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16.04.02 / 00:14
Heft 08/2002 Politik
Prävention in der Zahnheilkunde

Kein Sparstrumpf fürs Gesundheitswesen

Dass „Vorsorgen besser ist als Bohren“, ist aus oralmedizinischer und gesamtmedizinischer Sicht – mehr denn je – unumstritten. Dass Prävention, wie Gesundheitspolitiker hoffen und Krankenkassen glauben machen wollen, auch volkswirtschaftlich Kosten spart, ist allerdings zu kurz gegriffen. In einem Pressegespräch der Bundeszahnärztekammer zum „Modellprojekt Zahnheilkunde“ (20. März in Berlin) haben Experten die Zusammenhänge erklärt und die für die Zahnheilkunde notwendigen Perspektiven aufgezeigt.




Gewaltige Fortschritte in der zahnmedizinischen Prävention mit inzwischen hervorragenden DMFT-Werten bei Kindern haben in der Politik Begehrlichkeiten geweckt. Die Leistungen der deutschen Zahnärzteschaft werden – so es um dieses Thema geht – immer wieder ausdrücklich gelobt und hervorgehoben. Der Grund: Mit Hilfe der Prävention erhoffen sich die politischen Entscheider Kostenreduzierungen, vor allem im Bereich der Prothetik.

Kein rückläufiger Bedarf

Ein falscher Denkansatz, wie Prof. Dr. Dr. Hubertus Spiekermann, Direktor der Klinik für Zahnärztliche Prothetik der RWTH Aachen, in seinem Vortrag zum Pressegespräch betonte: Das im November 2001 erstellte Gutachten der I + G Gesundheitsforschung, das die Bedarfsentwicklung für prothetische Leistungen in der Zahnheilkunde bis zum Jahr 2020 analysiert hat, sieht keinen rückläufigen Prothetikbedarf. „Der Zahnverlust als wichtigste Ursache für prothetische Maßnahmen wird sich bis zum Jahr 2020 nicht wesentlich verändern“, erläuterte Spiekermann die Analyse.

Im Gegenteil werde der reale Gesamtumsatz an prothetischen Leistungen pro Jahr sogar eher über als unter dem von heute liegen. Beeinflusst sei diese Entwicklung durch den Fortschritt zahnmedizinischer Möglichkeiten. Die Trends in der Prothetik seien eindeutig: Mehr festsitzender Ersatz, mehr Implantologie bei älteren, mehr ästhetische und adhäsive Zahnmedizin bei jüngeren Patienten. Schwer abschätzbar sei allerdings, so Spiekermann, „wie viel Zahnersatz im Sinne von Schaffung von mehr Lebensqualität dem Einzelnen in Deutschland ermöglicht wird“. Diese Entwicklung werde in Deutschland umfassend durch gesellschaftliche und sozialpolitische Entscheidungen festgelegt.

Berücksichtigt man die wachsende Überalterung unserer Gesellschaft, wird sich in Kombination mit medizinischer Weiterentwicklung wohl kein Kosten senkender, allenfalls ein Kosten verlagernder Effekt ergeben. Spiekermann: „Es kommt zur zunehmenden Verschiebung des Zahnverlustes ins höhere Alter.“ Und die Fälle werden, vor allem bei den älteren Patienten, komplexer, versichert Spiekermann. Die I + G-Studie kommt jedenfalls vor diesem Hintergrund zur Schlussfolgerung, dass sich der Behandlungsbedarf in der zahnärztlichen Prothetik bis 2020 nicht wesentlich reduzieren wird.

Änderung ist überfällig

Angesichts der wachsenden GKV-Finanzierungsprobleme ist das ein drängender Grund für die Suche nach einem Ausweg. Das „Modellprojekt Zahnheilkunde“, das von Experten unterschiedlicher Fachgebiete – inzwischen auch vonseiten der Ärzte und Apotheker – Zustimmung erhält, habe, so der Präsident der Bundeszahnärztekammer Dr. Dr. Jürgen Weitkamp, in der gegenwärtigen gesundheitspolitischen Diskussion „einen festen Stellenwert“.

Die Zahnärzteschaft habe ein wissenschaftlich untermauertes Konzept erstellt, „das eine grundlegende Umstrukturierung der derzeitigen Leistungsbeschreibungen auf dem Gebiet der Zahnmedizin darstellt“. Weitkamp: „Unsere Vorschläge sind keine abgehobene Theorie, sondern unter Praxisbedingungen geprüft und von der Wissenschaft untermauert.“ Vordringlichstes Ziel sei dabei, dass „jede unserer wissenschaftlich fundierten Therapien, auf deren Vielfalt wir stolz sind, das Erkrankungsrisiko mindestens minimieren oder ganz ausschalten soll“.

Allerdings erfordert dieses Konzept auch veränderte Rahmenbedingungen, betonte der BZÄK-Präsident: „Eine solche präventionsorientierte Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde ist nur dann sinnvoll realisierbar, wenn die bestehenden Finanzierungssysteme in ihrer Struktur grundlegend verändert werden, um die bestehende Diskrepanz zwischen aktueller Leistungsbeschreibung und dem Stand der Wissenschaft aufzuheben.“ Einen praktikablen Lösungsvorschlag zur Durchführung habe die Zahnärzteschaft mit dem Konzept der „befundorientierten Festzuschüsse“ unterbreitet.

