spk
16.10.11 / 00:02
Heft 20/2011 Zahnmedizin
Zahnerhaltung

Infiltration hemmt Kariesprogression

Die Infiltration kariöser Schmelzläsionen mit einem niedrigviskösen, lichthärtenden Kunststoffinfiltranten hemmt das Voranschreiten der Karies bei weiterhin bestehendem kariogenem Milieu.




Die Infiltrationstechnik ist eine speziell für die Behandlung approximaler Läsionen an der Abteilung für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie der Berliner Charité entwickelte Therapiemöglichkeit, bei der ein niedrigvisköser Kunststoff in die demineralisierte Zahnhartsubstanz eindringt und somit die für Kohlenhydrate und kariogene Säuren passierbaren Diffusionswege obturiert. Bei dieser mikroinvasiven Maßnahme wird die Diffusionsbarriere nicht auf der Oberfläche (wie bei der Versiegelung), sondern innerhalb der demineralisierten Schmelzareale geschaffen, womit auch eine Stabilisierung der Karies erreicht werden kann. In-vitro-Studien haben gezeigt, dass dadurch eine Progression der Karies verlangsamt oder sogar arretiert werden kann.

Die vorliegende In-situ-Studie untersuchte, ob die Infiltration kariöser Schmelzläsionen mit einem niedrigviskösen, lichthärtenden Kunststoffinfiltranten ein Voranschreiten der Karies bei weiterhin bestehendem kariogenem Milieu hemmt. Außerdem galt es, die Hypothese zu überprüfen, ob zwischen den infiltrierten, den versiegelten und den unbehandelten Läsionen signifikante Unterschiede hinsichtlich der Läsionsprogression auftreten.

An der Studie nahmen elf Probanden (sieben Frauen und vier Männer) im Alter zwischen 18 und 65 Jahren teil. Voraussetzungen für die Teilnahme waren eine vom Probanden unterschriebene Einverständniserklärung, eine gute Allgemeingesundheit und ein (natürliches) Gebiss ohne Anzeichen von aktiver Karies oder einer Parodontalerkrankung. Nicht eingeschlossen wurden Probanden, die gleichzeitig an einer anderen Studie teilnahmen, unter Xerostomie litten, ein erhöhtes Kariesrisiko aufwiesen und diejenigen, bei denen eine Allergie gegen dentale Materialien bekannt war. Die Probanden trugen 100 Tage lang eine Apparatur im Unterkiefer, bei der auf jeder bukkalen Seite im Sulkusbereich vier Rinderzahnproben eingearbeitet waren. Jede Rinderzahnprobe wies zwei im Labor künstlich erzeugte Demineralisationen auf. Bei vier Proben wurde eine der beiden Läsionen mit einem Icon-Präprodukt (DMG, Hamburg, Deutschland) infiltriert. Bei den vier anderen Proben wurde eine der Läsionen mit einem Fissurenversiegler (Clinpro Sealant; 3M Espe, Seefeld, Deutschland) (PC) versorgt, wobei eine oberflächliche Schicht belassen wurde. Bei allen acht Proben diente die zweite Läsion als unbehandelte Kontrollläsion (NC). Die Probenanordnung in der Apparatur erfolgte randomisiert. Die Proben wurden circa ein Millimeter tief in der Apparatur versenkt und mit einem Polyethylenterephthalatnetz zur natürlichen Plaqueakkumulation abgedeckt. Die Apparatur wurde ganztägig getragen und nur während des Frühstücks und des Abendessens für je 30 Minuten in eine zehnprozentige Saccharose-Lösung gelegt. Während der Zwischenmahlzeiten wurde sie in einer feuchten Umgebung in einer Plastikbox aufbewahrt. Die Apparatur wurde regelmäßig kontrolliert und die Probanden wurden an das Studienprotokoll erinnert. Für die Zeit der Untersuchungen wurden sie gebeten, fluoridfreie Zahnpasta und Zahnseide zu verwenden und andere antikariös oder antibakteriell wirkende Mittel zu meiden. Außerdem sollten sie keine fluoridreichen Lebensmittel und kein fluoridiertes Speisesalz zu sich nehmen. Vor der In-situ-Phase und nach den 100 Tagen wurden der Mineralverlust und die Läsionstiefe bei vier Proben jeder Apparatur mithilfe der Transversalen Mikroradiografie (TMR) und bei den vier anderen Proben mithilfe der Transversalen Wellenlängenunabhängigen Mikroradiografie (T-WIM) untersucht.

Zu Beginn zeigten beide Analysemethoden (TMR und T-WIM) keine signifikanten Unterschiede im Mineralverlust und in der Läsionstiefe zwischen den einzelnen Gruppen. Nach der In-situ-Phase konnte festgestellt werden, dass die unbehandelten Schmelzläsionen signifikant fortgeschritten waren. Die infiltrierten Läsionen schritten im Vergleich zu den unbehandelten Läsionen signifikant langsamer fort, wobei es hier zu keiner Progression der Läsionstiefe, sondern zu einer leichten Progression des Mineralverlusts kam, der unter der Läsionsoberfläche höher war als in der Tiefe der Läsion. Bei den mit dem Fissurenversiegler behandelten Läsionen konnte keine Progression des Mineralverlusts und der Läsionstiefe festgestellt werden. Die Unterschiede in der Läsionstiefe und des Mineralverlusts der infiltrierten und der versiegelten Läsionen nach der In-situ-Phase waren nicht signifikant.

Abschließend lässt sich sagen, dass in dieser in situ durchgeführten Studie die Kunststoffinfiltration die Progression artifizieller Schmelzkaries bei weiterhin bestehendem kariogenem Milieu behindert.

Quelle: Paris S, Meyer-Lueckel H.
Inhibition of caries progression by resin infiltration in situ.
Caries Res 2010;44(1):47-54.
Epub 2010 Jan 16

ZÄ Ina Ulrich
Charité-Universitätsmedizin Berlin
CharitéCentrum 3 für Zahn-,
Mund- und Kieferheilkunde
Abt. für Zahnerhaltungskunde
und Parodontologie
Aßmannshauser Str. 4-6
14197 Berlin
ina.ulrich@charite.de



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