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16.02.12 / 12:40
Heft 04/2012 Titel
Mundgesundheitswirtschaft

Jobmotor für die Zukunft

Mit der Schaffung von 76000 neuen Arbeitsplätzen bis zum Jahr 2030 ist die Mundgesundheitswirtschaft ein treibender Wirtschaftsfaktor. Dies belegt die neue gesundheitsökonomische Trendanalyse des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ) zusammen mit WifOR anhand eines innovativen Prognosemodells. Die Wachstumseffekte entstehen vor allem im Zweiten Gesundheitsmarkt, so die Prognosen aus der Wissenschaft.




Über den Beitrag der Zahnmedizin zur gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung und Beschäftigungssicherung in Deutschland gab es bisher keine fundierten Aussagen. Bei der Diskussion über diesen Teil der Gesundheitswirtschaft standen bisher vor allem Kostenfaktoren im Vordergrund, nicht aber produktive Aspekte für die Volkswirtschaft. Die neue Studie quantifiziert – vergleichbar mit Forschungsarbeiten der Gesundheitswirtschaft – jetzt erstmals auch für die Mundgesundheitswirtschaft deren Bruttowertschöpfung und deren Beschäftigungszahlen. Basis sind die Wachstums- und Beschäftigungsanalysen von 1998 bis 2008 anhand der vorhandenen Daten sowie Prognoseberechnungen für diese beiden Bereiche bis 2030. Die Analyse erfolgt auf der Basis eines mathematisch-statistischen Prognosemodells (Methodik siehe Kasten).

Drei Kernaussagen lassen sich aus der Studie ziehen:

• Die Mundgesundheitswirtschaft schafft 76 000 neue Arbeitsplätze bis zum Jahr 2030 und ist damit ein wichtiger Teil der Jobmaschine Gesundheitswesen.

• Diese Wachstumseffekte resultieren zum großen Teil aus der präventionsorientierten Nachfrage.

• Die Wachstumseffekte entstehen vor allem im Zweiten Gesundheitsmarkt.

Im Folgenden werden die Hauptaussagen der umfangreichen Studie in gestraffter Form skizziert.

Gesundheits- und Mundgesundheitswirtschaft

Die Gesundheitswirtschaft zählt zu einem der größten Wirtschaftszweige und als Wachstums- und Beschäftigungstreiber für die Volkswirtschaft in Deutschland. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes arbeiteten dort 2008 4,6 Millionen Menschen und die Branche erzielte im gleichen Jahr einen Gesamtumsatz von rund 236 Milliarden Euro, das entspricht 10,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Rund sieben Prozent des in der Gesundheitswirtschaft generierten Umsatzvolumens entfallen auf die Mundgesundheitswirtschaft. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt entspricht etwa 0,9 Prozent, der Anteil an der gesamten Bruttowertschöpfung der deutschen Wirtschaft liegt bei 0,6 Prozent. Die Mundgesundheitswirtschaft beschäftigte im Jahr 2010 rund 410 000 Erwerbstätige, was deren Bedeutung für den deutschen Arbeitsmarkt aufzeigt.

Die Gesundheitswirtschaft umfasst das Gesundheits- und Sozialwesen mit ambulanter und stationärer Versorgung, den Pflegebereich, sowie assoziierte Teilbereiche mit insgesamt fünf weiteren Schichten. Davon abgrenzbar als Teilbereich ist der Bereich der Mundgesundheitswirtschaft mit insgesamt drei Schichten, den Zahnarztpraxen als erste Schicht, den gewerblichen Dentallaboren und Eigenlaboren als zweite Schicht und Mundgesundheitsprodukten im Einzelhandel als dritte Schicht (Grafik 1).

Zwei unterschiedliche Märkte

Zu unterscheiden ist zwischen Erstem und Zweitem Gesundheitsmarkt. Der Erste Gesundheitsmarkt umfasst die Bereiche der klassischen Versorgung, nämlich die gesetzliche und die private Krankenversicherung. Zum Zweiten Gesundheitsmarkt zählen alle privat finanzierten Produkte und Dienstleistungen rund um die Gesundheit. Schaut man nach der Finanzierungsart, so reicht der Erste Gesundheitsmarkt von erstattungs-fähigen Arzneimitteln und Krankenhausaufenthalten bis hin zu Präventionskursen, die durch die Kassen getragen werden. Zum Zweiten Gesundheitsmarkt gehören unter anderem individuelle Gesundheitsleistungen, Wellness-Produkte und OTC-Präparate.

