zm-online
16.04.03 / 00:11
Heft 08/2003 Praxis
Währungs-Turbulenzen

Kein Euro-Comeback

Seit etwa einem Jahr verliert der US-Dollar an Wert, der Euro legt zu. Hat der Euro, der nach seiner Einführung im Januar 1999 bis zu einem Drittel an Wert verlor, damit sein Schmuddel-Image abgelegt? Ist der Euro jetzt auf dem Weg zur Weltreservewährung? Wahrscheinlich nicht.




Im Januar 2001 wurde George W. Bush nach einem für eine Muster-Demokratie nicht gerade rühmlichen Wahldebakel als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Dieses Datum markierte nicht nur einen Politikwechsel bei der wohl mächtigsten Nation der Welt. Es markierte auch eine Trendwende beim US-Dollar, der größten und eigentlich auch stabilsten Währung der Welt. Ganz allmählich, dann immer schneller und seit Jahresbeginn 2003 sogar rasend schnell, ging und geht er wohl weiter auf Talfahrt. Der Euro, der an seinem Tiefstpunkt nur noch rund 83 Dollar-Cent kostete, kletterte Schritt für Schritt auf 90 Cent. Dann überwand er Ende letzten Jahres die Ein-Dollar-Hürde. Derzeit muss ein Euro mit rund 1,10 US-Dollar bezahlt werden. Angetreten war der Euro mit einem Preisschild von 1,18 US-Dollar.

Schwankungen

Heftige Wechselkursschwankungen, zumeist ausgelöst durch den amerikanischen Dollar, waren in den achtziger Jahren unter dem US-Präsidenten Ronald Reagan an der Tagesordnung. In seiner achtjährigen Regierungszeit schwankte die Leitwährung dieser Welt zwischen 3,47 Mark in der Spitze und 1,45 Mark im Wechselkurstief. Als 1984/85 ein Dollar über drei Mark kostete, musste Präsident Reagan für sein (primär durch Aufrüstung) hochverschuldetes Land Zinsen von bis zu 15 Prozent für neu aufzulegende Staatsanleihen bieten. Und wer sich als Ausländer diese historisch hohen Zinsen einer ehrenwerten Nation sichern wollte, musste beim Geldwechseln halt gut drei Mark für den Dollar zahlen. Hohe Zinsen in einer honorigen Währung haben eben ihren Preis.

Unter der Ägide von George W. Bush bietet Amerika mit rund 3,5 Prozent historisch niedrige Zinsen auf Staatspapiere. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 bescherten den Amerikanern und der gesamten Wirtschaftswelt in der Folgezeit einen abrupten und deutlichen Wachstumsabbruch. Dann fabulierte Bush von der „Achse des Bösen“, er nahm den Ölförderstaat Irak als Kriegsziel ins Visier. Diese Politik trieb, auch zum Nutzen der großen amerikanischen Ölkonzerne („Windfallprofits“) den Ölpreis nach oben. Und da die Kriegsdrohung gut ein Jahr anhielt, hat der hohe Ölpreis mittlerweile weltweit schon so viel Kaufkraft abgeschöpft, dass vielen Unternehmen die Lust an der Zukunft und damit am Investieren vergangen ist. Außerdem lähmt die weltpolitische Lage an den internationalen Börsen die Lust zum Aktienkauf.

Dabei ist in Hülle und Fülle Sparund Anlagekapital vorhanden. Es wird in Festgeld, Festzinsanleihen und Geldmarktfonds geparkt. Viele Anleger, ja sogar Versicherungssparer sind durch die politisch verursachte Börsenbaisse geschockt und frustriert, natürlich auch um einiges ärmer geworden. Aber die Verursacher dieser Verarmungskrise schwimmen gleichsam im Geld. Wenn Präsident Bush oder auch Bundeskanzler Schröder am Kapitalmarkt die Hand aufhalten, fallen ihnen wie im Märchen vom Sterntaler die Spargroschen wie auch das zurückgehaltene Anlagekapital der Bürger und Verbraucher gleichsam zum Discountzins in den Schoß.

