Dominik Groß
16.05.17 / 00:01
Heft 10/2017 Gesellschaft
Wegbereiter der Zahnheilkunde – Teil 3

Jacob Callmann Linderer – Zahnerhalter der ersten Stunde

Zu den Wegbereitern der Zahnheilkunde zählt Jacob Callmann Linderer, der sich einen Namen als Fachautor machte und unter anderem den Fiedelbohrer erfand. Linderer lebte in einer Zeit, in der sich der Zahnarztberuf grundlegend wandelte: Er zog als Behandler noch umher, hatte aber auch schon eine erfolgreiche standortgebundene praktische Tätigkeit.



Das Wohnhaus in Erfurt, in dem Linderer um 1816 gewohnt hat. © Stadtarchiv Erfurt

Linderer wurde 1771 in Elgershausen bei Kassel geboren. Während viele Zahnärzte zu der Zeit zunächst eine chirurgische Ausbildung durchliefen, bevor sie sich auf die Zahnbehandlung spezialisierten, absolvierte Linderer von vornherein eine zahnärztliche Lehre. Diese bestand damals noch in einer handwerklich geprägten Ausbildung bei einem oder bei mehreren niedergelassenen Zahnbehandlern und einer abschließenden Prüfung, die allerdings beide nicht formal standardisiert waren.

Leben und Werk sind erfreulich gut dokumentiert [Linderer, 1834; Hirsch et al., 1962; Hoffmann-Axthelm, 1973; Romeick, 1975–1978; Otte, 2002; Kinzel, 2003]. So wissen wir beispielsweise, dass er einer jüdischen Familie entstammte und zunächst eigentlich Calmann Jacob hieß. Unter ebendiesem Namen erlangte er 1793 die Approbation. 1797 erhielt er die Erlaubnis, in Bad Pyrmont zahnärztlich tätig zu werden, wo er vor allem Kurgäste behandelte. 1802 wurde er dort von Fürst Friedrich Karl August von Waldeck (1763–1812) zum Hofzahnarzt berufen, wodurch er Zugang zu Gelehrtenkreisen und insbesondere zu akademisch gebildeten Medizinern erhielt. Obwohl er seinen Lebensmittelpunkt in Bad Pyrmont hatte, übte er seinen Beruf – wie die meisten seiner zeitgenössischen Kollegen – im „Umherfahren“ aus, das heißt, er bereiste mehrere Orte, etwa Hildesheim und Halle/Saale [Otte, 2002; Kinzel, 2003].

Den Beinamen „Linderer“ nahm er erst nach 1805 an: Hiermit wollte Jacob seinem Ziel, die Schmerzen seiner Mitmenschen zu lindern, sprachlichen Ausdruck verleihen. Der Name war also durchaus programmatisch gemeint. Zudem fügte er dem Namen Calmann ein zweites „l“ bei und trat ab dann als „Jacob Callmann Linderer“ auf [Romeick 1975–1978; Hoffmann-Axthelm, 1973].

1807 zog Linderer nach Göttingen. Auch von dort unternahm er Reisen in die Umgebung, um Patienten zu behandeln. So war er 1809 in Hannover tätig, um dem dortigen Hofchirurgen Christian Friedrich Stromeyer (1761–1824) einen Weisheitszahn zu entfernen. Im selben Jahr kam sein Sohn Joseph zur Welt, der später in seine beruflichen Fußstapfen treten sollte. Nachdem Napoleons Bruder Jérôme König von Westfalen geworden war, ernannte der Generaldirektor des öffentlichen Unterrichts in Kassel Linderer zum Universitätszahnarzt von Göttingen. Linderer machte sich in den Göttinger Jahren mit mehreren Professoren bekannt und bildetete sich an deren Kliniken weiter. Doch schon 1813, nach dem Ende der französischen Herrschaft, wurde der Titel wieder annulliert. Linderers Versuche, den Titel „Universitätszahnarzt“ nach dem Machtwechsel erneut zu erlangen, scheiterten: Ein an die Universität gerichteter Antrag wurde zwar verhandelt, aber negativ beschieden. Nun wurde ihm seine jüdische Herkunft vorgeworfen. Zudem hieß es, er habe in der Vergangenheit unverhältnismäßig hohe Honorare verlangt. Weiterhin kritisierten die zuständigen Vertreter der Universität, dass Linderer nebenberuflich einen Pferde- und Wagenverleih betreibe und mit einem anderen Universitätszahnarzt, Friedrich Hirschfeld, in Konkurrenz trete.

