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15.04.17 / 00:01
Heft 08/2017 Titel
Aufsuchende Alterszahnheilkunde

Im Netzwerk mobil behandeln

Oft ist nur der mobile Zahnarzt in der Lage, pflegebedürftige und demente Menschen mit Zahnerkrankungen zu Hause und im Heim relativ stressfrei zu behandeln. Ein Projekt in Bayern zeigt, wie sich Zahngesundheit und Wohlbefinden der Patienten steigern, wenn die Zusammenarbeit mit Pflegekräften, Angehörigen und Netzwerken gut funktioniert.




Sie sind alt und krank und können deshalb nicht mehr in die Praxis kommen: Immer mehr Patienten sind auf mobile Zahnarztbesuche angewiesen. Doch obwohl sich zunehmend eine „Bring-Struktur“ entwickelt, bleibt die „Komm-Struktur“ bisher der Standard.

Wie aber kann man immobile Pflegebedürftige – im Heim und zu Hause – zahnmedizinisch besser versorgen? Antworten darauf gibt die "wissenschaftliche Begleitstudie zur Umsetzung ambulanter zahnärztlicher Leistungen in Privathaushalten und stationären Einrichtungen", die im Auftrag des Bayerischen Gesundheitsministeriums vom Berliner ISGOS-Institut unter der Leitung von Jürgen Dettbarn-Reggentin und Heike Reggentin erstellt wurde.

Vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft bestehen die neuen Anforderungen aus zahnmedizinischer Sicht laut Studie hauptsächlich in

  1. dem erhöhten Zeit- und Personalaufwand bei der Anamnese, der Wegezeit und den Erschwernissen bei der Behandlung in häuslicher Umgebung,
  2. den veränderten individuellen Voraussetzungen der Patienten, die sich in altersphysiologischen Veränderungen und Multimorbiditäten zeigen,
  3. einer bisher unzureichenden (Re-)Finanzierung der Leistungen wie auch
  4. der ungenügenden Verankerung von Präventivmaßnahmen bei erwachsenen Menschen im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen.

Die Folgen „unangepasster“ – will heißen althergebrachter – Praxiskonzepte zeigen sich der Studie zufolge nicht nur in der mangelnden Zahnhygiene, sondern auch im Verlust an gesellschaftlicher Teilhabe und im Rückzug aus sozialen Beziehungen.

Dr. Volker Göbel, fachzahnärztlicher Leiter des Projekts, hat mit seiner Praxis als einer der ersten in Deutschland Patienten ambulant behandelt. Das heißt, sein System ist auf eine vollumfängliche, dezentrale präventive Mundheilkunde ausgerichtet, die mehr als akute Reparaturzahnheilkunde leistet und auch zahnmedizinische Prophylaxe einbezieht.

Voraussetzung dafür ist eine hochtechnisch ausgestattete Behandlungseinheit mit Lichtmotor, Ultraschalleinsatz, integrierter Absaugung und Kompressor, inklusive eines tragbaren Röntgengeräts. Der technisch hoch qualifizierte Ausrüstungsstand ist die eine Säule im Konzept der ambulanten Versorgung, eine andere die effiziente Patientensteuerung und die dritte die Fortbildung der Pflegekräfte in den stationären Einrichtungen.

Die konkreten Schwierigkeiten und Widerstände pflegebedürftiger Menschen gegen Zahnarztbesuche in der Praxis sind in der Studie konkret genannt:

Pflegebedürftigen Patienten mit einer Demenz fehlt die selbstständige Entscheidungsfähigkeit, Zahnkrankheiten behandeln zu lassen beziehungsweise mit Blick auf das Risiko eine Therapie zu unterlassen.

  • Sie können Schmerzen nicht auf ihre Ursachen deuten.
  • In einigen Fällen besteht eine massive Abwehr gegen eine Behandlung.
  • Insbesondere auf dem Land mangelt es oft an der nötigen Mobilität, eine Zahnarztpraxis aufzusuchen.
  • Auch kognitiv rüstige schwer pflegebedürftige Menschen schätzen häufig die Bedeutung der Mundhygiene für ihr Wohlbefinden und ihre Gesundheit insgesamt nicht richtig ein.
  • In der häuslichen Betreuung haben Angehörige keine Zeit, um die Betroffenen zum Zahnarzt zu begleiten.
  • Es besteht Angst vor dem Wechsel aus der häuslichen Umgebung in die entfernte Zahnarztpraxis.
  • Die allermeisten Praxen sind nicht barrierefrei, was auch in diesem Projekt von nahezu allen Befragten angeführt wurde.
  • Angehörige haben kein Problembewusstsein für die Folgen vernachlässigter Mundhygiene und von Zahnerkrankungen.

Hier schließt sich der Kreis: Wenn pflegebedürftige Menschen – mit und ohne Demenz – nicht behandelt werden, kommt es zu negativen Reaktionen durch Zahnschmerzen, schlecht sitzende Prothesen oder Mundinfektionen. Die ohnehin hohe Belastung der pflegenden Angehörigen steigt unverhältnismäßig an, denn Zahnerkrankungen verursachen zusätzlich Unruhe und Unzufriedenheit.

Generell stellt die Mundgesundheit alter und hochaltriger Menschen ein erhebliches gesundheitliches Problem dar. Neuere Untersuchungen zeigen, dass sich Erkrankungen und nicht behandelte Schädigungen des Zahnapparats negativ auf die Demenz auswirken. In der Folge nehmen die sozialen Kontakte ab, die Personen ziehen sich verstärkt zurück, und es kommt zu größerer Unruhe und Schmerzäußerungen.



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