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01.05.13 / 12:00
Heft 09/2013 Zahnmedizin
Aus KAI wird KAI plus

Kinder üben – Eltern putzen Zähne sauber

Als Voraussetzung für gesunde Milchzähne gilt, dass Eltern von Geburt des Kindes an bis zu dessen Fertigkeit, Schreibschrift schreiben zu können, ihrem Kind die Zähne sauber putzen. Doch nicht alle Kinder lassen das Zähnesauberputzen zu, sie wehren sich dagegen. Warum eigentlich, fragt Dr. Andrea Thumeyer.



Das „plus“ an der KAI-Systematik: Eltern putzen Kinderzähne sauber, bis diese die Technik voll und ganz selbst beherrschen. Illustration: Jugendzahnpflege Hessen

Dafür gibt es sicher viele Gründe und genauso viele gute Ratschläge, meint die Expertin. Ein Grund mag darin liegen, dass sich Prophylaxeteams in der Vergangenheit in der Gruppen- und in der individuellen Prophylaxe mit ihrem KAI-Training ganz auf die Kinder konzentriert haben und ihnen dabei vermittelten, dass sie allein zuständig und in der Lage seien, ihre Zähne gesund zu erhalten. Die Förderung der Selbstständigkeit und der Selbstverantwortlichkeit als pädagogische Werte standen im Vordergrund, auch der Spaß am Zähneputzen wurde bedacht, wohingegen gegenüber dem Kind die Wichtigkeit der Eltern als eigentlich Verantwortliche zu sehr außer Acht gelassen wurde.

Wurde in der Praxis oder Kindertagesstätte mit dem Kind nur KAI geübt, nahmen Kinder mit nach Hause: „Mit dem Zähneputzen haben meine Eltern nichts zu tun. Das mache ich ganz alleine.“ Demnach ist nicht verwunderlich, dass Kinder sich verweigern, wenn Eltern sie mit dem für sie überraschenden Verhalten konfrontieren, die Zahnpflege im Kindermund übernehmen zu wollen. Mit der Erkenntnis, dass die Plaquebeseitigung bis ins Schulalter den Eltern obliegt, ist es essenziell geworden, den Kindern die Augen dafür zu öffnen, dass sie selbst zwar die bewährte KAI-Zahnputzsystematik üben, gleichzeitig aber ihre Eltern die Verantwortung für die Sauberkeit ihrer Zähne übernehmen sollen. Die Kinder sollen erfahren: „Meine Eltern und ich sind zusammen ein tolles Zahnputzteam!“ entsprechend dem vierten Vers der vierten Strophe des Zahnputz-Zauberliedes (CD über www.zahnhygiene.de erhältlich) für die KAI plus Systematik: „Jetzt ist meine Mama dran, fängt bei mir zu putzen an ...“ KAI plus Eltern putzen Kinderzähne sauber ist damit die neue Prophylaxeformel. Aus der KAI-Zahnputzsystematik ist damit die KAI plus Systematik geworden. Die Formulierung KAI plus ist eine Idee des Künstlers Mausini und darf frei verwendet werden. 

Über den positiven Stellenwert des Übens von KAI plus im Setting Kita wurde schon in vielen Texten berichtet. Das KAI plus Zahnputzlied gibt in seinen Strophen die einzelnen Schritte der kindgerechten Systematik vor und hilft so den zahnmedizinischen/ pädagogischen Fachkräften und dem Kind, die Systematik zu üben und durch Wiederholen zu festigen. Wird KAI plus täglich geübt, führt dies beim Kind langfristig zu einer Automatisierung. Automatisierte Handlungen sind tief eingeprägte Handlungsmuster, die ohne Anstrengung und ohne bewusstes Mitdenken ablaufen. Sie werden nicht infrage gestellt, gehören quasi zum Leben dazu. Hat das Kind die Melodie und den Text, sprich die Strophen des Zauberliedes internalisiert, verfügt es über einen „Trainer im eigenen Kopf“, der seine Hand automatisch führt. Damit wird der externe Trainer Stück für Stück überflüssig. Bis das gelingt, vergeht Zeit.

