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16.11.06 / 00:05
Heft 22/2006 Politik
ZÄT in Stuttgart zur Psychosomatik

Keine Angst vor schwierigen Fällen

Passen bei einem Patienten Diagnose und Befinden nicht zusammen, heißt es für Zahnärzte: Aufmerksam werden! Hinter dem scheinbaren Widerspruch steckt möglicherweise ein psychisches Problem. Der richtige Umgang mit solchen schwierigen Fällen war Thema auf dem Landeszahnärztetag Baden- Württemberg mit dem Schwerpunkt Psychosomatik in der Zahnheilkunde.




„Wir alle kennen die Situation: Ein Patient klagt über orofaziale Schmerzen, aber eine organische Ursache für die Beschwerden lässt sich nicht feststellen“, umriss Dr. Udo Lenke, Präsident der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg (LZK BW), die Problematik. Die Liste der Leiden ist lang: Chronische Kopf- und Gesichtsschmerzen, bitterer Geschmack im Mund, Schleimhautbrennen, Bruxismus. Die Kommunikation mit den betroffenen Patienten sei kompliziert, erklärte Lenke, die Entscheidung, wann die Grenzen der zahnmedizinischen Behandlung erreicht sind, schwierig. Der Herausforderung müssen sich Zahnärzte aber stellen, denn die Wahrscheinlichkeit, auf einen Patienten mit somatoformen Störungen zu treffen, ist groß: Jeder vierte Deutsche leidet an einer psychischen Erkrankung, jeden zehnten plagen Depressionen und Ängste.

Dann fängt der Horror an

„Gedanken und Gefühle können das Schmerzempfinden beeinflussen“, betonte Prof. Dr. Stephan Doering vom Lehrstuhl Psychosomatik in der Zahnheilkunde, Münster, in seinem Vortrag. Welchen möglichen Effekt ein gestörtes seelisches Gleichgewicht auf die Mundgesundheit hat, zeigte der Mediziner anhand von Videoaufzeichnungen aus seiner Sprechstunde. „Wenn ich die Prothese einsetze, fängt der Horror an“, beklagte sich eine Patientin über den ständigen bitteren Geschmack in ihrem Mund. Die Beschwerden hätten nach einer Prothesenunterfütterung eingesetzt, gab sie an. „Eine zahnmedizinische Ursache dafür ließ sich nicht finden. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Frau in der Vergangenheit depressive Episoden hatte“, berichtete Doering.

Psychosomatische Störungen zu erkennen und betroffene Patienten darauf anzusprechen, stellt laut den Referenten in Stuttgart für viele Zahnärzte ein Problem dar. Ihre Hemmungen müssten sie jedoch überwinden, denn nur so lässt sich ihrer Ansicht nach vermeiden, dass Patienten einer falschen Fährte folgen und von Praxis zu Praxis ziehen. „Suchen Sie das Gespräch“, riet Doering – auch wenn die Gefahr bestehe, dass der Betroffene die Behandlung abbreche.

Um die Patienten nicht zu verprellen, empfahl Prof. Dr. Ulrich Egle den Anwesenden, im Gespräch das Wort „Psyche“ zu vermeiden. „Patienten befürchten dann sofort, als Simulant zu gelten. Benutzen Sie den Begriff „Stress“. Den kann man heutzutage ohne Scham haben“, erklärte der ärztliche Direktor einer Klinik für Psychosomatik. Auch er betonte, wie wichtig es sei, schnell einzugreifen. Denn schon nach drei Monaten kommt es zu einer Chronifizierung von Schmerzen – und die kann nur schwer wieder rückgängig gemacht werden.

Empfindsames Organ

Dr. Dr. Jürgen Weitkamp, Präsident der BZÄK, lobte in seinem Grußwort die Entscheidung der LZK BW, das Thema Psychosomatik in den Mittelpunkt des Zahnärztetags zu stellen. Es sei wichtig, dass Zahnärzte die Mundhöhle als besonders „empfindsames Organ des menschlichen Körpers“ erkennen und die Verbundenheit von Soma und Psyche in der Therapie berücksichtigen. Informationen dazu biete der neue Leitfaden Psychosomatik, der Ende November im Rahmen des Deutschen Zahnärztetags in Erfurt vorgestellt werde.

Kritische Worte fand der BZÄK-Präsident für die Gesundheitspolitik der Regierung: „Probleme kaut man durch oder man zeigt ihnen die Zähne. Gelegentlich beißt man aber auch auf Granit – so ergeht es uns Standesvertretern gerade in Berlin.“ In der Diskussion um die Reform weigere sich die Politik, „die wohlüberlegten Argumente der Vertreter des Gesundheitswesens wahrzunehmen“. Dieses Verhalten könne man nur als „absolut respektlos“ bezeichnen.



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