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01.02.07 / 00:11
Heft 03/2007 Politik
Ergebnisse der KBV-Umfrage bei Vertragsärzten

Klares Votum für die Interessenvertretung

Gespannt war die Stimmung, sichtlich angespannt der KBV-Chef Dr. Andreas Köhler, als er jetzt in Berlin das Resultat der Umfrage bei Ärzten zum KV-System verkündete. „Das wichtigste Ergebnis für uns“ aus dem so genannten vertragsärztlichen Referendum, resümierte Köhler, sei: „die überwiegende Mehrheit unserer Mitglieder hält am KV-System fest“. Trotz unbestreitbarer Probleme und teilweise harscher Kritik sehen 63 Prozent darin ihre „zukunftssichere Interessenvertretung“.




50 Jahre schon agieren die KVen als Interessenvertretungen der Ärzte. 50 Jahre ohne Echo. Das war der KBV-Spitze gerade in dieser angespannten politischen Zeit einfach zu vage. „Wollen unsere Ärzte noch unsere Körperschaften?“, wollte sie wissen. Und beauftragte das Institut für angewandte Systemforschung (infas) letztes Jahr, nachzufragen. Die klare Antwort lautet: „Ja!“

Zwischen dem 26. September und dem 6. Dezember 2006 befragte das Institut von 37 294 kontaktierten Vertragsärzten 20 032 zum KV-System. Diese vergaben Noten zwischen 1 (sehr gut) und 6 (ungenügend). „Wir haben genau das bekommen, was wir wollten – nämlich ehrliche, unverfälschte Daten“, die den Handlungsbedarf definierten, konstatierte Köhler auf der Pressekonferenz am 9. Januar 2007 in Berlin. Und es sei „schon viel Kritik am KV-System zu spüren“, räumte er offen ein. Die Umfrage zeige auf, wo Handlungsbedarf vorliege – sei es altbekannter in punkto Honorare oder neu entdeckter beim Infofluss zu politischen Erfolgen. Gerade bei den Gesamtnoten für Länder-KVen (Note 3,1) und KBV (3,7) drückt ein gravierender Fremdfaktor den Schnitt entscheidend nach unten: die Ignoranz der Bundesregierung gegenüber jeglichen Bemühungen und Einwänden quer durch die Selbstverwaltung in Sachen Reformentwurf.

Deutlich besser schnitten KVen und KBV nämlich bei den Wertungen für vorrangig innerärztliche Bereiche, wie Abrechnung und Honorarauszahlung, Sicherstellung, Unterstützung bei der Niederlassung sowie den Beratungsangeboten ab.

Auf die Frage: „Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?“ relativierte Köhler: Das mäßige Urteil für die KBV sei wohl ein typischer „Holding-Effekt“, dass nämlich die entfernt agierende KBV natürlicherweise schlechter bewertet werde als die KV vor Ort. Denn eine Bundesorganisation werde zwar stärker wahrgenommen als die regionale Institution, stehe dem einzelnen Arzt aber weniger nahe und eigne sich daher bekannterweise eher für die Rolle des Sündenbocks. Man habe, im Gegenteil, im Vorfeld „angesichts lautstarker Kritik von allen Seiten mit schlechterer Bewertung gerechnet“, so die KBV-Spitze.

Mangel zu verwalten

Vorrangige Forderung von Basis (95 Prozent) und Körperschaften bleibt die Abschaffung der Budgets. Hierbei trauten die Befragten der KBV mehr Schlagkraft zu als irgend einer anderen Interessenvertretung. Angehen wolle die KBV diesen Punkt, denn er ist Quell ständigen Ärgers, da er nur eine „Mangelverwaltung“ zulässt, meinte Köhler. Entsprechend sähen 22 Prozent die eigene Arztgruppe benachteiligt. Fast ebenso viele, 21 Prozent, sehen ihre Interessen gegenüber den Kassen schlecht vertreten.

