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16.05.09 / 00:14
Heft 10/2009 Gesellschaft
Gesundheitswesen und Zahnmedizin in China

Impressionen aus dem Reich der Mitte

China ist ein Land der Gegensätze. Das gilt auch für das Gesundheitswesen im Reich der Mitte. Die deutsche Zahnärztin Dr. Angelika Heel aus der Vorderpfalz praktizierte und lebte 13 Monate in der Großstadt Nanjing. Für die zm hat sie vor Ort recherchiert und fasst nun Fakten und Erfahrungen aus der chinesischen Zahnmedizin in einem Bericht zusammen – mit interessanten Einblicken in das Versorgungssystem.




China, ein wachsendes Land mit derzeit rund 1,3 Milliarden Einwohnern, ist ein Land der Gegensätze. Fast jeder hat ein Handy, aber es gibt Menschen, die sich nur einmal im Jahr zum Essen Fleisch leisten können. Die Welt erlebte grandiose Olympische Spiele, jedoch die Armut wurde aus den Städten gesperrt.
Es ist schwer, offizielle Zahlen und Angaben aus China zu bekommen. Beispielhaft sei hier eine Stadt mittlerer Größe mit 6,8 Millionen Einwohnern herausgegriffen: Nanjing in der Provinz Jiangsu (81 Millionen Einwohner) liegt 300 Kilometer westlich von Shanghai am Jangtze Fluss in der Volksrepublik China. Die Stadt Nanjing (heißt übersetzt: Süd-Hauptstadt) war vor Beijing (Nord-Hauptstadt) die Hauptstadt Chinas. Sie wird in Deutschland und anderen Ländern mittlerweile in einem Atemzug mit großen international tätigen Firmen wie Siemens, BASF, Bosch, Fiat oder Nokia genannt. Es leben rund 2 000 bis 3 000 westliche Ausländer dort. Die Einwohnerzahl steigt mit großer Geschwindigkeit, so waren es 2006 noch fünf Millionen Einwohner. Die Menschen ‧leben in Wohnungen, Häusern oder auf der Straße, sehr eng und dicht gedrängt. Jeder möchte Geld machen, und wer es sich leisten kann, kauft sich westliche Güter, Markenartikel und Konsumgüter.

Westliche Medizin und TCM

In China gibt es mittlerweile zwei verschiedene medizinische Fachrichtungen, die an den Universitäten belegt werden können. Studiert man die „Western Medicine“, ist das die bei uns sogenannte Schulmedizin. Studiert man die ganzheitlich orientierte „traditional chinese medicine (TCM)“, so muss man auf jeden Fall beides lernen: die Schulmedizin sowie die alten empirischen Traditionen der chinesischen Medizin. Das Doppelstudium bestehe seit etwa fünf ‧Jahren und sei aus Gründen des Patientenschutzes eingeführt worden, erklären Professoren der TCM-Universität in Nanjing.

Die TCM besteht in der Regel aus sieben Unterfächern. Als TCM-Arzt wählt man später eine Fachrichtung aus und spezialisiert sich auf diesem Gebiet (quasi als Facharzt). Dazu gehören Akupunktur und Moxibustion, Tuina (die Lehre der manipulativen Techniken nach Meridiansystem, Facharztrichtung Orthopädie, mit spezieller Form der Kindertuina für Kinderärzte) oder Kräuter-Pharmakologie (mit Untergruppierungen unter anderem in Gynäkologie und innerer Medizin).

Kräuterapotheke

Betritt man eine TCM-Klinik, so ist das am Geruch erkennbar. Es riecht streng nach Kräutern und sonstigen Zutaten. Auch humane Plazenta wird verordnet. In der Kräuterapotheke stellen Apotheker die Tagesmischungen der Patienten nach Rezept individuell zusammen. Die Medikamente der „Western Medicine“ gibt es ‧– geruchsfrei – oft in einer Apotheke daneben.