Für die Mundgesundheitswirtschaft legt die Studie die sogenannte klassische Abgrenzung zugrunde: Der Erste Mundgesundheitsmarkt umfasst alles, was durch die gesetzlichen und die privaten Krankenversicherungen und durch die Beihilfe getragen wird. Der Zweite Mundgesundheitsmarkt ist eine sogenannte Restgröße, er umfasst alles, was dem ersten Bereich nicht zuzuordnen ist. Durch die Gesetzgebung hat sich in den letzten Jahren ein Markt heraus kristallisiert, der vom hochpreisigen Segment auf der einen bis zu Discountangeboten auf der anderen Seite reicht. Mit der Einführung der befundbezogenen Festzuschüsse im Jahr 2005 hat sich eine Vielzahl von Optionen für Zahnärzte wie auch für Patienten ergeben. Durch private Zuzahlungen hat sich die Relevanz des Zweiten Mundgesundheitsmarkts noch erhöht. Hinzu kommt das gestiegene Mundgesundheitsbewusstsein des Patienten („dental awareness“), das ebenfalls zum Bedeutungszuwachs beiträgt. Zwischen dem Ersten und dem Zweiten Mundgesundheitsmarkt arbeitet die Studie ein komplementäres Verhältnis heraus, das heißt, die beiden Märkte ergänzen sich hinsichtlich ihrer jeweiligen Leistungen.

Solides Wachstumspotenzial

Unter stabilen Rahmenbedingungen weist die Mundgesundheitswirtschaft der Trendanalyse zufolge in den nächsten Jahren ein solides Wachstumspotenzial auf. Für die gesamte Mundgesundheitswirtschaft, die alle drei Schichten umfasst, prognostiziert die Studie (im Basisszenario) ein Umsatzvolumen in Höhe von rund 27 Milliarden Euro (Tabelle 1). Gegenüber dem Jahr 2010 steigt der Umsatz demnach um 4,3 Milliarden Euro beziehungsweise 22 Prozent. Die prognostizierte jährliche Wachstumsrate der Gesamtumsätze liegt bei rund 0,87 Prozent. Dabei handelt es sich um nominale, nicht inflationsbereinigte Größen.

Außerdem ist der Zweite Mundgesundheitsmarkt der maßgebliche Wachstumstreiber der Wertschöpfung in der Mundgesundheitswirtschaft. Schaut man sich die Bruttowertschöpfung in den drei Schichten an (Tabelle 2), so wird von 2010 bis zum Jahr 2030 ein Anstieg der gesamten Bruttowertschöpfung von 13,37 Milliarden Euro um knapp über 19 Prozent auf 15,94 Milliarden Euro prognostiziert, das entspricht einem jährlichen Wachstum der Bruttowertschöpfung von 0,88 Prozent. Der Zweite Mundgesundheitsmarkt wird den Berechnungen zufolge weitere 2,39 Milliarden Euro erwirtschaften und damit um etwa 60 Prozent beziehungsweise 2,38 Prozent jährlich zulegen. Die Analyse verdeutlicht, dass der überdurchschnittlich stark wachsende Zweite Mundgesundheitsmarkt als kraftvoller Wachstumstreiber für die Gesamtwirtschaft fungiert.

Für die gesamte Mundgesundheitswirtschaft ist für das Jahr 2010 von einem Umsatzvolumen von rund 22,71 Milliarden Euro auszugehen. Die erste Schicht (zahnärztlicher Leistungsbereich) erzielt dabei 65,8 Prozent der Gesamtumsätze, während der zweiten Schicht (zahntechnischer Leistungsbereich) 27,5 Prozent der Umsätze zuzuordnen sind. Die dritte Schicht leistet mit 6,7 Prozent den vergleichsweise geringsten Beitrag zum Gesamtumsatz der Branche. 2030 werden nach der Prognose rund zwei Drittel der Umsätze der Mundgesundheitswirtschaft, nämlich 66,7 Prozent, auf die Zahnarztpraxen fallen. 25,3 Prozent entfallen auf die zweite Schicht, 8,0 Prozent auf die dritte Schicht (Grafik 2).

Beschäftigungszahlen steigen

Auch die Beschäftigtenzahlen werden sich dem Prognosemodell zufolge positiv entwickeln (Tabelle 3). Für den zahnärztlichen sowie für den zahntechnischen Bereich ergeben sich für das Jahr 2010 insgesamt 382 200 Erwerbstätige. Bis zum Jahr 2030 wird sich der Prognose zufolge die Zahl der Erwerbstätigen in diesem Bereich bis auf 447 300 erhöhen. Dies entspricht einer Steigerung um 17 Prozent gegenüber 2010. Die Beschäftigtenzahl der dritten Schicht wird sich hingegen bis zum Jahr 2030 voraussichtlich um 40 Prozent erhöhen. In diesem Bereich der Mundgesundheitswirtschaft werden im Jahr 2030 voraussichtlich mehr als 38 000 Erwerbstätige beschäftigt sein. Dies entspricht einer Erhöhung um knapp 11 000 Personen.

