zm-online
01.02.06 / 00:15
Heft 03/2006 Politik
Weiße Füllungen im Fokus

Keine Angst vor zahnärztlichen Materialien

Professor Dr. Dr. Hans Jörg Staehle, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ), Heidelberg, macht sich einige Gedanken zu dem Titelthema dieser zm-Ausgabe (siehe Seite 34) und stellt die berechtigte Frage: „Werden heute gewebeverträglichere Materialien zur zahnärztlichrestaurativen Versorgung der Bevölkerung verwendet als dies vor zehn Jahren der Fall war?“




Die Heftigkeit von Angstkampagnen gegen zahnärztliche Materialien hat in den letzten Jahren erfreulicherweise spürbar abgenommen. An was liegt das? Haben sich die Kampagnen von selbst totgelaufen, weil sie allzu vordergründig und sensationsheischend aufgezogen worden waren? Konnten die Kritiker bestimmter zahnärztlicher Materialien, allen voran Amalgam- und Kunststoff-Gegner, von wissenschaftlichen Argumenten überzeugt werden? Haben sich ökonomische Konstellationen verändert? Werden heute gewebeverträglichere Materialien zur zahnärztlich-restaurativen Versorgung der Bevölkerung verwendet als dies vor zehn Jahren der Fall war?

Um mit der Beantwortung letztgenannter Frage zu beginnen: Nach aktuellem Kenntnisstand nein! Nahezu alle zur Massenversorgung eingesetzten dentalen Restaurationsmaterialien gelten zwar insgesamt gesehen als hinreichend sicher, unerwünschte Nebenwirkungen sind allerdings bei keiner Substanzklasse vollständig auszuschließen. Insofern führt zum Beispiel der allmähliche Wechsel von der Amalgamzur Kompositversorgung in dieser Hinsicht zu keiner grundlegend neuen Situation.

Ökonomie und Materialdiskussion

Wenn man sich rückblickend fragt, warum gerade in unseren Breiten die Materialdiskussion so unsachlich geführt wurde, sollte man unter anderem deren ökonomische Hintergründe aufzeigen.

Amalgam war als vergleichsweise kostengünstiges Material mit geringer Gewinnspanne auch von vielen Zahnärzten nicht sehr geschätzt. Insofern hatte man zuweilen den Eindruck, dass die größten Kritiker „Vergiftung“ sagten, in Wirklichkeit aber „Unterbezahlung“ meinten. Dies führte auch bei manchem Standespolitiker zu einer ambivalenten Haltung: Während man nach außen hin pflichtschuldigst gegen die Kampagnen in den Massenmedien protestierte und sich dabei gerne auf die wissenschaftlichen Experten berief, wusste man insgeheim doch, dass jede Schlagzeile, jede Fernsehsendung über angeblich materialgeschädigte Patienten zu einer Steigerung der Nachfrage nach gewinnträchtigeren (meist auch wesentlich invasiveren) Eingriffen führen würde. Allerdings geriet das Spiel mit der öffentlichen Meinung immer mehr zu einer gefährlichen Gratwanderung.

