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01.04.12 / 12:00
Heft 07/2012 Medizin
Krebsentstehung

Jeder fünfte Tumor wird durch Entzündungen verursacht

Rund 20 Prozent der Krebserkrankungen entstehen auf dem Boden chronischer Entzündungen. Besonders auffällig ist die Assoziation zwischen Inflammation und Tumorgenese beim Leberkrebs und beim Darmkrebs. Darauf haben Wissenschaftler bei einem Workshop der Falk Foundation im Vorfeld des 28. Jahrestreffens der „German Association for the Study of the Liver” (GASL) jetzt in Hamburg aufmerksam gemacht.




Daran, dass es einen Zusammenhang zwischen Krebs und chronischen Entzündungen gibt, besteht inzwischen kein Zweifel mehr. So ist beispielsweise gut dokumentiert, dass Personen mit einer chronischen Hepatitis B wie auch mit einer chronischen Hepatitis C ein massiv erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines hepatozellulären Karzinoms haben.

Ähnliches gilt für die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Denn bei Menschen mit einem Morbus Crohn oder mit einer Colitis ulcerosa bildet sich überproportional häufig ein kolorektales Karzinom aus.

Hoffnung auf neue Präventionsansätze

Doch die Mechanismen, mit denen chronische Entzündungen die Karzinogenese triggern, sind bislang noch nicht genau bekannt. „Wir wissen, dass es ein ganzes Netzwerk an Mediatoren und Signalwegen gibt, die Entzündungsreaktionen regulieren und dabei möglicherweise auch die Entstehung von Tumoren begünstigen“, erläuterte Prof. Dr. Gisa Tiegs aus Hamburg. Würden die zugrunde liegenden Signalwege besser verstanden, so dürfte es laut Tiegs auch möglich werden, gezielt auf die Regulationsmechanismen Einfluss zu nehmen, die chronische Entzündung zu stoppen oder so zu modulieren, dass die Krebsentstehung unterbunden wird. Potenzielle Ansatzpunkte scheint es zuhauf zu geben, wie in Hamburg deutlich wurde. Denn eine ganze Vielzahl an Mediatoren und insbesondere an Zytokinen, Wachstumsfaktoren und Transkriptionsfaktoren wurde identifiziert, die in verschiedene Signalwege involviert sind und die zellulären Aktivitäten wie auch Entzündungsprozesse steuern.

Kommt es zu Schädigungen im Gewebe, so reagiert der Organismus mit Entzündungsreaktionen, die primär der Geweberegeneration dienen, berichtete Prof. Dr. Eithan Galun aus Jerusalem. Entgleist das System jedoch, so resultiert eine chronische Entzündung, die nun aber ihrerseits DNA-Veränderungen und die zelluläre Transformation zu Tumorzellen begünstigen kann. Rund jeder fünfte maligne Tumor dürfte nach Galun durch solche Mechanismen bedingt sein.

Dreh- und Angelpunkt bei diesen Prozessen sind nach den Worten des Wissenschaftlers offensichtlich Zytokine wie beispielsweise das Interleukin-6 (IL-6) sowie der Transkriptionsfaktor NKκB. Allerdings sind die Zusammenhänge kompliziert, da beide Mediatoren unterschiedlich reagieren können, je nachdem in welcher Zelle und in welchem Signalweg sie involviert sind. Das erschwert die Entwicklung therapeutischer Ansätze, mit denen sich die Entzündungsprozesse stoppen lassen. Das würde dann einer effektiven Tumorprävention gleichkommen.

Tumorediting als Überlebenskonzept

Die Erforschung der Zusammenhänge zwischen Inflammation und Tumoren nährt aber auch Hoffnungen auf Fortschritte bei der Tumorbehandlung. Denn die Entzündungen sind auch Ausdruck immunologischer Veränderungen, die die Tumorprogression vorantreiben können. Darauf hat in Hamburg Prof. Dr. Tim F. Greten vom National Cancer Institute (NCI) in Bethesda aufmerksam gemacht. Gut untersucht ist dies beim Leberzellkarzinom und Greten stellte vor Ort das Konzept des Tumorediting vor. Demnach bilden die Krebszellen ihrerseits Faktoren, die eine Immunsuppression induzieren und sichern sich so bessere Überlebenschancen. Das Konzept kann möglicherweise erklären, warum das Leberzellkarzinom weitgehend resistent gegenüber einer Chemotherapie reagiert und die Patienten meist eine schlechte Prognose aufweisen. Von der Erforschung dieser Zusammenhänge erhoffen sich die Mediziner, ähnlich wie es beim malignen Melanom jüngst möglich wurde, auch beim hepatozellulären Karzinom eine gezielte Immuntherapie etablieren zu können.

Assoziation Krebs und Autoimmunerkrankungen

Doch nicht nur chronische Entzündungsreaktionen, auch Autoimmunerkrankungen können offenbar das Auftreten von bösartigen Tumoren begünstigen. Das belegen Untersuchungen am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg (DKFZ). Zusammen mit schwedischen Kollegen hat Prof. Dr. Kari Hemminki vom DKFZ 33 verschiedene Autoimmunerkrankungen und elf unterschiedliche Krebserkrankungen des gesamten Verdauungstrakts (Mundhöhle, Speiseröhre, Magen-Darm-Trakt, Leber und Bauchspeicheldrüse) genau unter die Lupe genommen und nach Assoziationen gesucht.

Der Epidemiologe stellte dabei fest, dass die Mehrzahl der Autoimmunerkrankungen mit einem erhöhten Krebsrisiko einhergeht. Zum Beispiel erkranken Menschen mit einer Perniziösen Anämie, einer speziellen Form der Blutarmut, viermal häufiger an Magenkrebs als die Allgemeinbevölkerung. Bei der Myasthenia gravis, einer Störung der neuromuskulären Erregungsübertragung, treten den Analysen zufolge sogar mehrere Krebsarten gehäuft auf: Patienten, die an dieser relativ seltenen Autoimmunerkrankung leiden, entwickeln überproportional häufig Speiseröhrenkrebs, Magenkrebs sowie Darmkrebs. Auch beim systemischen Lupus und bei der Psoriasis haben die Forscher ein erhöhtes Risiko für Krebserkrankungen im Verdauungstrakt festgestellt. Ganz anders sieht es dagegen bei rheumatischen Erkrankungen aus, bei denen offenbar das Risiko, Darmkrebs zu bekommen, sogar niedriger als sonst üblich ist. Warum das so ist, bleibt vorerst noch unklar.

Christine Vetter
Merkenicher Str. 224
50735 Köln



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