Was hat das mit der aktuellen Wechselkursverwerfung zwischen Dollar und Euro zu tun? Schulden sind Schulden, egal, wie hoch die Zinsen sind, die ein Staat als hochbonierter Schuldner dafür zu zahlen hat. So hatte Bush von seinem Vorgänger Clinton einen Haushaltsüberschuss von rund 200 Milliarden Dollar geerbt. Weil die Regierung eines großen Landes nicht mehr mit der Industrie um das Sparkapital der Bürger wetteiferte, sanken die Zinsen. Das billige Investitionskapital ließ die US-Wirtschaft und mit ihr in gewisser Weise auch die Weltwirtschaft förmlich explodieren. Man träumte von einer wundervoll friedlichen Zukunft auf der Grundlage von Hochtechnologie und Telekommunikation.

Der neue US-Präsident aber träumte (damals schon und immer noch) von einem Krieg der Sterne. So schmolz das monetäre Clinton-Polster alsbald dahin. Bush zahlte es auch in Form von Steuernachlässen vor allem den wohlhabenderen Bevölkerungsschichten zurück. Mittlerweile stecken die Amerikaner, wie zu Zeiten der Präsidenten Reagan und Bush senior, wieder tief im Defizit. Steuerer-leichterungen in Höhe von insgesamt 670 Milliarden US-Dollar – wenn sie denn vom US-Kongress genehmigt werden – sollen folgen und werden weitere tiefe Schuldenlöcher in den US-Haushalt reißen. Wenn dann noch der Irak-Krieg mit geschätzten 200 Milliarden Dollar zu Buche schlägt, ist die größte Wirtschaftsnation der Welt erneut der größte globale Schuldner.

Inwiefern nun beeinflussen Staatsschulden den Wechselkurs der betreffenden Währung? Eine ganz einfache Antwort: Ein Staat, der ausgibt, was er nicht oder noch nicht eingenommen hat, bläht die umlaufende Geldmenge künstlich auf und legt damit den Keim für eine Geldentwertung. Von Inflation ist zwar derzeit keine Rede. Im Gegenteil.

Kursgipfelstürmer

Doch die Spekulation, auch auf Wechselkurse, ist ihrer Zeit immer weit voraus. Denn jeder, der sich nicht zuletzt von Berufs wegen Gedanken über die Zukunft macht, möchte das Kapital, das ihm anvertraut ist, als erster vor einem nachteiligen Trend schützen. So flieht derzeit alle Welt aus dem amerikanischen Dollar und wechselt die US-Devise in Euro, Schweizer Franken oder japanische Yen. Und hat sich erst einmal ein Trend als stabil herauskristallisiert, folgt man ihm blind nach dem Motto: „The trend is your friend.“ („Der Trend ist dein Freund.“)

Wirksam ist derzeit auch ein handfestes Handelskriterium. Denn eine Währung ist auch eine Ware, deren Preis von Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Als die US-Wirtschaft unter USPräsident Bill Clinton noch boomte und die US-Börsen von einem Kursgipfel zum nächsten stürmten, zog diese Hausse wie ein Magnet Kapital an. Wer von außerhalb der USA mit Boom-Aktien Geld verdienen wollte, musste seine Heimatwährung in Dollar tauschen. So entstand weltweit über Jahre eine starke Dollar-Nachfrage, die den Preis dieser Weltwährung in die Höhe trieb. Doch mit dem Platzen der Aktienhausse im Frühjahr 2000 wurden große Mengen Aktien verkauft und in die Heimatwährungen der ausländischen Investoren zurückgetauscht. So entstand ein Überangebot an US-Dollar, die nur zu tieferen Kursen vom Devisenmarkt aufgenommen wurden.

Als auch noch aus politischen Gründen, das heißt aus Antiamerikanismus, arabische Großanleger schätzungsweise 200 Milliarden US-Dollar aus dem Mutterland des Kapitalismus abzogen und in saudische Riyal, Yen oder Euro tauschten, war das Überangebot an verkauften Dollar so stark, dass die internationale Leitwährung nachhaltig auf Talfahrt ging. Während der letzten zwölf Monate verlor sie gegenüber dem Euro gut 25 Prozent an Wert. Anfang März gab der frisch gekürte US-Finanzminister John Snow dem Dollar auch noch einen politischen Kick, der seinen Preis deutlich über die Marke von 1,10 Euro hievte. Auf die Dollarschwäche angesprochen, hatte sich Snow die lapidare Bemerkung erlaubt: „Darüber mache ich mir keine besonderen Sorgen.“ Das wertete die internationale Devisenspekulation als Signal dafür, dass die Amerikaner ihr unter Clinton nachhaltig betontes, fundamentales Interesse an einem starken Dollar aufgegeben hatten.