Die Chinesen vertrauen der westlichen Medizin sehr und gehen mittlerweile lieber zu einem Arzt dieser Fachrichtung als zu den TCM-Kliniken. Auch in China haben die Patienten Angst vor Nadeln, wie Prof. Zha Wei von der TCM-Universität Nanjing erklärt. Das Behandlungsspektrum verändert sich allmählich: Westlich orientierte, kosmetische Operationen (wie etwa Augenlid-OPs, um ein westliches Aussehen zu bekommen) werden immer beliebter.

Schmalspur-Ausbildung der Zahnärzte

Die Ausbildung von Zahnärzten ist sehr schmalspurig. Man „lernt“ Zahnarzt und hat mit dem restlichen medizinischen Studium nicht viel zu tun. Die Lehrweise im Frontalunterricht ist nur für die Vermittlung von bereits existierendem Wissen geeignet, Fakten werden nicht hinterfragt und Transferwissen ist nicht üblich.
Die Zahnärzte durchlaufen verschiedene Stadien nach Ihrem Abschluss. Sie müssen zunächst unter Aufsicht behandeln und dürfen nicht alle Therapien durchführen. Nach mehreren Prüfungen wird das Spektrum der Zahnheilkunde breiter. Viele Zahnärzte, vor allem Frauen, machen diese weiteren Prüfungen jedoch nicht und arbeiten dann als untergeordneter Zahnarzt oder als Zahnarzthelferin in Privatpraxen. Zahntechnische Fähigkeiten, wie sie beispielsweise in Deutschland üblich sind, werden nicht vermittelt.

Da der chinesische Zahnarzt normalerweise nur chinesische Zahnmedizin und nicht noch TCM studiert hat, ist es ihm nicht erlaubt, Akupunktur oder Ähnliches bei den Patienten anzuwenden. Zahnärztliche Hypnose wird kritisch beäugt.

Kaum Bewusstsein für Zahngesundheit

Der Chinese weist – wie bei Asiaten öfters der Fall – tendenziell einen verkleinerten Kiefer bei normaler bis großer Zahngröße auf, wodurch Platzmangel mit all seinen Folgen (Parodontalkrankheiten, Karies, Zahnfehlstellungen) ein typisches Problem darstellt. Nach Angaben von Dr. Sam Li von der Union Dental Clinic in Nanjing sind rund 20 Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes kariesfrei. 80 Prozent ‧hätten Karies, 90 Prozent Parodontalerkrankungen und 80 Prozent andere Munderkrankungen.
Generell zeige sich ein Mangel an Bewusstsein für Zahngesundheit in der gesamten Volksrepublik China, erklären chinesische Zahnärzte aus Nanjing. Die meisten Menschen gingen weder zur Vorsorge, noch nähmen sie aufwendige Behandlungen wahr.

Kinderzahnheilkunde ist in China gänzlich unbekannt. Auch hier ist es noch ein sehr langer Weg, bis es zu einer flächen‧deckenden Versorgung mit Prophylaxe, ‧Kinderkronen (diese sind in China erhältlich) oder Füllungen kommt. Zu diesem Ergebnis kommen auch Studien der IAPD (International Association of Pediatric Dentistry). In der ganzen Jiangsu-Provinz mit über 81 Millionen Einwohnern gab es 2006 keine PAR-‧Behandlung und keine Behandlung mit ‧Kofferdam, obwohl dieser durchaus zu erhalten ist.
Im „Land der Mitte“ („zhong guo“, chinesischer Begriff für China), wo das Essen eine zentrale Rolle einnimmt, muss auch eine Zahnpaste „schmecken“. Daher bieten die Hersteller verschiedene Geschmacksrichtungen an, die teilweise für westliche Gaumen eher gewöhnungsbedürftig sein dürften.

Öffentliches Gesundheitssystem

In der Versorgung der chinesischen Bevölkerung dominiert das öffentliche Gesundheitssystem. Möchte ein Chinese Mitglied der gesetzlichen Krankenversicherung werden – das betrifft 99 Prozent – zahlt er zunächst 1 000 RMB (Die Volkswährung Renminbi RMB wird international CNY abgekürzt. Ein Yuan entspricht zehn Jiao, das entspricht 100 Fen. Rund 10 RMB entsprechen einem Euro, die Kaufkraft innerhalb Chinas entspricht 10 Euro). Danach zahlt der Patient für Behandlungen nur noch 15 Prozent. Den Rest von 85 Prozent zahle die chinesische Krankenversicherung, berichtet Dr. Sam Li aus Nanjing.