Was die Umsetzung der zahnärztlichen Konzepte angeht, zeigt sich Weitkamp zuversichtlich: „Wir gehen mit diesem Modellprojekt in die gesundheitspolitische Arena und hoffen auf den Erfolg, es umsetzen zu können. Die Zahnheilkunde, das bestätigen viele Experten aus dem Gesundheitsbereich, eignet sich hervorragend, neue Konzepte zur Finanzierung eines solidarischen Gesundheitswesens zu erproben.“

Eine „Erfolgsstory“ für die Zahnärzte

Der BZÄK-Präsident hofft, „dass unser großes Projekt der ‘Neubeschreibung einer präventionsorientierten Zahnheilkunde’ nicht kurzfristigen politischen Effekten und einfachen Lösungen geopfert wird, sondern einen Ansatz bietet für ein neues Denken im Gesundheitswesen auf dem Boden gesellschaftlicher Mitverantwortung.“

Die Herausforderung einer gesundheitspolitischen Umorientierung ist letztlich das Resultat umfassender soziografischer, ökonomischer und nicht zuletzt zahnmedizinischer Erkenntnisse, die sich im Rahmen des Projekts einer „Neubeschreibung präventionsorientierter Zahnheilkunde“ zwangsläufig ergeben. Dr. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer, sieht im gegenwärtigen Stand und den zukünftigen Implikationen der Prävention eine Erfolgsstory der Zahnärzte: „Die verbesserten zahnmedizinischen Möglichkeiten und auch das gestiegene Gesundheitsbewusstsein ermöglichen heute ein älter und sogar alt werden mit mehr eigenen Zähnen als je zuvor.“

Möglich geworden sei das durch ein aufeinander abgestimmtes Konzept aus Primärprävention (Vorsorge, Krankheitsvermeidung), Sekundärprävention (Früherkennung, Frühtherapie) und Tertiärprävention (Vermeidung der Krankheitsverschlimmerung durch angemessene Therapie beziehungsweise Rehabilitation), das die Bevölkerung, die ja keineswegs nur aus Patienten bestehe, lebenslang begleite. Auffällig sei, dass der Anteil der Patienten, „die unsere Praxen regelmäßig aufsuchen und Unterstützung bei der Erhaltung ihrer Mundgesundheit einfordern“, deutlich zunehme.

„Hoch erfreulich“ seien auch die Erfolge bei den DMFT-Werten der Zwölfjährigen. Deutschland unterschreite den von der WHO als Ziel formulierten Grenzwert von 2 deutlich und sei international in die Spitzengruppe aufgerückt. Allerdings habe man es noch immer nicht geschafft, sozial benachteiligte Gruppen in der gleichen Weise gesund erhalten zu können. Diese Gruppe versuche man mit speziellen Programmen zu erreichen.

Prophylaxe für das Parodont

„Dünn“, so Oesterreich, sei dagegen bislang das epidemiologische Datenmaterial für Erwachsene und Senioren: „Das ist um so bedauerlicher, als gerade die Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde im Alter einen sehr viel breiteren Raum in der zahnärztlichen Tätigkeit einnehmen wird als bislang.“ Die zahnprothetische Versorgung habe in den letzten Jahren sowohl hinsichtlich des Aufwandes, aber auch der Qualität zugenommen. Oesterreich: „Präventionsbemühungen werden nicht verhindern können, dass Zahnverlust wichtigste Ursache für Zahnersatz bleibt, bis zum Jahr 2020 daher nicht mit einem Rückgang des Prothetikbedarfs gerechnet werden kann.“

Ein weiterer Schwerpunkt gegenwärtiger und künftiger Versorgungsziele sei die Prävention und Therapie schwerer Parodontopathien. Schon ein Drittel aller Jugendlichen zeige deutliche Zeichen von Gingivitis. Primärpräventive und parodontaltherapeutische Maßnahmen seien insofern auch im Erwachsenenalter notwendig. Von besonderer Bedeutung sei, „dass gerade im Erwachsenen- und Seniorenalter die zahlreichen Wechselbeziehungen zwischen oralen und systemischen Erkrankungen eine große Rolle spielen“. Inzwischen sei auch in der Allgemeinmedizin bekannt, welchen großen Anteil Mundgesundheit an der Allgemeingesundheit hat. Oesterreich: „Die Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde wird daher mehr denn je ein integrativer Bestandteil des medizinischen Fächerkanons sein.“

Konzepte für die Alten

Unbekannt sei bisher, welchen Wert Zahngesundheit für ältere und alte Menschen in unserer Bevölkerung habe. Der BZÄK-Vizepräsident plädierte für eine entsprechende Datenermittlung. „Es wird die zukünftige Aufgabe der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde sein, insbesondere für die sozial schwächeren Patienten, die alten und kranken Alten wirkungsvolle Behandlungskonzepte zu entwerfen“, betonte Oesterreich.

Das komplexe Thema zeige, dass Einsparungen durch Prophylaxe in den früheren Lebensphasen der Menschen durch spezifische Ausgaben in den höheren Lebensphasen mehr oder weniger kompensiert werden dürften. Dieser Ausgleich sei aber auch nur dann erreichbar, wenn angesichts der demografischen Entwicklung die wirksame Prävention auch den gesamten Lebensbogen der Menschen begleite. Und dafür müssten, so Oesterreich gegenüber den Journalisten, die finanziellen Ressourcen, die derzeit nicht einmal 4,5 Prozent der gesamten Gesundheitskosten ausmachen, mittelfristig deutlich erhöht werden, wenn die zukünftigen Herausforderungen wirklich gemeistert werden sollen.



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