zm-online
16.01.05 / 00:13
Heft 02/2005 Zahnmedizin
Differentialdiagnose odontogener Zysten

Keratozyste im Unterkiefer als Ursache eines perimandibulären Abszesses




Kasuistik

Eine 45-jährige osteuropäische Patientin klagte seit einigen Tagen über Schmerzen im Bereich der rechten Wange, die mit einer zunehmenden Schwellung aufgetreten waren. Die Vorstellung der Patientin erfolgte akut unter dem klinischen Bild eines perimandibulären Abszesses im zahnärztlichen Notdienst.  

Auf dem Röntgenbild war eine scharf begrenzte retromolare Osteolyse im Bereich des rechten Unterkiefers erkennbar (Abb. 1).

Bei fehlender Anamnese aufgrund der Sprachbarriere wurde eine infizierte Residualzyste als Ursache des perimandibulären Abszesses (Abb. 2) nach Weisheitszahnentfernung angenommen.

Noch am selben Abend wurde eine extraorale Abszessinzision submandibulär rechts vorgenommen und die Abszesshöhle mittels Silikonröhrchen drainiert.

Nach Rückgang der Entzündungssymptome wurde der zystische Prozess in Regio 48 entfernt. Die histologische Untersuchung des Zystenbalges zeigte das typische Bild einer Keratozyste mit entzündlichen Infiltraten der Zystenwand (Abb. 3).

Diskussion

Odontogene Keratozysten [Philipsen, H.P. et al., 1956] entwickeln sich wahrscheinlich aus Epithelresten des Schmelzepithels, die während der Odontogenese im Kiefer verblieben sind [Reichart, P. A. et al., 1999].  

Keratozysten sind mit 60 Prozent häufiger im Unterkiefer lokalisiert und finden sich dort vor allem distal im Bereich der Weisheitszähne.

Im Röntgenbild erscheinen Keratozysten wie follikuläre Residual- oder Parodontalzysten, die als uni- oder multilokuläre Radioluzenzen auftreten und den Behandler dadurch vor differentialdiagnostische Schwierigkeiten stellen können [Reichart, P. A. et al., 1999]. Sie wachsen sehr langsam und führen nur in seltenen Fällen zu Knochenauftreibungen.

Keratozysten bestehen aus mehrschichtigem Plattenepithel (Abb. 3) und neigen auch im Weichgewebe zur Bildung von Tochterzysten. Ein gehäuftes Auftreten der Zyste ist beim Gorlin-Goltz-Syndrom zu beobachten [Gorlin, R.J., 1995].   

Oft erscheinen Keratozysten als Zufallsdiagnose oder es führen entzündliche Komplikationen, wie im vorgestellten Fall, oder pathologische Frakturen zu ihrer Entdeckung. Die früher teilweise radikale Therapie der Keratozyste wird heute eher zurückhaltend bewertet. Aufgrund der hohen Rezidivquote bis zu 62 Prozent [Shear, M. et al., 1985] ist aber ein enger postoperativer Recall über fünf bis 15 Jahre zu fordern [Meara, J. G. et al., 1998]. Die Rezidivneigung der Keratozyste erklärt sich durch die vermehrte Wachstumsaktivität des Epithels und epitheliales Tiefenwachstum im Zystenbalg. Der sehr dünne Zystenbalg sollte daher möglichst in toto mit den Tochterzysten entfernt und der feingeweblichen Diagnostik zugeführt werden.  

Das histologische Bild (Abb.3) wurde uns freundlicherweise von Dr. med. Andreas Gaumann, Institut für Pathologie der Uni Regensburg, zur Verfügung gestellt.

Dr. Dr. Rainer S.R. Buch
Prof. Dr. Dr. Torsten E. Reichert
Klinik und Poliklinik für Mund-, Kieferund
Gesichtschirurgie
Franz-Josef-Strauss-Alle 11
93053 Regensburg

Fazit für die Praxis

• Die Symptome zystischer Befunde im Kiefer sind meist unspezifisch.

• Da Keratozysten rezidivieren können, ist die richtige histologische Diagnose für die klinische und röntgenologische Nachbeobachtungsphase von Bedeutung.

• Ein Follow-up über viele Jahre ist aufgrund der Rezidivneigung notwendig.



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