Insgesamt wird die Zahl der Erwerbstätigen in der Mundgesundheitswirtschaft von 2010 bis 2030 um 18,6 Prozent beziehungsweise jährlich um etwa 0,86 Prozent steigen. Während die Branche im Jahr 2010 noch knapp 410 000 Personen beschäftigt, werden 2030 bereits rund 486 000 Erwerbstätige er wartet. Damit entsteht in den nächsten 20 Jahren ein Beschäftigungspotenzial von über 76 000 Personen. Die Mundgesundheitswirtschaft wirkt damit ganz klar als Beschäftigungstreiber für die Gesamtwirtschaft.

Präventionsorientierte Nachfrage

Aufschlussreich sind die Prognosen über das Einkommen der Versicherten und dessen Einfluss auf die Umsatzentwicklung (Tabelle 4). Es zeigt sich, dass Wachstum vor allem aus präventionsorientierter Nachfrage resultiert. Der zahnerhaltende Leistungsbereich weist die stärksten Umsatzzuwächse auf. Im Jahr 2010 erwirtschaftete er Umsätze in Höhe von 10 Milliarden Euro (Basisszenario), bis 2030 wird der Umsatz voraussichtlich um etwa 26 Prozent auf 12,64 Milliarden Euro steigen. Dies entspricht einem jährlichen Wachstum von 1,18 Prozent.

Durch die Steigerung der Gesamtumsätze im zahnerhaltenden Bereich werden entsprechend auch die Umsätze im Zweiten Mundgesundheitsmarkt zunehmen. Im Jahr 2010 beläuft sich der Umsatz auf 2,46 Milliarden Euro. Bis zum Jahr 2030 wird sich der Umsatz um 78 Prozent auf 4,37 Milliarden Euro erhöht haben. Dies entspricht einem jährlichen Wachstum von 2,92 Prozent.

Für den Bereich Zahnersatz ergeben sich dem Prognosemodell zufolge dagegen rückläufige Umsätze. Während im Jahr 2010 noch 3,08 Milliarden Euro auf diesen Leistungsbereich entfallen sind, wird für das Jahr 2030 lediglich ein Umsatz von 2,85 Milliarden Euro und damit ein Rückgang um 8 Prozent prognostiziert. Trotz der generell abnehmenden Umsätze beim Zahnersatz zeigt sich im Zweiten Mundgesundheitsmarkt noch eine Zunahme der Umsätze. Gegenüber 2010 wird der privat finanzierte Teilmarkt im Jahr 2030 rund 230 Millionen Euro beziehungsweise 30 Prozent mehr umsetzen. Dies entspricht einem jährlichen Wachstum in Höhe von 1,33 Prozent. Da der Zweite Gesundheitsmarkt privat finanziert wird, erscheint ein Anstieg der Umsätze dieses Teilmarkts im Zuge des steigenden Einkommens plausibel.

INFO

Die neue Studie

David Klingenberger, Dennis A. Ostwald, Paul Daume, Michael Petri, Wolfgang Micheelis: „Wachstums- und Beschäftigungseffekte der Mundgesundheitswirtschaft“, Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ), Band 33, Deutscher Ärzte-Verlag Köln, 2012, ist im Fachbuchhandel erhältlich.

INFO

Innovative Methodik

Die IDZ-Studie arbeitet mit einem neu konzipierten Modell zur Prognose der Wachstums- und Beschäftigungseffekte in der Mundgesundheitswirtschaft. Das Modell berücksichtigt die orale Morbidität, die demografische Entwicklung, das Inanspruchnahmeverhalten, das Einkommen pro Kopf und den medizinisch-technischen Fortschritt. Verknüpft werden diese Informationen mit Daten der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, mit Abrechnungsdaten von Bema und mit epidemiologischen Grunddaten des zahnmedizinischen Versorgungssektors (IDZ-Mundgesundheitsstudien). Diese Daten gehen über das Gesundheitssatellitenkonto (eine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung für die Gesundheitswirtschaft) hinaus. Ermöglicht wird die Analyse von Marktsegmenten, nämlich des Ersten und des Zweiten Mundgesundheitsmarkts, von Zahnarztpraxen, Zahntechnik, Dentalprodukten, von Zahnerhalt, Zahnersatz und sonstigen Elementen sowie von Umsatz, Wertschöpfung und Beschäftigung. Eine fortlaufende Aktualisierung ist möglich. Auf Basis der Datenlagen von 1998 bis 2008 wurden Prognosen bis zum Jahr 2030 hochgerechnet.



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