sg
01.10.13 / 00:07
Heft 19/2013 Gesellschaft
Organtransplantationen

Jetzt erst recht

Anfang September legten Prüfer von Lebertransplantationszentren einen Bericht vor: Während sie generell zwar eine wachsende Bereitschaft zu mehr Transparenz bei der Organtransplantation feststellten, hatten sie auch eine Hiobsbotschaft: Es gibt noch viele gravierende Mängel. Unterdessen schwindet das Vertrauen in die Redlichkeit der Transplantationen. Funktionäre, Ärzte, Politiker und Promimente warnen schon: Nicht zu spenden, sei der falsche Schluss.




Die vorgenommenen Prüfungen kommen nicht von ungefähr: Nachdem im Sommer 2012 in einer Göttinger Klinik eklatante Verstöße gegen rechtliche Vorschriften festgestellt worden waren, wurde vom Gesetzgeber das Kontrollsystem bei den Organtransplantationen verschärft. Der Überprüfungskommission gehören Bundesärztekammer, die Deutschen Krankenhausgesellschaft und der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung an.

Die Vorsitzenden der Kommission, Anne-Gret Rinder und Hans Lippert, teilten in Berlin nun die Ergebnisse ihrer sogenannten Vor-Ort-Kontrollen mit. Die Ergebnisse der Kontrollen würden jeweils dem Ärztlichen Direktor des Universitätsklinikums, den zuständigen Landesbehörden sowie der Landesärztekammer und gegebenenfalls der zuständigen Staatsanwaltschaft zugeleitet, hieß es. Auch hätten die Kliniken Gelegenheit, sich zu den Ergebnissen zu äußern.

In Stichproben hatte die Kommission Lebertransplantationen aus den Jahren 2010 und 2011 in den 24 Leberzentren an deutschen Kliniken untersucht. Insgesamt wurden dort 2 303 Transplantationen vorgenommen. Das Ergebnis: Bei 292 Transplantationen wurden die Richtlinien nicht eingehalten. Konkret heißt das: in fast jedem zehnten Fall.

In vier Transplantationszentren wurden schwerwiegende Richtlinienverstöße unterschiedlicher Ausprägung festgestellt: in der Universitätsklinik Göttingen und Leipzig sowie in zahlenmäßig geringerem Ausmaß im Klinikum rechts der Isar in München, sowie in der Klinik Münster. Im Prüfbericht ist die Rede von 79 Verstößen in Göttingen, 76 in Leipzig, 38 in München und 25 in Münster. Nur an fünf Krankenhäusern hatten die Kontrolleure keine Beanstandungen verzeichnet: an der Charité in Berlin sowie an den Universitätskliniken in Hamburg-Eppendorf, Hannover, Magdeburg und Würzburg.

Die Verstöße wurden entweder unbeabsichtigt und nur vereinzelt wie etwa an der Uniklinik in Essen oder aber regelmäßig und bewusst begangen wie an den vier genannten besonders auffälligen Kliniken, so der Bericht. Dabei wurde oft fälschlicherweise angegeben, dass bei einem Patienten bereits eine Dialyse vorgenommen worden sei. In anderen Fällen hätte es diese zwar gegeben, ohne dass allerdings eine medizinische Notwendigkeit vorlag. Hintergrund: Dialysepatienten werden auf den Wartelisten vorn platziert.

Gegenüber der Presse wies der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, darauf hin, dass die Überprüfung ergeben habe, dass es den Ärzten bei der Manipulation nicht um Geld oder um die Bevorzugung von Privatpatienten gegangen sei. Vielmehr gebe es Anreize durch die Art der Krankenhausfinanzierung, aus dem Wettbewerbsstreben einzelner Kliniken und dem „Streben nach Ruhm und Ehre“. Gleichwohl sei es durch nichts zu rechtfertigen, gegen Gesetze und Richtlinien nach persönlichem Gutdünken zu verstoßen, so Montgomery.

Bei der Vorstellung des Berichts zeigte sich die Prüfungskommission recht optimistisch. Als positiver Effekt der Vor-Ort-Prüfungen habe sie „eine Verbesserung der formalen Abläufe sowie der Dokumentationen“ festgestellt. Nach Einschätzung der Kommissionsvorsitzenden sei daher für die Jahre 2012 und 2013 mit einer deutlich geringeren Anzahl von Richtlinienverstößen zu rechnen.

Vertrauen wieder herstellen

Indes: Die Verstöße haben das Vertrauen der Bevölkerung erschüttert, dass bei der Vergabe von Transplantationsorganen alles mit rechten Dingen zugeht. So gab es nach Angaben der Deutschen Stiftung für Organtransplantation im ersten Halbjahr dieses Jahres 459 Verstorbene, deren Organe nach ihrem Tod anderen Patienten zugute kamen. In den ersten sechs Monaten 2012 wurden 562, im ersten Halbjahr 2010 noch 648 Organspender gezählt.

Nach einem Bericht der Berliner Morgenpost sind allein in der Hauptstadt die Zahlen in letztem Jahr drastisch zurückgegangen: Laut Stiftung habe es 2012 insgesamt 80 potenzielle Organspender gegeben, von denen 55 Spenden tatsächlich durchgeführt worden seien. Im Jahr 2011 seien es noch 91 potenzielle und 61 erfolgreiche Transplantationen gewesen. Zum Vergleich: Bis zum August dieses Jahres seien es bislang nur noch 28 bisher realisierte Organspenden gewesen. Und die, obwohl die Kranken kassen seit November 2012 Infopost an die Versicherten schicken, dem ein Spenderausweis beiliegt.

Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Johann-Magnus von Stackelberg, sieht die deutsche Transplantationsmedizin „in einer tiefen Vertrauenskrise“. Um Vertrauen wieder herzustellen helfe nur eine lückenlose Aufklärung aller Manipulationen in den Transplantationszentren. Für Montgomery ist es „äußerst bedrückend“ zu sehen, wie die Verstöße „ein ganzes System ins Wanken“ gebracht hätten. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) konnte nur öffentlich beipflichten: Wer sich jetzt abwende, bestrafe nicht die manipulierenden Mediziner, sondern die mehr als 11 000 Menschen auf der Warteliste, sagte Bahr.

Unterdessen arbeiten viele Akteure daran, den Abwärts-Trend der Transplantationen zu stoppen. Ärzte, Kassen, Politiker und auch Prominente wie der Comedian Ralf Schmitz werben für die Organspende. Die Krankenhausgesellschaft erklärte sich bereit, über ein Finanzierungssystem nachzudenken, bei dem für die Kliniken kein Anreiz mehr dafür besteht, möglichst viele Transplantationen vorzunehmen.



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