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01.07.13 / 12:00
Heft 13/2013 Leitartikel

Jung und stark



Foto: BZÄK-S. Pietschmann

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

das Durchschnittsalter der Deutschen beträgt 44,5 Jahre. Damit sind wir tatsächlich noch vor Italien Europameister, leider nicht im Fußball, aber im Altsein. Schaut man dann jedoch in berufspolitische Gremien der Zahnmedizin, erlebt man gar nicht selten sogar deutlich höhere Durchschnittsalter. Da lässt sich viel spekulieren: Generation Y engagiert sich nicht so gerne, es gibt immer mehr Frauen, und die fühlen sich von den Jungs-Netzwerken ausgegrenzt, der Beruf bietet so wenig Perspektive, dass der Nachwuchs bereits aufgegeben hat.

Wie wäre es mit dieser Erklärung: Uns ist nicht mehr und nicht weniger als der Gesprächsfaden mit der Jugend gerissen. Die Hochschulen haben sich in den vergangenen Jahren ganz deutlich verändert. Gab es früher viele Hochschullehrer, die den Studenten die Werte von Freiberuflichkeit in eigener Praxis ohne unser Zutun vermitteln konnten, weil sie den Freiraum hatten, diese Werte selber zu kennen, erleben wir jetzt mehr und mehr eine jüngere Generation an den Hochschulen, denen die ökonomischen Zwänge kaum noch Seitenblicke erlauben.

Wenn Drittmitteleinwerbungen und Impactpunkte alles sind, wonach ich beurteilt werde, wo soll dann die Zeit herkommen, um die Welt der Praxis und der Berufspolitik nicht nur zu sehen, sondern auch zu verstehen? Kann das lange gut gehen? Kann es lange gut gehen, wenn sich unser Fach in Unterbereiche zergliedert, die sich gegenseitig nicht mehr richtig kennen?

Wohl kaum, und deshalb arbeitet die Bundeszahnärztekammer gemeinsam mit der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, der Wissenschaft und den Hochschulen an einem Konzept, das den Gesprächsfaden mit unserem Nachwuchs wieder aufnehmen soll. Drei Punkte gehören dazu:

1. Die Berufskunde-Vorlesung ist nicht selten zu einer ungeliebten Last verkommen, der sich nur noch wenige mit standespolitischem Herzblut stellen wollen. Dabei ist es geradezu sträflich, diese Chance zum Erstkontakt verstreichen zu lassen. Mit neuer Struktur und bundesweiter Koordinierung wollen wir hier wieder kräftig aufs Gas treten.

2. Echte Praxis lässt sich nur in echten Praxen erleben. Warum also nicht in den klinischen Unterricht Zeiten in einer Lehrpraxis einplanen? Es gibt einige Hochschulen, die den Gedanken gerne aufgreifen. Wichtige Probleme – Wie bin ich versichert? Werden sich Praxen als Lehrpraxis bewerben? – sind auch schon so überraschend schnell und gut gelöst, dass zwei Länderkammern bereits an der konkreten Umsetzung arbeiten.

3. In der Orientierungsphase nach dem Studium steht man als Zahnarzt mitten im Fokus vieler Interessengruppen. Was aber fehlt, ist die übergeordnete Sicht, wie sie die berufspolitischen Körperschaften bieten können. Ein Programm, das geschickt Fachinhalte, für die an der Universität Zeit und Patienten fehlen, mit Themen der Praxisgründung und -organisation mischt, kann diese Sicht vermitteln – selbstverständlich ohne Zwang, ohne Koppelung an die kassenzahnärztliche Vorbereitungszeit, ohne Titel und ohne pekuniäre Interessen. Einzelne Länderkammern und KZVen entwickeln dazu gerade ein gemeinsames modulares Unterrichtsprogramm.

Wenn man diese drei Punkte anschaut, fällt sofort auf, dass hier nicht nur Gesprächsebenen geschaffen werden, sondern, dass auch wichtige Inhalte für unseren Beruf vermittelt werden. Damit ergibt sich geradezu automatisch eine Stärkung des in der Breite des Berufsbildes tätigen Zahnarztes – des Generalisten. Bestrebungen, dem Generalisten Themen wegzunehmen und sie neuen Fachzahnarzt-Gruppen zuzuordnen, hat der Berufsstand eine klare Absage erteilt. Unser Fach fährt damit natürlich nicht auf schmaler Spur, denn Tätigkeitsschwerpunkte kann jeder etablieren, nur eben nicht mit einem Titel, sondern im Patienten- und Überweiserkontakt.

Ein drittes wichtiges Ziel haben wir natürlich auch noch: Wenn man erlebt, wie vielgestaltig, wie konkret und wie sinnvoll standespolitisches Engagement sein kann, dann wächst vielleicht auch wieder bei den Jungen die Lust, Standespolitik aktiv mitzugestalten.

Mit besten Grüßen

Prof. Dr. Christoph Benz
Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer



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