Der größte Teil der Chinesen (90 bis 95 Prozent) geht zur Zahnbehandlung in die öffentlichen Kliniken; nur etwa fünf bis zehn Prozent suchen den Privatzahnarzt auf. In den öffentlichen Kliniken ist die Behandlung günstiger, jedoch vom Standard durchaus niedriger. Es gibt kein Terminvergabesystem, so dass Wartezeiten für Behandlungen durchaus Stunden bis Tage dauern können. Ein chirurgisch tätiger Zahnarzt in einer öffentlichen Klinik hat um die 100 Patienten pro Tag und arbeitet alleine ohne Stuhlassistenz. Die öffentlichen Zahnkliniken öffnen von acht bis zwölf Uhr und dann wieder von 14.30 bis 16.00 oder 17.00 Uhr. Danach hat fast jeder in der Stadt Feierabend.

Privatzahnklinik im Kommen

Aus einer neuen wirtschaftlichen Dynamik heraus entwickeln sich in China immer mehr Privat-Zahnarztpraxen, auch „Privatkliniken“ genannt. Die Behandlungsform der „four-handed-dentistry“ (Zahnarzt mit Assistenz) gibt es nur in den ‧Privatkliniken. Man will hier den Patienten das Gefühl von Luxus und exzellenter Dienstleistung geben, was in China überaus wichtig ist. Service und das Patient-Behandler-Verhältnis sind erst in einer solchen Privatklinik vorhanden. Hier können auch Behandlungstermine gemacht werden. Die Kliniken werben ohne Einschränkungen mit Ihren Leistungen. So entrollen sich Riesenplakate an den neu gebauten Wolkenkratzern. Die Werbemöglichkeiten sind, wie mittlerweile in Deutschland, auf TV, auch in ‧Taxis, auf Zeitungen und Magazine ausgedehnt. Die Öffnungszeiten sind kundenorientiert (zum Beispiel Montag bis Freitag 8.00 bis 20.30 Uhr und Samstag und Sonntag 9.30 bis 17.00 Uhr oder nach Vereinbarung.)
Der Zahnarzt versteht sich hier als Dienstleister. Das Wartezimmer einer Privatklinik ist grundsätzlich mit Loungesofas und Glastischen ausgestattet und an der Rezeption sitzt eine Chinesin, die eventuell auch einen Satz Englisch spricht. Dienstleistung spiegelt sich auch in den ganzen Behandlungsabläufen der Privatkliniken wider. Das Behandlungsspektrum entspricht ungefähr dem einer deutschen Zahnarztpraxis. Jedoch sind die Kundenwünsche nicht immer unbedingt medizinisch notwendig. So würden Tausende der Chinesen ein Bleaching oder eine PZR zur Kosmetik (weiße Zähne) machen lassen. Prophylaxesitzungen mit Instruktionen und PAR-Behandlungen sind jedoch nicht gewünscht.

Die Gewinnspanne liegt bei 60 bis 80 Prozent. Personalkosten sind ‧extrem klein, wobei die Kosten für Marketing beträchtlich sind.

Durch Praxiswerbung versuchen die chinesischen Kollegen auf die Zahngesundheit hinzuweisen. Die Dan-De Clinic in Nanjing beispielsweise betreibt eine mobile Zahnarztpraxis. In dem modernen umgebauten Wohnwagen, der sogar digitales Röntgen beherbergt, werden fünf Prozent der Patienten der Klinik behandelt. 95 Prozent gehen in vier weitere Filialen, in denen dann auch komplexere Behandlungen durchgeführt werden können. Der Van fährt die reichen Compounds (Wohngebiete) an und bietet Service vor Ort.