Situation vor zehn Jahren

Es erscheint in unserer kurzlebigen und schnell vergesslichen Zeit angebracht, sich noch einmal die Situation vor zehn Jahren zu gegenwärtigen: Als sich die Kampagnen Mitte der 1990er Jahre auf einen vorläufigen Höhepunkt zubewegten, planten gesundheitspolitische Entscheidungsträger ein Amalgamverbot und die generelle Einführung von Kompositen als Kassenleistung zur Breitenversorgung der Bevölkerung. Dies hätte zu einem ernsthaften Problem geführt. Auf der einen Seite war man zwar nicht unglücklich, dass Amalgam in Misskredit geraten war, da dies den Wunsch der Patienten nach selbst bezahlten „Wahlleistungen“ erhöhte. Auf der anderen Seite konnte dies aber in dem geltenden Versorgungssystem nur funktionieren, wenn Amalgam als „Vertragsleistung“ gehalten werden konnte. Wenn Komposit anstelle von Amalgam „Vertragsleistung“ geworden wäre, hätte man wohl versucht, ihm aus ökonomischen Gründen das gleiche Schicksal wie Amalgam zu bescheiden. Es war bemerkenswert, wie damals Komposit in der Außendarstellung in kurzer Zeit von der „biologischen Amalgamalternative“ zum angeblich gefährlichen Werkstoff mutierte. So hielt es zum Beispiel der Chefredakteur einer Wochenzeitung für Zahnarzt und Dentalmarkt 1995 unter Verweis auf den damaligen Holzschutzmittelprozess für opportun, dass Zahnärzte im Rahmen ihrer Aufklärungspflicht nunmehr Komposite in einen Zusammenhang mit der Schädigung ungeborenen Lebens brächten. Dies wurde offenbar als adäquate Antwort auf Überlegungen der Gesundheitspolitik gesehen, Komposite in den Sachleistungskatalog der GKV einzubeziehen. Die Internationale Gesellschaft für Ganzheitliche Zahn-Medizin (GZM) verkündete im gleichen Jahr in einer Pressemitteilung: „Skandal: Kariesvorsorge macht Kinder krank. Zahnversiegelung erhöht Krebsrisiko“, was zahlreiche Zeitungen zu Anti-Komposit-Schlagzeilen veranlasste. Die Bildzeitung schrieb: „Au Backe! Auch Kunststoff-Füllungen giftig!“. Auch in manchen Patienteninformationsschriften wurde dabei etwas überreagiert, wenn zum Beispiel gewinnträchtige Keramik-Inlays als besonders biokompatibel favorisiert, direkte Kompositrestaurationen hingegen in dieser Hinsicht als wesentlich bedenklicher eingestuft wurden. Im Hinblick darauf, dass allgemein bekannt war, dass auch Keramik-Inlays in aller Regel mit Kompositen eingesetzt wurden und weltweit keine Studie existierte, die Trägern von indirekt hergestellten Keramik-Inlays gegenüber Trägern von direkt eingebrachten Komposit-Restaurationen eine bessere Allgemeingesundheit auch nur ansatzweise bestätigen konnte, ist der Verdacht einer tendenziösen Informationspolitik nicht ganz von der Hand zu weisen. Einen ähnlich faden Nachgeschmack hinterlassen die auch von etlichen Zahnärztekammern angebotenen „ganzheitsmedizinischen“ Fortbildungskurse, in denen Zahnärzte mit obskuren Methoden lernen sollten, wie man die Bevölkerung vor Vergiftungen und negativ-zersetzenden „Energien“, die angeblich von zahnärztlichen Materialien einschließlich Kunststoffen ausgingen, schützen könne. Man kann sich fragen, ob nicht selbst äußerst fragwürdige alternativmedizinische Entgiftungs- und Säuberungsprozeduren zur „Ausmerzung” von Schadstoffen als durchaus willkommener Weg gesehen wurden, um das Volumen von Leistungen außerhalb der GKV zu erhöhen. Eine Fortsetzung der Massenhysterie schien Mitte der 1990er Jahre fast vorprogrammiert. Glücklicherweise kam es anders. Allerdings bestimmten auch hier nicht in erster Linie medizinische Erkenntnisse, sondern vor allem wirtschaftliche Überlegungen das Geschehen: Durch die Entscheidung, im Wege von Mehrkostenregelungen auch GKV-Versicherten Kompositrestaurationen kostendeckend anbieten zu können, wurden die Stimmen der Kunststoff-Gegner leiser. Die Wissenschaft kann hier für sich verbuchen, durch zahlreiche Stellungnahmen und Gutachten zu einer realistischeren Einschätzung beigetragen zu haben, wodurch schließlich auch private Kostenträger ihren Widerstand gegen eine angemessene Honorierung von direkten Kompositrestaurationen sukzessive aufgaben. Außerdem gelangte man wohl auch zu der Einsicht, dass eine zahnmedizinische Versorgung der Bevölkerung vielleicht sogar ohne Amalgam, nicht mehr hingegen ohne adhäsiv verankerte Kunststoffe möglich war. Nahezu jede zahnärztliche Disziplin war mehr und mehr auf sie angewiesen, von der Endodontologie im Rahmen der postendodontischen Versorgung, der Kariologie und Zahnhartsubstanzlehre, der Kieferorthopädie, der Traumatologie bis hin zur zahnärztlichen Adhäsivprothetik.

Weitere Forschung nötig

Gleichwohl besteht bei Kompositen aus wissenschaftlicher Sicht nach wie vor ein hohes Weiterentwicklungspotential, das nicht nur die werkstoffkundlichen Eigenschaften und die Verarbeitungsfreundlichkeit, sondern auch die Biokompatibilität betrifft.

G. Schmalz, W. Geurtsen und D. Arenholt-Bindslev haben dazu mit ihrem Beitrag „Die Biokompatibilität von Komposit-Kunststoffen“ (Seite 34) den aktuellen Wissensstand aufgezeigt. Ohne offene Fragen zu verharmlosen, aber auch ohne übertriebene Vorbehalte gegen Komposite zu erzeugen, werden alle Facetten rund um das Thema „Verträglichkeit von Kunststoffen“ kompetent beleuchtet. Der Artikel erscheint in der richtigen Zeit, da man inzwischen wieder sachlicher und emotionsfreier über potentielle Gesundheitsgefahren durch Dentalmaterialien diskutieren kann.

Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass künftig wieder neue Materialkampagnen entfacht werden, beispielsweise wenn ein Hersteller die Zusammensetzung seiner Produkte ändert und deren Verkauf durch Verweise auf möglicherweise gesundheitsgefährdendere Vorgängerprodukte zu forcieren sucht. Aus diesem Grund ist der Zahnarzt gut beraten, sich mit den Risiken und Nebenwirkungen der von ihm verwendeten Materialien kompetent auseinanderzusetzen. Wer über Komposit-Kunststoffe hinaus noch mehr über den wissenschaftlichen Kenntnisstand zu sämtlichen gebräuchlichen Dentalprodukten erfahren möchte, dem sei das kürzlich bei Urban & Fischer herausgekommene Buch von Schmalz und Arenholt-Bindslev mit dem Titel „Biokompatibilität zahnärztlicher Werkstoffe“ sehr anempfohlen. Es kann als das beste und umfassendste derzeit zur dieser Thematik vorliegende Standardwerk angesehen werden.

Professor Dr. Dr. Hans Jörg Staehle,
Universitäts-MKZ-Klinik Heidelberg
Im Neuenheimer-Feld 400
60120 Heidelberg
hans-joerg_staehle@med.uni-heidelberg.de



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