„Der Punkt mit der Kostenerstattung macht mir Sorgen, denn das traut man uns nicht zu. Und das wird der zweite Weg neben dem Sachleistungsprinzip!“, erklärte Köhler entschlossen. Unterstützung bei der politischen Ansetzung dieser Forderungen boten mittlerweile Verbände wie der Hartmannbund an. Die Allianz Deutscher Ärzteverbände dagegen setzt auf Opposition und spricht der KBV beharrlich die Durchsetzungskraft ab; sie meint, die Reform nehme den KVen gestalterische Aufgaben, weil eine Vergütungsordnung die Honorare künftig zentral beeinflusse und die Finanzströme per zentralem Einzug im Gesundheitsfonds durch den Bundestag geregelt würde.

… und rede darüber

Bei der Kommunikation zwischen Institution und Niedergelassenem gibt es viel zu tun, so die KBV-Erkenntnis. Besserer Infofluss solle mehr Transparenz schaffen, insbesondere bei der Arbeit auf dem Parkett der Politik. „Die Ärzte sind definitiv unzufrieden mit uns als Interessenvertretung in der aktuellen Gesetzgebung.“ Doch „Lobbyismus und Transparenz sind eigentlich Widersprüche: Man muss Jammern erzeugen, um etwas zu bewirken“, räumte die KBV-Spitze diese Zwickmühle ein, da „viele Gespräche und politische Vereinbarungen nicht unbedingt in der Öffentlichkeit stattfinden und stattfinden können“. Ohne Transparenz aber werde die Unzufriedenheit wachsen.

Unzufriedenheit ist kein Wettbewerbsvorteil

38 Prozent haben bereits einmal erwogen, ihre Zulassung zurückzugeben, elf Prozent hierzu schon rechtliche Beratung eingeholt, auch wenn sie diesen Schritt nicht gewagt haben. Einfach sei ein Ausstieg aus dem GKV-System jedenfalls nicht, denn die Vertragsärzte beherrschten nun einmal rund 90 Prozent des Marktes, meinte Köhler, und ergänzte: „Unzufriedenheit allein macht noch keinen Wettbewerbsvorteil.“

Die KBV zieht auch den Umkehrschluss: 73 Prozent sprechen sich für das derzeitige System aus, 60 Prozent sehen keine Alternative dazu. Das widerspricht im Übrigen deutlich der angeblichen Bereitschaft zu einem GKV-Massenaustritt der Ärzte, die die DocCheck Medicalservices GmbH im Dezember als Folge des geänderten Gesetzes zur Stärkung des Wettbewerbs in der GKV gegenüber der Presse meldete.

Grundsätzlich sei aus der Umfrage erkennbar: Je jünger der Vertragsarzt, desto kritischer. Das verwunderte die Initiatoren nicht. Denn Ältere, die auch bessere Zeiten erlebt hätten, wüssten um Vorteile des Systems ebenso wie die erst vor wenigen Jahren hinzugekommenen Psychotherapeuten, die zuvor ohne Kollektivschutz die Widrigkeiten des freien Marktes über Jahre hinweg erfahren hätten. Ärzte in den neuen Bundesländern und mit langjähriger Kenntnis einer Staatsmedizin seien dem gegenwärtigen System ebenfalls geneigter.

Ein anderes Ergebnis aber habe überrascht: KVen, die etwas bewirken und bewegen wollen, schnitten schlechter ab als jene, die (träge) im Gegebenen verharren.

Der KBV-Chef verstand die Kritik der ärztlichen Basis konstruktiv und lieferte einen positiven Ausblick für die Niedergelassenen: „Ich glaube, unser KV-System ist fähig zum Wandel, zur Modernisierung und zur stärkeren Ausrichtung auf die Bedürfnisse und Interessen unserer Mitglieder. Aber das werden wir zügig beweisen müssen. Sonst werden wir die Quittung bekommen.“

Details zum Thema finden Interessierte unter http://www.kbv.de/veranstaltungen/ 10065.html im Netz.



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