Wie steht es mit KAI plus im Krippenbereich? Altersgemäß steht vor der Arbeit mit dem Kind die Zusammenarbeit mit den Bezugspersonen, also den Eltern und den pädagogischen Fachkräften. Sie definieren durch ihr Verhalten die Rahmenbedingungen, unter denen ein Kind mundgesund bleibt. Deswegen sollten Prophylaxemultiplikatoren beim Üben mit dem Kind geduldig sein, sie müssen „nur“ warten, bis es sich entwickelt hat. Beim Kleinkind ist alles erreicht, wenn die Fachleute die KAI plus Systematik auf das Vermitteln des Zauberliedes als Signalgeber für das tägliche Mundpflege-Ritual reduzieren und die Kinder dabei auf ihren Zahnbürsten kauen.

In der Regel können Krippenkinder noch nicht Lied und Putzbewegung gleichzeitig ausführen. Sie lernen zwar durch Nachahmung ihrer Bezugspersonen, können aber nur umsetzen, was ihre Gehirnreife und motorischen Fähigkeiten zulassen. „Wie neurobiologische Forschungen belegen, sind motorische Leistungen auf Reifungsprozesse im Gehirn zurückzuführen. Erst wenn dieses eine motorische Leistung freigegeben hat, kann sie durch Üben weiterentwickelt und verfeinert werden. Hilfestellungen werden dem Kind dabei immer in der Zone der nächsten Entwicklung angeboten [Scaffolding, BayStMAS/IFP, 2010]. Dies hat zur Folge, dass die Kinder darin unterstützt werden, über das, was sie bereits wissen oder können, hinauszugehen. Überträgt man diesen Gedanken auf das Einüben der KAI plus Systematik in der Krippen- oder Familiengruppe, so bietet das Zauberlied allen Kindern den nächsten Entwicklungsschritt an: Krippenkindern, die auf ihren Zahnbürsten kauen, wird das Putzen der Kauflächen mit Hin- und Herbewegungen angeboten […]“.

In Gruppen, in denen KAI plus täglich geübt wird, können Kinder im Alter von zwei Jahren oft schon das  Schrubben auf den Kauflächen und das Kreisen auf den Außenflächen vorne ausführen. Keinesfalls vergessen werden darf die Botschaft der vierten Strophe: „Jetzt ist meine Mama dran“, damit für das Kind die Mundpflege durch seine Eltern zur Selbstverständlichkeit wird und es diese im Idealfall sogar einfordert. Die Botschaft für die Kinder ist zugleich die Aufforderung an die pädagogischen Fachkräfte als wichtigstes Bindeglied zu den Eltern initiativ zu werden und diesen ihre Rolle direkt zuzuweisen.

Dr. Andrea Thumeyer
Cordula Buschmann
Wiesenstr. 31
65187 Wiesbaden
thumeyer@t-online.de

Info

Tipp für die Praxis

Damit Eltern den Unterschied zwischen dem, was ihr Kind macht und dem, was sie selbst im Kindermund erreichen sollen (weitgehende Plaquefreiheit) besser annehmen können, ist es in der Zusammenarbeit mit den Eltern empfehlenswert, das Putzen des Kindes nach KAI als Üben zu bezeichnen und den Begriff des Zähneputzens allein dem Tun der Eltern zuzuordnen. Durch die Verwendung eines Plaquefärbemittels kann man in der Praxis die altersgemäß großartigen Leistungen des Kindes den Eltern visualisieren und den Eltern gleichzeitig an einigen Kin- derzähnen zeigen, wie sie mit einer (Eltern-)Zahnbürste den restlichen Zahnbelag entfernen können. Lässt man die Eltern anschließend im Kindermund noch üben, sichert man ab, dass erstens Eltern ihren Job beherrschen und dass zweitens das Kind das Zähneputzen zulässt. Drittens kann man durch ein deutliches Lob für die Eltern deren Selbstwirksamkeit und damit die Chance der täglichen Umsetzung zu Hause entscheidend erhöhen. Multiplikatoren der Gruppenprophylaxe können das auch ohne Plaquerelevatoren an einem Eltern-Kind-Nachmittag wie zum Beispiel der Zahnputzzauberstunde (siehe www.jugendzahnpflege.hzn.de ) erreichen.



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