Ab 1814 praktizierte Linderer überwiegend in Erfurt, wo er für mehrere Jahre ansässig blieb und in der regionalen Presse regelmäßig Werbeanzeigen schaltete. Ab 1826 finden wir ihn schließlich in Berlin. Auch von dort aus entfaltete er eine rege, beruflich motivierte Reisetätigkeit, die ihn unter anderem nach Königsberg führte. Berlin sollte sein letzter Wohnort bleiben: Hier starb er am 23. Februar 1840 an den Folgen eines Schlaganfalls [Romeick, 1975–1978; Otte 2002; Kinzel, 2003].

Linderer trat im Lauf seines Lebens mit einer Reihe von Publikationen hervor: Bereits 1805 hatte er den Beitrag „Bemerkung über des Herrn Lautenschlagers Zahninstrument und Beschreibung über die Bohrmaschine“ veröffentlicht, 1806 ließ er einen Artikel mit dem Titel „Stillung der Blutungen aus den Alveolen“ folgen [Linderer, 1805; 1806]. In seiner Berliner Zeit erschienen schließlich die beiden wichtigsten Werke: 1834 veröffentlichte er sein bekanntestes Opus, die „Lehre von den gesammten Zahnoperationen“, und 1837 zusammen mit seinem Sohn Joseph das „Handbuch der Zahnheilkunde, enthaltend Anatomie und Physiologie, Materia medica dentaria und Chirurgie“. Hierbei handelt es sich um das erste wissenschaftliche Handbuch für die Zahnheilkunde im deutschsprachigen Raum [Linderer, 1834; Linderer/Linderer, 1837].

Vorläufer des Winkelstücks: der Fiedelbohrer

Mit der Publikation von 1805 machte Linderer den von ihm bereits 1797 konstruierten „Fiedelbohrer“ bekannt, der eine Zahnradmechanik besaß, die den Drehimpuls in einem Winkel von 90° auf den Bohrer übertrug und so wie ein Vorläufer eines Winkelstücks wirkte. Bis zu diesem Zeitpunkt waren kariöse Läsionen allenfalls mit Handinstrumenten oder mit Bohrern, die unmittelbar durch die Fingerkraft bedient wurden, entfernt worden. Zudem empfahl Linderer einen von ihm modifizierten Geißfuß für die Entfernung abgebrochener Wurzeln. Im 1806 veröffentlichten Beitrag riet er zudem bei Nachblutungen zu Wundkompressen beziehungsweise zum Einbringen von mit flüssigem Wachs getränkten Schwämmen [Romeick, 1975–1978].

Sein Hauptwerk, die „Lehre von den gesammten Zahnoperationen“, widmete Linderer dem berühmten Arzt Christoph Wilhelm Hufeland – und machte damit klar, in welcher bedeutenden Traditionslinie er sich und sein Werk verortete. In der Einleitung beschwört er den wissenschaftlichen Charakter seines Werkes, um sich dann den verschiedensten zahnärztlichen Tätigkeitsbereichen zu widmen. So beschreibt er unter anderem den Zahnersatz mittels Menschen-, Walross- und Seekuhzähnen, den Einsatz von Ersatzzähnen mit Stiften, Formen des Zahnersatzes mit und ohne Platten und Prothesen mit „Emailzähnen“ (Porzellanzähnen). Er gibt Hinweise zur Verbindung von „Ober-“ und „Untergebiss“ mittels Federn, zum Prinzip des Lötens, er beschreibt das Reinigen, Feilen, Bohren und Füllen der Zähne, beschäftigt sich mit Ligaturen und – in besonders differenzierter und eindrucksvoller Manier – mit der Entfernung von Zähnen. Bemerkenswerterweise fordert er, nur solche Zähne zu extrahieren, die nach kritischer Beurteilung nicht mehr erhaltungsfähig sind. Dementsprechend verurteilt er die zeitgenössische „Unsitte“, erkrankte beziehungsweise schmerzende Zähne ohne hinreichende Indikation zu ziehen. Linderer mutmaßt, dass dies für seine Kollegen einfacher und finanziell attraktiver sei als zeitintensive zahnerhaltende Maßnahmen [Otte, 2002; Kinzel, 2003].

