sg
16.11.11 / 00:10
Heft 22/2011 Praxis
Abrufkredit

Kontoüberziehung maßgeschneidert

Die Überziehung des Girokontos kostet nach wie vor viel Geld. Für den bequemsten Kredit zahlen die Bankkunden inzwischen meistens deutlich mehr als zehn Prozent Zinsen. Dabei gibt es Wege, wie sich kurzfristige Engpässe deutlich preiswerter finanzieren lassen. Im günstigsten Fall hilft ein Abrufkredit, der sich genau auf die Bedürfnisse des Kunden zuschneiden lässt.




Die kleine Volksbank Randerath-Immendorf hat sich eine Spitzenstellung unter Deutschlands Geldhäusern erarbeitet. Sie verlangt für die Überziehung des Girokontos stolze 18,25 Prozent, so das Ergebnis einer Umfrage der Stiftung Warentest (Finanztest 10/11). Mit 14,7 Prozent hält sich auch die Targobank (ehemals Citibank) in den oberen Rängen. Im Schnitt liegen die Konditionen für die Überziehung bei 12,4 Prozent. Die Institute schämen sich nicht, derart hohe Zinsen zu kassieren, obwohl das allgemeine Zinsniveau extrem niedrig ist. Auf dem Tagesgeldkonto geparktes Geld bringt derzeit circa 1,75 Prozent Zinsen. Da verdienen sich manche Institute eine goldene Nase. Das können sie aber nur, weil ihre Kunden diese Konditionen akzeptieren. Zwar können und werden nicht alle Vielzahler zur günstigsten Bank wechseln können und wollen. Wer sein Institut mit Bedacht ausgewählt hat, braucht sich vielleicht nicht nach Alternativen umzusehen. Dazu gehören sicherlich gewiefte Online-Kontoführer. Sie kennen die Deutsche Skatbank, die sich mit sechs Prozent für die Kontoüberziehung zufriedengibt. Dabei handelt es sich keineswegs – wie der Name vielleicht vermuten lässt – um eine Zockerbank. Die kleine Volksbank hat ihren Sitz in Altenburg, wo man Anfang des 19. Jahrhunderts das Skatspiel erfunden hat. Sie arbeitet als Direktbank und bietet ihre Dienste online an.

Teures Vergnügen

Abgesehen von solchen Ausnahmen müssen Kunden für die Überziehung ihres Kontos viel Geld zahlen. Der Dispokredit ist der teuerste Kredit, den Banken vergeben. Jedem, der über regelmäßige Geldeingänge verfügt, räumt die Bank einen Überziehungskredit ein. Meist gibt sie sich beim Kreditrahmen besonders großzügig und verführt so den Kunden zu Ausgaben, die er sonst nicht machen würde. Sinnvoll aber ist die Überziehung nur in solchen Fällen, wenn zum Beispiel eine Anschaffung ansteht und das Konto nur für wenige Tage überzogen wird. Der Zinssatz kann sich jederzeit ändern. Hüten sollten sich Disponutzer davor, den eingeräumten Rahmen zu sprengen. Wer mehr als den Dispo ausgibt, zahlt noch höhere Zinsen, in der Spitze über 20 Prozent.

Um auch als Kunde einer weniger verbraucherfreundlichen Bank in den Genuss günstiger Konditionen zu gelangen, wenn das Geld auf dem Girokonto für eine bestimmte Zeit nicht mehr reicht, gibt es verschiedene Ausweichmöglichkeiten. Welche die jeweils beste ist, hängt stark von den Bedürfnissen des Kunden ab. Wer es beispielsweise nicht schafft, den überzogenen Betrag auf Dauer deutlich zu reduzieren, läuft Gefahr, bei der Quartalsabrechnung horrende Summen an Überziehungszinsen zahlen zu müssen. Der Kredit erhöht sich damit automatisch.

Ratenkredit günstiger

Für ihn eignet sich die Übertragung der überzogenen Summe in einen Ratenkredit. Dazu schließt der Kunde einen separaten Kreditvertrag mit einer Bank. Das muss nicht die Hausbank sein, er kann sich vielmehr das günstigste Angebot suchen. Das Darlehen zahlt er über einen bestimmten Zeitraum in gleichmäßigen Raten zurück. Sondertilgungen sind nicht möglich. Die Konditionen aber liegen meist deutlich unter denen des Dispos. So verlangt beispielsweise die Targobank für einen Online-Kredit über 5 000 Euro, Laufzeit zwölf Monate, einen Effektivzins von 3,45 Prozent. Die monatliche Rate beträgt 424,37 Euro. Die ING-DiBa berechnet 5,95 Prozent effektive Zinsen, die Rate liegt bei 429,86 Euro.

Mit diesen Zinssätzen lässt sich Geld sparen. Allerdings sollten aufgeklärte Bankkunden das Kleingedruckte des Kreditvertrags genau prüfen, bevor sie unterschreiben. Denn ehe sie sich versehen, hat ihnen der Bankberater noch schnell eine Restschuldversicherung verkauft. Damit sichern sich die Institute gegen Zahlungsausfälle ab, wenn der Kunde seine Tilgungsraten nicht mehr zahlen kann. Die Kosten dafür verteuern den Kredit. In manchen Fällen kann eine derartige Absicherung durchaus Sinn machen, wenn der Betroffene zum Beispiel arbeitslos wird oder eine Krankheit in den finanziellen Engpass führt. Allerdings sollte der Kunde genau über die Kosten sowie über den Sinn und Unsinn einer Restschuldversicherung aufgeklärt werden. Das ist die ureigenste Pflichtaufgabe des Beraters.

