ entsprechende Unterstützung zu erhalten.

Informationen kanalisieren

Innerhalb Europas, so Volker Grigutsch vom Bundesgesundheitsministerium, sei die Arbeit von afgis inzwischen anerkannt: „Das afgis-Netzwerk hat Standards für die Qualitätssicherung gesetzt.“ Diese Standards hätten auch Eingang in die Erörterungen der EU zur Ausarbeitung von Qualitätskriterien für Websites gefunden. Auch im Gesundheitswesen gelte, „Wissen ist Macht“. Mit der Gründung von „afgis e. V.“sei hier aus Sicht des BMGS ein entscheidender Schritt getan: „Die besten Köpfe der Republik werden für die Verbesserung der Patienteninformation arbeiten,“ betonte der BMG-Vertreter vor den Kongressteilnehmern. Diese Einschätzung liegt für das BMG ganz im Sinne der derzeit angestrebten Gesundheitsreform: „Ziel ist es, dass sich die Patientinnen und Patienten ‘auf gleicher Augenhöhe’ mit den Leistungserbringern bewegen können.“ 

Das „afgis“ als künftige „Stiftung Warentest“ im Gesundheitsbereich des Internet? Diese Frage wurde vom Geschäftsführer der Bundesvereinigung für Gesundheit und afgis- Kongressleiter, Dr. Uwe Prümel-Philippsen, mit einem diplomatischen „Vielleicht“ beantwortet.  



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