Snow wusste, dass er mit seiner flapsigen Äußerung den Europäern, vor allem den großen Wirtschaftsnationen Frankreich und Deutschland, einen schwarzen Peter in die Hand drückte, den diese vorwitzigen Gegner eines Irak-Krieges so schnell nicht wieder loswerden würden. Denn in dem Maße, in dem sich der Dollar verbilligt, verteuern sich für die Euro-Nationen die Exporte in den Dollarraum. Das ist nicht nur US-Amerika. Dazu zählen auch Kanada, Australien, Neuseeland und viele andere Nationen, die ihre Währung an den Dollar gekoppelt haben, unter anderem auch China, Hongkong und Singapur. Und wenn die Euro-Exportgüter in den Dollarraum im Vergleich zum Jahresbeginn 2002 jetzt um rund 25 Prozent teurer, die Exportgüter der USA für Europa aber um rund ein Viertel preiswerter geworden sind, dann haben die Europäer (von der US-Politik wahrscheinlich gewollt) einen massiven Konjunkturdämpfer bekommen. Den USA hingegen brachten mit der herbeigeredeten Dollarabschwächung einen Hilfsmotor zur Konjunkturankurbelung in Gang.

Mit anderen Worten: Der starke Euro ist ein Resultat des schwachen Dollar. Und Umgekehrt: Der US-Dollar ist keineswegs schwach, weil der Euro so stark ist. Ganz im Gegenteil. Der Euro wurde gleich nach seiner Einführung am 1. Januar 1999 schwach: Sein ursprünglich definierter Kurs von 1,18 Euro für einen US-Dollar sank bis zum Herbst 2000, also in nur knapp zwei Jahren, um fast ein Drittel. Und der Euro ist nach wie vor fundamental schwach. Von der angestrebten Reservewährung ist er so weit entfernt wie eh und je. Das ist abzulesen daran, dass sich alle Exporteure von wichtigen Rohstoffen und wichtigen Wirtschaftsgütern (Erdöl, Edelmetalle, Flugzeuge oder große Produktionsanlagen) in Dollar bezahlen lassen. Wenn beispielsweise europäische Staaten wie Russland, Norwegen oder Großbritannien für ihr Rohöl auch Euro akzeptieren, dann wäre der Euro wenigstens in seiner europäischen Heimat als Weltwährung akzeptiert. So aber tragen nach wie vor rund 60 Prozent des weltweiten Währungsvolumens das Dollar-Zeichen.

Solange der Euro nicht getragen wird von einer einheitlichen Wirtschafts- und Steuerpolitik, solange die Volkswirtschaften der zwölf Euro-Nationen extrem auseinanderdriften (Griechenland oder Portugal sind im Vergleich zu Deutschland oder Frankreich Entwicklungsländer), so lange ist und bleibt der Euro eine Kunstwährung, eine Art Währungsfonds. Aber von einer politischen, geschweige denn wirtschaftpolitischen Einheit sind die Euro-Nationen noch weit entfernt. Nicht einmal in der Außen- und Verteidigungspolitik, die einen Staatshaushalt kaum etwas kostet und den Bürgern nur marginal ans Portemonnaie geht, finden sie einen Konsens. Im Gegenteil – sie pflegen sogar einen strapaziösen Dissens.

So, wie sich die Europäer derzeit aus Eigennutz im Wege stehen und wechselseitig um wirtschaftliche Vorteile erpressen, besteht eher Aussicht auf ein Ende der Währungsunion als auf eine politische Einheit namens Europa. Der greise Milton Friedman, laut Capital „der berühmteste Ökonom der Welt“, wagte die Prognose: „Euro-Land bricht in fünf bis 15 Jahren auseinander“ – weil dem Euro das wirtschaftspolitische Fundament fehle. Eine politische Einheit aber ist unabdingbar, wenn der Euro einen stabilen Ankerplatz erhalten soll.