Linderers „Lehre von den gesamten Zahnoperationen“ wurde insgesamt sehr positiv besprochen und sowohl in Preußen als auch in Österreich mit wissenschaftlichen Auszeichnungen bedacht. Kritisiert wurde allerdings Linderers Tendenz, wiederholt Werbetexte einzustreuen, die seine fachliche Exzellenz herausstellen sollten. Derartiges Eigenlob schmälerte in den Augen der Buchbesprecher die Seriösität und Wissenschaftlichkeit des Werks [Romeick, 1975–1978].

Ein Überbleibsel aus der Zeit der Marktschreier

Linderers Bücher stellen fachliche Meilensteine dar, zeigen aber auch zeittypische Defizite: Gerade die von Linderer platzierten Werbetexte wirken wie Überbleibsel aus der Zeit der Marktschreier. Auch ein weiterer Aspekt fällt negativ auf: Um sich und seine fachliche Expertise aufzuwerten, übt Linderer wiederholt zum Teil harsche und polemische Kritik an den Kenntnissen und Praktiken anderer Kollegen. Auch dies verweist in die vorwissenschaftliche Zeit, in der man konkurrierende Behandler der Quacksalberei beschuldigte, um sich selbst zu erhöhen.

Beide Aspekte sind bei näherer Betrachtung aber keine Überraschung: Linderer lebte in einer Zeit des Umbruchs des Zahnarztberufs [Otte, 2002; Kinzel, 2003]. Obwohl die meisten „Zahnbrecher“ noch umherzogen, brach allmählich die Ära des sesshaften Heilbehandlers an. Linderer bietet in seiner Biografie beides: Behandlungsangebote an wechselnden Orten, aber auch eine erfolgreiche standortgebundene praktische Tätigkeit. Um Patienten zu akquirieren, platzierte er Empfehlungsschreiben von bekannten Ärzten und Patienten, die er vor Ort verteilte oder als Werbeanzeigen in regionalen Zeitungen schaltete. Auch die Vereinheitlichung der zahnärztlichen Ausbildung und Prüfung erfolgte erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts.

Wohl vor diesem Hintergrund bezeichnet Hoffmann-Axthelm Linderer als „einen weit über dem Durchschnitt stehenden Praktiker“, zugleich aber auch als „Kind des 18. Jahrhunderts mit deutlichen Spuren der Zahnbrechervergangenheit“ [Hoffmann-Axthelm, 1973].

Linderers Bedeutung liegt zweifellos in seinem auf einer reichen Behandlungspraxis beruhenden wissenschaftlichen Werk. Einen nicht unerheblichen Anteil an seinem Stellenwert in der Geschichte der deutschsprachigen Zahnheilkunde hatte allerdings auch sein Sohn Joseph [Hirsch et al., 1962; Romeick, 1975–1978]. Dieser nahm als Koautor wesentlichen Einfluss auf das 1837 publizierte Handbuch, zu dem er im Jahr 1842 eine zweite Auflage und 1848 einen zweiten Band verfasste. Schließlich schrieb Joseph auch noch ein Buch über „Die Zahnheilkunde nach ihrem neuesten Standpunkte“ [Linderer, 1851]. Joseph Linderer starb am 20. Juli 1879 in Berlin. Der Sohn gelangte mit seinen Werken nicht nur zu eigenen Erfolgen – so wurde ihm etwa die Ehrendoktorwürde des Philadelphia Dental College angetragen –, sondern mehrte zugleich auch den (Nach-)Ruhm des Namens „Linderer“.

Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Dr. phil. Dominik Groß
RWTH Universität Aachen Medical School
Wendlingweg 2, 52074 Aachen




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