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16.01.05 / 00:14
Heft 02/2005 Medizin
Österreich als Vorreiter des Impfschutzes / Warnzeichen: „Bronchitis“ über viele Wochen

Keuchhusten bei Erwachsenen immer häufiger

Er gilt als klassische Kinderkrankheit, ist es aber längst nicht mehr: Der Keuchhusten befällt heute immer häufiger ältere Menschen und wird dadurch oft nicht richtig erkannt. Das geht aus systematischen Beobachtungen in Österreich und Deutschland hervor.



Der Säugling mit Keuchhusten sollte in die Kinderklinik. Foto: DG

Während im Kindesalter krampfartige Hustenanfälle die charakteristischen, leicht zu erkennenden Kennzeichen der Krankheit sind, äußert sich eine Infektion mit dem Keuchhustenerreger Bordetella pertussis bei Jugendlichen und Erwachsenen längst nicht mehr so eindeutig. Meist handelt es sich um einen hartnäckigen Husten, der die Betroffenen in ihrer Leistungsfähigkeit zwar erheblich einschränken kann, meist dennoch relativ mild verläuft.

Die Krankheit wird deshalb häufig mit banalen Atemwegsinfekten verwechselt und für eine Bronchitis gehalten. Der Keuchhusten eines Jugendlichen oder Erwachsenen kann zwischen drei Wochen und acht Monaten dauern, ohne dass er richtig diagnostiziert wird. Die Zahl der Erkrankungen wird in keinem der deutschsprachigen Länder genau erfasst. Internationale Anerkennung genießt indes ein in Österreich etabliertes epidemiologisches Netzwerk an der Abteilung für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin am Institut für Pathophysiologie der Universität Wien. Ihre Beobachtungen ergeben ein ziemlich detailliertes Bild über die aktuelle Verteilung der Krankheitsrate. Danach treten heute nur noch rund sieben Prozent aller Erkrankungsfälle im Säuglingsalter auf. Sechs Prozent werden bei Kleinkindern, je 16 Prozent in der Altersklasse fünf bis neun beziehungsweise zehn bis 19 Jahre und schließlich 35 Prozent im Erwachsenenalter über 20 Jahre registriert. Das bedeutet also, dass heute mehr als zwei Drittel aller erfassten Keuchhusteninfektionen in Österreich bei Jugendlichen und Erwachsenen auftreten.

Säuglinge unbedingt hospitalisieren

Ähnlich liegt die Situation in Deutschland: Während in der ehemaligen DDR vor 30 Jahren nur zwei Prozent der Infektionen in der Altersgruppe der über 15-Jährigen registriert wurden, liegt der Anteil der betroffenen Erwachsenen mittlerweile bei 77 Prozent. Die Hauptgründe für die Verschiebung liegen in der Krankheit selbst, aber auch in der nachlassenden Wirkung der Impfung gegen sie. Wie man heute weiß, bietet ein einmal durchgemachter Keuchhusten keine absolute Immunität fürs Leben. Erwachsene können trotz in der Kindheit überstandenem Keuchhusten nochmals daran erkranken. Das kommt besonders häufig bei Menschen vor, die bereits in sehr frühem Säuglingsalter Keuchhusten hatten. Auch die Wirksamkeit der heute gebräuchlichen Impfstoffe ist offenbar zeitlich begrenzt. Ihre Schutzwirkung dürfte schon nach zehn bis 15 Jahren nachlassen. 

Die Krankheit selbst verläuft bei Jugendlichen und Erwachsenen meist als eine zwar langwierige, aber nicht lebensbedrohliche Gesundheitsstörung. Das wichtigste Problem ist jedoch, dass die keuchhustenkranken Teenager und Erwachsenen eine gefährliche Infektionsquelle darstellen: Sie können Neugeborene und noch nicht vollständig geimpfte Kinder anstecken und in höchste Lebensgefahr bringen. Im ersten Lebensjahr führt die Krankheit nämlich zu Unterbrechungen der Atmung, die einen Hirnschaden hervorrufen oder sogar tödlich enden können. Deshalb gehören Säuglinge, bei denen Verdacht auf Keuchhusten besteht, unbedingt in eine Klinik, in der Herztätigkeit und Atmung ständig überwacht werden.

Als erstes Land hat Österreich auf die veränderte epidemiologische Situation reagiert, stellt Impfexperte Prof. Dr. Ulrich Heiniger vom Universitäts-Kinderspital Basel fest: „Im Bezug auf die Fortführung des Pertussis-Impfschutzes im Sinne einer lebenslangen Protektion ist Österreich als Pionierland zu betrachten. Dort hat man als bislang erstem Land 2002 die generelle Auffrischimpfung für Erwachsene alle zehn Jahre empfohlen (gemeinsam mit der Impfung gegen Diphtherie, Tetanus und Kinderlähmung)“.

Ähnliche Überlegungen werden jetzt auch bei der ständigen Impfkommission STIKO in Deutschland angestellt. Zurzeit wird hier neben der Impfung aller Säuglinge eine Auffrischimpfung für Jugendliche im Alter von neun bis 17 Jahren angeboten. Eine Auffrischimpfung von Erwachsenen wird nur für Beschäftigte in der Pädiatrie, in der Infektionsmedizin und in Gemeinschaftseinrichtungen für Kleinkinder empfohlen. Eine mögliche Änderung der Empfehlungen könnte darauf hinauslaufen, dass sich alle Personen mit engen Kontakten zu Säuglingen gegen die Krankheit impfen lassen sollten.

Lajos Schöne
Gerstäckerstraße 9, 81827 München

 



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