Doch wenn selbst die Starken wie Deutschland und Frankreich die Stabilitätskriterien des Euro über Bord werfen, wer soll da die wirtschaftlich schwachen Euro-Teilnehmer davon abhalten, Schulden zu machen und damit die Inflation zu schüren? Und welches Euro-Land mutet seinen Bürgern in Zeiten wirtschaftlicher Depression die europaweit dringenden Reformen auf dem Arbeitsmarkt und im Sozialwesen zu? Auf diesen Gebieten ist Amerika den Europäern weit überlegen. In der Neuen Welt zählt nach wie vor der Geist und die Tradition der Einwanderer. Das heißt: Der Amerikaner nimmt sein Schicksal selber in die Hand. Er sorgt für sich und seine Familie, er ist mobil. Die Europäer hingegen legen ihr Lebensschicksal immer noch gerne in die Hände eines Feudalherren. Das ist heute der Staat, der bei seinen „Untertanen“ einen hohen Tribut in Form von Steuern und Sozialabgaben verlangt, um sie im Gegenzug vor vielen Lebensrisiken zu schützen.

Gesund oder krank

Was soll jemand tun, der langfristig ein Geldvermögen bilden will? Er muss in erster Linie darauf bedacht sein, sich nicht in einer Währung zu engagieren, die inflationär ist oder stark inflationär werden könnte. Denn Währungskurse schwanken, sogar stark. Aber sie erholen sich auch wieder, vor allem, wenn eine temporär stark schwankende Währung fundamental gesund ist. Der Dollar, der vor allem unter dem US-Präsidenten Ronald Reagan extrem stark schwankte, ist das beste Beispiel hierfür. Doch eine Währung, die fundamental schwach ist und deshalb immerfort von Inflationsstrudeln nach unten gerissen wird, kehrt nie mehr zur Stärke zurück. Hierfür ist die italienische Lira ein überzeugendes Beispiel. Heute müssen sich die Geldanleger zwischen Dollar und Euro entscheiden – eine Aufgabe, die im Grunde genommen einer Wette gleichkommt. Denn niemand kann in die Zukunft blicken. Doch es gibt Anhaltspunkte dafür, dass der Dollar fundamental stark bleibt, auch wenn er derzeit einem politischen Trommelfeuer ausgesetzt ist. Aber er ist und bleibt, allein mangels Alternativen, die Leitwährung der ganzen Welt. Er wird von keiner anderen Währung im Volumen übertroffen. Er wird von einer politisch unabhängigen, sehr erfahrenen Notenbank gemanagt und vor Inflation geschützt. Sein Mutterland ist immer noch die stärkste und in jeder Hinsicht innovativste Wirtschaftsnation auf dem Globus.

Machtlose EZB

Und es gibt Anhaltspunkte dafür, dass der Euro wieder schwach wird, ja schwach werden muss: Die Euro-Nationen werfen nach und nach die Fesseln des Stabilitätspaktes von Maastricht ab. Die Europäische Zentralbank (EZB) schaut machtlos zu. Weil nachhaltige Reformen ausgeblieben und nicht durchsetzbar sind, fallen die Euro-Staaten in der gnadenlos globalisierten Wirtschaftswelt mit ihrem Wirtschaftswachstum immer weiter zurück. Deutschland, Europas Schlusslicht beim Wirtschaftswachstum, ist hierfür das beste Beispiel. Die asiatischen Tigerstaaten, China und die USA sind einfach produktiver.

Wohl die meisten Euro-Länder werden in Stagnation verharren und bleiben nicht zuletzt deshalb bis zur Halskrause verschuldet. Sollte sich mit der geplanten Osterweiterung das Finanzdilemma der deutschen Wiedervereinigung wiederholen, wählt die Brüsseler EU-Bürokratie wohl den bequemsten aller Wege: Sie lässt der Inflation freien Lauf, und die Europäische Zentralbank schaut nolens volens zu. Dann kehren sich die Renditen, die sich die Anleger großenteils unter Schmerzen am Kapitalmarkt verdient haben, ins Gegenteil um. Die Geldentwertung zehrt das angesparte Vermögen weitgehend wieder auf. Ein Existenzkampf, den die ältere Generation noch lebhaft vor Augen hat.

Fazit: Schon vor dem Irak-Konflikt sind amerikanische Präsidenten in teure und letztlich sinnlose Kriegseskapaden geschlittert. Aber der Dollar ist daran nicht zerbrochen. Die meisten europäischen Währungen hingegen sind nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Meer von Inflation versunken. Der US-Dollar hat schon oft und stark im Kurs geschwankt, aber er ist nie zu Boden gegangen. Deshalb gilt der weise Spruch des legendären Anlage-Gurus André Kostolany nach wie vor: „Ein Dollar ist ein Dollar“ – womit gesagt sein soll: Egal, wie er von außen bewertet wird.



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