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01.09.12 / 12:40
Heft 17/2012 Gesellschaft
GB plant Open Access Initiative

Informationen ohne Schranken

In Großbritannien sollen öffentlich finanzierte wissenschaftliche Forschungsergebnisse zukünftig für jedermann frei und unentgeltlich zugänglich werden. Bisher machen große Wissenschaftsverlage mit den Ergebnissen Profite, indem sie Leser für die Informationen im Internet bezahlen lassen. Damit jeder Interessent bald freien Zugang zu neuen Erkenntnissen bekommt, plant das Londoner Wissenschaftsministerium eine umfassende Reform, die den Namen „Open Access Initiative“ trägt.




Jahrelang war im Königreich debattiert worden, ob es ethisch vertretbar sei, Studienergebnisse aus Kliniken, Universitäten und Forschungslabors nach deren Veröffentlichung mit Bezahlschranken im Internet zu versehen. Folgende Praktik ist bis heute üblich: Zunächst erforschen Wissenschaftler einen neuen Sachverhalt, dann veröffentlichen sie ihre Forschungsergebnisse in einer der zahlreichen anerkannten Publikationen wie „The Lancet“ oder „British Medical Journal“ (BMJ).

„Das Problem ist, dass viele dieser Veröffentlichungen hinter Bezahlschranken verschwinden“, so Mark Henderson, Sprecher des britischen „Wellcome Trust“. Der Wellcome Trust ist eine große und für die Fachwelt wichtige Forschungsstiftung, die in den vergangenen Jahren zahlreiche nationale und internationale Studien förderte. „Das Verstecken von veröffentlichten Forschungsergebnissen auf Bezahlseiten im Internet ist eines der großen Versagen des Wissenschaftsbetriebs.“ Einige Publikationen verlangen vom Leser bis zu 30 Euro, um für 24 Stunden Artikel und Forschungsergebnisse zu lesen.

Mehr Transparenz

Henderson, der kürzlich für die renommierte britische Tageszeitung „Daily Telegraph“ einen Artikel zu diesem Thema schrieb, ist nicht der einzige Kritiker, der sich mehr Transparenz in Wissenschaft und Forschung wünscht. Inzwischen haben einige britische Politiker das Thema auf die Agenda gesetzt: Sie starteten kürzlich eine Initiative, um bis zum Jahr 2014 jedem freien Zugang zu veröffentlichten Forschungsergebnissen zu ermöglichen. Die britischen Medien sprechen in Anlehnung an den „Arabischen Frühling“ bereits von einem „Akademischen Frühling“ – also von einer Revolution im Wissenschaftsbereich.

Kürzlich hatten zahlreiche namhafte Forscher in Großbritannien öffentlich dagegen protestiert, dass die großen Wissenschaftsverlage mit den Forschungsergebnissen Profite machen. Unter anderem hatten rund 12 000 Wissenschaftler den Elsevier Verlag boykottiert, der neben anderen Publikationen auch „The Lancet“ publiziert. Die Forscher wiesen darauf hin, dass viele der Studien mit öffentlichen Geldern finanziert wurden, folglich die Ergebnisse auch der Öffentlichkeit frei zugänglich gemacht werden sollten.

„Wenn der Steuerzahler die Forschung bezahlt, sollte es keine Kostenhürden geben, bevor er deren Ergebnisse lesen kann“, sagt der britische Wissenschaftsminister David Willets. Er gehe davon aus, dass es den freien Zugang zu den Forschungsergebnissen bis 2014 geben werde. Und: Der freie Zugang solle nicht nur für Universitäten gelten, sondern auch für Privatleute und private Firmen weltweit.

Kostenloser Zugang

Das Londoner Wissenschaftsministerium brachte inzwischen eine entsprechende Initiative auf den Weg, die dem Vernehmen nach auch die Zustimmung von Premierminister David Cameron hat. Danach sollen in Großbritannien demnächst alle aus öffentlichen Geldern finanzierten wissenschaftlichen Studienergebnisse kostenlos für alle zugänglich sein. Bezahlschranken sollen entfallen. Beobachter sehen Signalwirkung weltweit.

Kritiker dieser bahnbrechenden Initiative weisen darauf hin, dass die Open-Access-Umsetzung jährlich rund 50 Millionen Pfund (mehr als 60 Millionen Euro) kosten werde. Dieses Geld, so befürchten zum Beispiel die Wissenschaftsverlage, würde dann dem Wissenschaftssystem nicht mehr zur Verfügung stehen.

Laut der britischen Tageszeitung „The Guardian“ bezahlen die Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Großbritannien zurzeit rund 200 Millionen Pfund im Jahr für die Abonnements der Wissenschaftsmagazine. Diese bezahlen davon unter anderem die sogenannten Peer Reviews, also die Gutachten der neu eingereichten Studien. Unklar ist bislang, wie sich dieses Prozedere mit Einführung des Open Access verändern wird.

Meinungsumfragen in Großbritannien zeigen, dass die Mehrheit der Bevölkerung für größere Transparenz im Wissenschaftsbetrieb ist. Dabei wird unter anderem das Argument gebracht, dass große Wissenschaftsverlage jährlich dreistellige Millionenbeträge an Gewinnen erwirtschaften, obwohl viele der von ihnen veröffentlichten Forschungsergebnisse mit Steuergeldern finanziert wurden. Das sei „unfair“, so die Kritiker.

Experten rechnen damit, dass sich als Folge der geplanten Reformen auch das Verlagswesen in Großbritannien grundlegend verändern könnte. Oftmals seien die marktwirtschaftlichen Gesetze gerade bei Wissenschaftsverlagen „auf den Kopf gestellt“, so Henderson. „Wissenschaftler denken oftmals nicht über die Gewinne der Verlage nach, wenn sie sich für die Veröffentlichung ihrer Arbeiten entscheiden. Für sie sieht es so aus, als ob alle Publikationen kostenlos sind, da viele Forscher zumeist von durch Universitäten oder andere Forschungseinrichtungen bezahlten Zugängen profitieren. Der Markt funktioniert nicht.“

Arndt Striegler
Grove House
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