sp/pm
16.04.02 / 00:08
Heft 08/2002 Medizin
Aber bitte mit Zahnmännchen

Kauen gegen Stress

Rund jeder zweite Mann und jede zweite Frau in Deutschland haben laut einer neuen Forsa-Studie (im Auftrag der Deutschen Angestellten-Krankenkasse) ihre eigene Anti-Stress-Methode entwickelt: Sie gehen essen. Das tut zwar der Seele gut, aber nicht den Zähnen, es sei denn, sie achten auf Produkte mit dem Zahnmännchen.




Kauen heilt zwar nicht bei Stress, hilft aber: Wenn der alltägliche Druck im Job oder in der Familie zur Belastung wird, braucht der Körper ein Ventil, um ihn „rauszulassen“. Am besten ist Bewegung, wie Laufen, Tennis spielen, Sandsack-Boxen und Ähnliches. Ebenfalls erfolgreich sind bewusste Entspannungsmethoden, wie autogenes Training, Meditation oder ein Wannenband.

Ziel all der Mühen ist der Stressabbau, das Gefühl von Befriedigung und Entlastung. Das Kauen verbindet Bewegung, Entspannung und orale Befriedigung zu einer einzigen Aktion. „Es muss aber nicht immer ein dreigängiges Menü sein“, sagt Prof. Dr. Jean-François Roulet von der Abteilung Zahnerhaltung und Prophylaxe an der Berliner Charité und Vorsitzender der Aktion zahnfreundlich e.V., „Lutschen und Kauen allein sind oft schon sehr hilfreich in stressigen Phasen. Aus zahnärztlicher Sicht raten wir zu zahnfreundlichen Kaugummis und Bonbons – damit man nicht den einen Stress los ist und der nächste mit Karies ins Haus steht.“

Körper unter Strom

Mit „essen gehen“, dem genüsslichen Kauen, liegen die Gestressten gar nicht so fern von wissenschaftlichen Erkenntnissen – wenn man davon absieht, dass bei anhaltendem oder krank machendem Stress eine psychosomatische Therapie notwendig ist: „Patienten, die unter erheblichem Leidensdruck stehen und das Glück haben, dass ihr Arzt hinter den körperlichen Symptomen keine Entzündung, sondern Seelenqualen erkennt“, so Prof. Dr. Hans-Christian Deter, Psychosomatiker am Berliner Universitätsklinikum Benjamin Franklin, „brauchen rasche und kompetente Hilfe, damit sich die Krankheitssymptome nicht verselbstständigen und chronisch werden.“ Bei hin und wieder auftretender Überlastung durch zu viel Arbeit, zu viel Informationsflut und zu viel Erwartungsdruck beruflich und privat seien aber selbst zu steuernde Entspannungsmethoden ausreichend. „Stress ist ein körperlicher Prozess. Man ist in ständiger Bereithaltung, der ganze Mensch steht quasi unter Strom – das führt zu vielen unterschiedlichen Symptomen. Die Verspannung braucht dann einen Weg, um herauszukommen, den Körper zu verlassen.“ Essen gehen sei dabei tatsächlich eine Methode von vielen, die bei nicht wenigen Menschen – abgesehen von solchen mit Ess-Störungen – zu Befriedigung und nachlassender Anspannung führt. „Das hilft vielleicht ganz besonders bei emotionalem Stress, zum Beispiel einer Störung in der Beziehung, bei mangelnder Anerkennung durch den Chef oder Misserfolg bei beruflichen Zielen.“

„Sich durchbeißen müssen“ hat Folgen

Anti-Stress-Therapeuten, wie auch die Krankengymnastin Gabriele Janz aus Berlin, setzen deshalb oft den Mund in das Zentrum der Therapie: Immerhin ist dieser Bereich nach dem Rücken die zweithäufigste Region des Körpers, wo sich Stress durch Anspannung festsetzt. Dem Volksmund ist das nicht neu: Sprüche wie „auf einem Problem herum kauen“ oder „die Zähne zusammenbeißen“ oder auch „etwas zähneknirschend hinnehmen“ sind deutliche Bilder für das, was viele Menschen unbewusst erleben. „Es geht uns darum, die Verspannung erst einmal bewusst zu machen – und sie dann durch funktionelle Entspannung, zum Beispiel durch bewusstes Atmen, abzubauen.“ Kauen löse kein seelisches Problem, sagt sie, aber „es hilft beim Spannungsabbau“. Zahnärzte sehen nicht selten Patienten mit glatt geschliffenen Zähnen ohne Mulden und Höcker – sie wurden durch nächtliches Pressen und Knirschen über Monate und Jahre abgefeilt. Nur jeder zehnte Patient merke überhaupt, dass er knirsche, so die Psychologin Gundula Johnke bei einem Pressetermin der Zahnärztekammer Schleswig-Holstein.

Stressabbau durch Kauen

„Für viele Menschen wäre es schon hilfreich, wenn sie die große Rolle kennen würden, die der Mund beim Stress-Abbau spielt – und sich dann über kleinere Stressphasen selbst hinweghelfen könnten“, meint Prof. Roulet und empfiehlt: „ In Zeiten von Leistungsdruck oder Terminhetze sind ein leckeres Bonbon oder ein erfrischender Kaugummi auf jeden Fall den Versuch wert.“ Wenn dem Überdruck dadurch erst einmal die Spitze genommen sei, solle man noch dreimal bewusst und tief bis in den Bauch durchatmen. „Das ist ein kleines, aber hilfreiches Anti-Stress-Pflaster für die Seele und eine Lockerungsübung für die Muskulatur, wenn man mal wieder unter Druck steht“. Und damit die Zähne nicht durch den Zucker in Bonbons oder Drops leiden, könne man auch gleich noch etwas für das gute Gewissen tun: „Zahnfreundliche Kaugummis und Süßwaren sind der ideale Weg, um ‘dem kleinen Stress‘ zu begegnen, ohne sich durch mögliche Zahnschäden großem Stress auszusetzen.“ Beim nächsten „Shopping-Ausflug“ solle man daher nach dem kleinen Zahnmännchen mit dem Schutzschirm Ausschau halten: „Der nächste Stress kommt bestimmt – Kauen kann ihn zwar nicht verhindern – den Betroffenen aber dabei helfen, ihn besser auszuhalten.“ 



Mehr zum Thema


Anzeige