Nach Berichten zweier privater chinesischer Zahnarztpraxen in Nanjing sind die Preise in den Privatkliniken für die dortigen Verhältnisse sehr hoch und erreichen fast westliches Niveau. Jedoch variieren sie sehr zwischen den verschiedenen Privatkliniken: So kostet ‧etwa eine Endobehandlung 1 000 RMB oder woanders 6000 RMB, eine NEM-verblendete Krone 1 300 RMB, ‧eine keramikverblendete Edelmetallkrone 2 800 RMB, eine CAD-CAM-Krone 5 000 RMB, eine PAR-Behandlung pro Termin 500 RMB, ein Implantat 10 000 bis 25 000 RMB, eine KFO-Behandlung 20 000 RMB (Umrechnungskurs 10 RMB entsprechen etwa 1 Euro).

Die chinesischen Zahnärzte in Nanjing in privaten und öffentlichen Kliniken sind sehr wissbegierig, lernwillig und immer interessiert, westliche Zahnärzte in ihrer Klinik anzustellen, Know-how zu erwerben und dann alles selbst so zu machen. Die Kunst des Kopierens spielt in der chinesischen Mentalität – anders als bei uns – eine wichtige kulturelle Rolle. Leider hat dieses Bestreben, Wissen und Können weiterzugeben, in der Markenindustrie bekanntlich mit den Raubkopien westlicher Produkte zu erheblichen Problemen geführt.

Dr. Angelika Heel
Deidesheimer Str. 1
67127 Rödersheim-Gronau

INFO

Chinas Ein-Kind-Politik

Die Bevölkerung Chinas wächst rasant. Und das trotz der Ein-Kind-Politik. Die Kinder folgen in riesigen Klassen mit 30 bis 50 Schülern einem Frontalunterricht. Sie schreiben viele Zugangs- und Endtests, um eine Qualifizierung für die Grundschule, die weiterführenden Schulen und Universitäten zu bekommen. Nur die Besten kommen weiter und verdienen Geld – was sie später auch brauchen. Ein Kind sorgt für mehrere Personen gleichzeitig: sich selbst, beide Eltern und zwei Großelternpaare. So entsteht ein riesiger Druck auf Chinas Kinder und Jugendliche, die mit ihrer Ausbildung die eigene sowie die spätere Versorgung ihrer Eltern und Großeltern sichern müssen und später die Ausbildung des eigenen Kindes wieder.

Zu rechnen ist damit, dass sich die Ein-Kind- Politik in Zukunft verändern wird, denn die Bevölkerungspyramide würde das nicht lange mitmachen. In China ist in der Regel nur ein Kind zugelassen. Wird dies nicht beachtet, werden für die Eltern Strafen verhängt (beispielsweise immens erhöhte Schulkosten, erhöhte Kosten für Wohnungen, Schlechterstellung bei der Jobwahl und der Schulplatzvergabe).
Auf dem Land ist ein zweites Kind erlaubt, wenn das erste Kind ein Mädchen ist. Damit hat das chinesische Elternpaar noch eine letzte Chance auf einen Sohn. Ist das zweite Kind ­jedoch auch ein Mädchen, bleibt es offiziell ­dabei. Wie viele Eltern weitere Kinder illegal bekommen, ist nicht bekannt.

In der Stadt haben die Eltern nur ein Anrecht auf ein zweites Kind, wenn das erste gestorben oder behindert ist. Nach Berichten Nanjinger Bürger werden immer mehr Mädchen für behindert erklärt, damit die Eltern noch eine zweite Chance auf einen Sohn bekommen. Die Abtreibung in China ist kostenlos, die „Pille“ jedoch muss privat gezahlt werden und ist teuer. Besonders auf dem Land sollen Mädchen nach der Geburt umgebracht werden, um „kein“ Kind bekommen zu haben, so dass die Chance besteht, einen Sohn zu gebären. Denn nur der Sohn erhält den Stamm, den Namen, und ist das bevorzugte Kind. Viele Menschen in China sind nicht amtlich ­registriert, denn eine Ausweispflicht besteht nur, wenn man das Land verlassen will, auch um zu reisen. ah



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