Sabine Weimar, Johannes Spitzbart
16.01.17 / 00:01
Heft 02/2017 Der besondere Fall ohne CME
Der besondere Fall

KFO-Behandlung im parodontal vorgeschädigten Gebiss

Eine kieferorthopädische Behandlung ist bei Erwachsenen grundsätzlich schwieriger als beim Kind. In diesem Fall hatte der 44-jährige Patient noch dazu eine Parodontitis. Wie die Behandler mit Alignern ein gutes Ergebnis erzielten, lesen Sie hier.




Der 44-jährige Patient stellte sich im Juli 2014 nach Überweisung seines Hauszahnarztes in unserer kieferorthopädischen Sprechstunde zur Erstberatung vor. Er bemerkte nach eigenen Angaben seit Jahren eine Veränderung seiner Zahnstellung – besonders im Oberkiefer – und wünschte sich eine Behandlungsalternative zur zahnärztlich angeratenen Extraktion von Zahn 11 und anschließenden Brückenversorgung.

Anamnestisch lagen keine Besonderheiten vor. Es ist jedoch zu vermerken, dass ein regelmäßiger Alkohol-, Koffein- und Nikotinkonsum zugrunde lag. Intraoral zeigte sich ein bereits konservierend versorgtes permanentes Gebiss mit aktivem und inaktivem kariösen Geschehen. Große Anteile der Zahnhälse lagen nach Zahnfleischrückgang in Kombination mit Knocheneinbrüchen frei. Zahn 27 wurde bereits extrahiert.

Eine Beurteilung der parodontalen Situation an Zahn 11 offenbarte mesial und distal Sondierungstiefen von jeweils 6 mm.

Kieferorthopädisch imponierte beidseits eine neutrale Verzahnung bei einem tiefen Biss von 5 mm – bedingt durch die Verlängerung beider Frontzahngruppen. Besonders Zahn 11 zeigte eine erhebliche Verlängerung und Protrusion mit einer sagittalen Frontzahnstufe von 5 mm. Sowohl die Frontzähne im Ober- als auch im Unterkiefer wiesen eine lückige Beziehung zueinander auf (Abbildung 1).

Röntgenologisch stellte sich im Orthopantomogramm der bereits intraoral ersichtliche horizontale und vertikale Knochenabbau mit Attachmentverlust an einzelnen Zähnen dar. Die Erhaltungswürdigkeit einzelner Zähne war aufgrund des starken Knochenverlustes beziehungsweise der Beeinträchtigung des Halteapparates als kritisch zu beurteilen.

Zudem wurde die Diagnose einer Parodontitis gestellt, die eine Rücküberweisung an den Hauszahnarzt erforderlich machte (Abbildung 2).

Das Therapiekonzept

Nach erfolgter Parodontitistherapie und konservierender Versorgung stellte sich der Patient Ende 2014 erneut in unserer Praxis vor.

Die Sulkustiefen konnten auf etwas weniger als 4 mm reduziert werden, während der Blutungs- und Plaque-Index bei weniger als 15 Prozent lag. Daher wurde eine kieferorthopädische Behandlung über die nächsten zwei Jahre in Kombination mit engen zahnärztlichen Kontrollen geplant. Als Mittel der Wahl entschieden wir uns gemeinsam mit dem Patienten für das Invisalign-System, da hiermit sowohl eine Schienung als auch eine kraft-arme Bewegung der Zähne möglich sein sollte. Für den Frontzahnbereich wurden keine Attachments geplant, so dass hier eine unnötige Hebelwirkung umgangen werden konnte (Abbildung 3).

Um einen kompletten Lückenschluss im Oberkiefer zu ermöglichen, musste im Unterkieferfrontzahnbereich zusätzlich zur Derotation und Positionierung der Zähne – insbesondere Zahn 41 – von approximaler Schmelzreduktion, kurz ASR , Gebrauch gemacht werden, um einer Tonn`schen Diskrepanz entgegenzuwirken (siehe dazu Abbildung 7 auf Seite xy).

Nach Ausgliederung der insgesamt 14 Invisalignschienen, die der Patient jeweils drei Wochen getragen hatte, wurden ihm sowohl im Unter- als auch im Oberkiefer Sechs-Punkt-Retainer eingegliedert, um eine Schienung und Stabilisierung der Zähne untereinander zu ermöglichen.

Zusätzlich wurden für die Nacht Retentionsschienen gefertigt. Nach Abschluss der kieferorthopädischen Therapie betrugen die Taschentiefen an Zahn 11 mesial und distal jeweils 6 mm und 4 mm. Zahn 11 zeigte daher weiterhin einen erhöhten Lockerungsgrad, der in Zusammenarbeit mit dem Zahnarzt ein halbes Jahr nach Abschluss der Therapie durch regelmäßige Reinigung, weitere parodontal-hygienische Maßnahmen und die dauerhafte Schienung reduziert werden konnte.

Eine zusätzliche Behandlung mit einem Schmelzmatrixprotein, gesteuerter Geweberegeneration oder Ähnliches lehnte der Patient ab. Die reine Intrusion von Zahn 11 konnte mit 2,5 mm beziffert werden, während Overjet und Overbite jeweils 2 mm und 3 mm betrugen. Die Abbildung 4 zeigt den Zwischenbefund nach zwei Monaten mit den transparenten Schienen.



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