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16.10.10 / 00:11
Heft 20/2010 Politik
Fortbildungstage in Wernigerode

Knigges wahre Botschaften

Vollkeramik in der zahnärztlichen Praxis – mit diesem Thema lockte die Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt rund 500 Zahnärzte und 350 Praxismitarbeiterinnen zu den ausgebuchten 18. Fortbildungstagen vom 17. bis 19. September nach Wernigerode. Neben standespolitischen Themen ging es im Festvortrag um Benehmen, Wertschätzung - und um die wahren Botschaften des alten Knigge.




Kammerpräsident Dr. Frank Dreihaupt machte aus seinem Herzen keine Mördergrube: Seine Enttäuschung über die Gesundheitspolitik der schwarz-gelben Bundesregierung brachte er ebenso deutlich zum Ausdruck wie die Ernüchterung hinsichtlich der Entwicklung der GOZ-Novellierung, bei der die Bundeszahnärztekammer derzeit versuche, die Öffnungsklausel doch noch zu verhindern. Dem im Entwurf vorgelegten GKV-Finanzierungsgesetz als einem Versuch der bloßen Kostendämpfung prophezeite er kein besseres Schicksal als den vielen vorangegangenen gleichen Gesetzen. Dabei werde die Frist, um mit grundlegenden strukturellen Veränderungen im Gesundheitssystem einen finanziellen Kollaps zu verhindern, immer kürzer.

Mit rund 500 Zahnärzten und 350 Praxismitarbeiterinnen war der Kongress erneut ausgebucht. Im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Programms stand die Vollkeramik in der zahnärztlichen Praxis. Prof. Dr. Jürgen Setz, Halle (Saale), hatte als wissenschaftlicher Leiter der Tagung dafür Referenten verpflichtet, die nicht nur ausgewiesene wissenschaftliche Experten sind, sondern sich auch tagtäglich praktisch mit der Materie befassen und aus einem reichen Erfahrungsschatz berichten können. In einem vielseitigen Vortragsprogramm, ergänzt durch Seminare und praktische Kurse, wurden Informationen und praktische Tipps zu den Eigenschaften und Einsatzmöglichkeiten unterschiedlicher Keramiken, zu Voraussetzungen für einen zuverlässigen Verbund zwischen der Keramik und unterschiedlichen Materialien und zum aktuellen Stand und den Möglichkeiten der computergestützten Konstruktion und Fertigung von vollkeramischen Restaurationen gegeben.

Breiten Raum nahm dabei auch die Sicht von erfahrenen Zahntechnikern ein, die sich mit den digitalen Systemen schon seit längerem auseinandergesetzt haben. Deutlich wurde, dass einerseits zwar die computergestützte Fertigung beispielsweise von Einzelkronen direkt am zahnärztlichen Behandlungsstuhl immer perfekter möglich ist, dass aber andererseits mit CAD/CAM die Rolle des Zahntechnikers bei umfangreicheren und anspruchsvollen Arbeiten nicht geringer wird als heute.

Mehr als bloße Etikette

Für den Festvortrag des Kongresses war Moritz Freiherr Knigge gewonnen worden, ein Nachfahr des berühmten Adolph Freiherr Knigge. Er räumte mit dem Vorurteil auf, der alte Knigge sei nur ein „Benimm-Piesel“ gewesen, bei dem man nachlesen könne, wie bei Tisch die Serviette zu gebrauchen und der benutzte Löffel abzulegen sei. Vielmehr sei er zu einem Vordenker und Vertreter der Aufklärung geworden. Schon früh habe er die konstitutionelle Monarchie gefordert, was ihm im Adel keine Freunde machte, und wegen seines Bekenntnisses zur Französischen Revolution habe er sogar im Gefängnis gesessen. Mit Friedrich Schiller sei er gut befreundet gewesen und habe sich unter anderem auch selbst als Autor betätigt. In seinem 1789 entstandenen berühmten Werk „Über den Umgang mit Menschen“ habe er alle Fehler, die er selbst zeit seines Lebens im Umgang mit anderen gemacht hatte, aufgearbeitet und Hinweise gegeben, wie man es besser machen solle. Die „Etikette“ spiele dabei nur insofern eine Rolle, als die kleinen Oberflächlichkeiten des Verhaltens geeignet seien, Vorurteile zu verstärken und den Zugang zu Menschen zu erschweren: Wenn diese Dinge bekanntermaßen vielen Menschen wichtig seien, dann wäre es dumm, sie nicht zu beachten, so der alte Freiherr Knigge. Der junge hat diese Devise aufgenommen und berät als studierter Betriebswirt seit einigen Jahren Unternehmen in Sachen Kommunikation, Schwerpunkt: gegenseitige Wertschätzung.

Sabine Fiedler
Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt
Große Diesdorfer Straße 162
39110 Magdeburg



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