Beratung ungenügend

Dass dies häufig nicht geschieht, wissen die Verbraucherschützer. Andrea Heyer, Referatsleiterin für Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Sachsen in Leipzig, berichtet von den Erfahrungen ihrer Kunden: „Verbraucher haben uns immer wieder berichtet, dass ihnen der Abschluss der Versicherung gar nicht bewusst war, weil zum Beispiel schon ein Kreuzchen an bestimmten Stellen gesetzt war. Oder es wurden Ängste geschürt und der Vertrag wurde ihnen besonders nahegelegt.“ Besonders häufig beobachtet die Verbraucherschützerin den Verkauf von Restschuldversicherungen bei der Targo- und bei der Santander-Bank.

Viel flexibler und ebenfalls zu günstigen Konditionen können Kreditnehmer über geliehenes Geld verfügen, wenn sie sich einen Abrufkredit einrichten lassen. Er verbindet die Vorteile des Dispos und des Ratenkredits. Und so funktioniert er: Bei einem Abrufkredit richtet die Bank ihrem Kunden ein Kreditkonto ein, auf dem ihm eine bestimmte Summe zur Verfügung steht. Diesen Betrag kann er nutzen, wie und wann er will. Die Zinsen zahlt er jedenfalls nur für die in Anspruch genommene Summe. Dafür verlangen die Institute zwischen etwa fünf und circa zwölf Prozent Zinsen, meistens deutlich weniger als für den Dispo.

Auch der Abrufkredit basiert auf variablen Zinsen. Die Banken richten sich dabei nach einem Leitzins wie zum Beispiel dem Euribor. Steigt der, heben auch die Banken meistens die Konditionen an. Wie bei einem Ratenkredit überprüft die Bank vor der Kreditvergabe die Bonität des Kunden. Entsprechend räumt sie ihm eine Kreditsumme ein.

Diverse Anbieter

Zu den günstigen Anbietern gehört die Volkswagen Bank. Für ihren online vergebenen ComfortCredit verlangt sie zurzeit 8,18 (8,49 Prozent effektiv) Prozent Zinsen, Bearbeitungsgebühren und Bereitstellungszinsen fallen nicht an. Die Kreditsumme sollte zwischen 2 500 und 25 000 Euro liegen. Der Kunde zahlt monatlich mindestens 50 Euro oder zwei Prozent des genutzten Betrags. Interessanter noch ist das Angebot der INGDiBa. Sie verlangt für einen Kredit zwischen 5 000 und 25 000 Euro nur 6,74 Prozent (6,95 Prozent effektiv) Zinsen für die in Anspruch genommene Summe und verzichtet ebenfalls auf Bearbeitungsgebühren und Bereitstellungszinsen. Wie bei der Volkswagen Bank bekommen auch Freiberufler hier problemlos einen Abrufkredit. Für sie manchmal die einzige Möglichkeit, sich Geld zu leihen.

Ebenfalls aufgeschlossen gegenüber Freiberuflern zeigt sich die PSD Bank Hannover. Sie wirbt mit einem Zins von 6,55 Prozent (6,71 Prozent effektiv) für maximal 25 000 Euro. Die Rückzahlung liegt bei mindestens zwei Prozent des in Anspruch genommenen Betrags. Weitere Gebühren fallen nicht an. Eine Restschuldversicherung ist schon eingerechnet. Der Nachteil des attraktiven Angebots: Es gilt nur regional. Deutlich teurer fällt der Rahmenkredit der Deutschen Bank aus. Der Geldriese verlangt für das flexible Darlehen effektiv 13,80 Prozent. So viel kostet bei manchem Konkurrenten nicht einmal der Dispo. Außerdem berechnet das Institut eine Bearbeitungsgebühr von einem Prozent pro Verfügung. Die Rückzahlung des beanspruchten Betrags liegt bei mindestens 25 Euro beziehungsweise zwei Prozent des genutzten Kredits.

Sondertilgungen möglich

Ein großer Vorteil gegenüber den üblichen Ratenkrediten ist die Möglichkeit, mit Sondertilgungen den Kredit so schnell wie möglich wieder zurückzuzahlen. Das bietet vor allem Freiberuflern, die häufig über unregelmäßige Einkünfte in unterschiedlicher Höhe verfügen, die Möglichkeit, den Kredit bequem zu managen. Ein direkter Vergleich zwischen den Kreditangeboten ist schwierig, weil der Kunde über die Höhe der Tilgungsrate und die Dauer der Rückzahlung selbst entscheidet. Auch wenn es so manchem ein gutes und sicheres Gefühl bereitet, immer noch die Reserve für unvorhergesehene Ausgaben in der Hinterhand zu haben – wenn er sie nutzt, kostet sie Geld. Doch bevor das Konto häufig im roten Bereich verweilt und sein Besitzer dafür teure Dispozinsen bezahlen muss, lohnt sich die Einrichtung eines Abrufkredits. Allerdings ist er kaum bekannt und nur wenige Banken bieten ihn an. Doch es ist egal, wo man sein Abrufkonto führt. Per Überweisung wandert der angeforderte Betrag aufs Girokonto. Und ein Dauerauftrag über einen kleinen Betrag auf dem umgekehrten Weg hilft, den genutzten Kreditbetrag möglichst klein zu halten. Auf den Dispo bei der Hausbank kann man dann vielleicht verzichten. Jedoch beide Kreditarten gleichzeitig zu nutzen, kann verhängnisvolle Folgen haben. Denn wer den Überblick verliert, gerät unter Umständen in die Schuldenfalle.

Marlene Endruweit
Wirtschafts-Fachjournalistin
m.endruweit@netcologne.de



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