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16.11.11 / 00:10
Heft 22/2011 Politik
FDI-Kongress in Mexico City

Konzepte in Zeiten der Sinnkrise

Der diesjährige FDI-Kongress fand vom 14. bis zum 17. September 2011 in Mexico City im modernen Centro Banamex statt. Zwar gab es eine fruchtbare und konstruktive Sacharbeit, die Organisation der FDI selbst steckt jedoch in einer tiefen innerverbandlichen Finanz- und Führungskrise, die jetzt aufgearbeitet werden soll.



Die deutsche Delegation (v.l.n.r.), ein Team aus Wissenschaft, KZBV und BZÄK: Prof. Dr. Elmar Reich, Prof. Dr. Georg Meyer, Dr. Jürgen Fedderwitz, Barbara Bergmann-Krauss, Dr. Michael Sereny, Ralf Wagner, Mary Hommel van Driel, Florian Lemor, Prof. Dr. Wolfgang Sprekels und Dr. Peter Engel Foto: Reich

Die Teilnehmerzahl von 5 000 Zahnärzten, Zahnarzthelferinnen, Dental Hygienists und Zahnmedizinstudenten lag weit unter den Erwartungen der Veranstalter und hat negative Auswirkungen auf die ohnehin schon angegriffene finanzielle Lage der FDI. Dafür war die Dentalausstellung, die eintrittsfrei angeboten wurde, mit 27 000 Besuchern sehr gut besucht. Sie war eine der größten Ausstellungen der FDI der letzten Jahre – jedoch in keiner Weise zu vergleichen mit der IDS in Köln. Die deutsche Dentalindustrie war wieder unter einem gemeinsamen Dach „Made in Germany“ – organisiert vom Verband der Deutschen Dentalindustrie (VDDI) – gut und repräsentativ vertreten.

Das viertägige wissenschaftliche Programm unter dem Generalmotto „Neue Horizonte in der Mundgesundheitsversorgung“ bot 112 wissenschaftliche Vortragsblocks mit 128 Referenten aus 29 Ländern, 59 Kurzvorträgen und 121 wissenschaftlichen Postern. Die Vorträge behandelten ein breites Themenspektrum von oralen Erkrankungen als nicht übertragbare Krankheit bis hin zu Kariesmanagement, von Patientensicherheit bis hin zu Speicheldiagnostik, von Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie bis hin zu Kieferorthopädie – das gesamte Spektrum der aktuellen Diskussion in Wissenschaft und Praxis wurde thematisiert. Die Vorträge waren, wie bei FDI-Kongressen häufig, von hervorragender bis mittelmäßiger Qualität. Dennoch gibt es immer genug interessante Vorträge, Referenten und Diskussionen, die den Besuch eines FDI-Kongresses lohnen.

Prozess des Nachdenkens

Allerdings war die Teilnehmerzahl der internationalen Gäste mit deutlich unter 1 000 enttäuschend, aus Deutschland waren gerade mal um die 30 Teilnehmer angereist. Nachdem schon der letzte Kongress 2010 in Salvador, Brasilien, schlecht besucht war und dieser in Mexico City jetzt wieder – trotz der hohen Zahnärztezahlen in beiden Ländern – ist bei der FDI ein Prozess des Nachdenkens über die Zukunft der FDI-Kongresse in Gang gekommen, über den in der Generalversammlung und in den Offenen Foren berichtet und diskutiert wurde.

Nach beinahe 100-jährigem Bestehen der Kongresse – der Mexiko-Kongress war der 99. Kongress in der 111-jährigen Geschichte der FDI – wurde eine gründliche Überprüfung der Konzeption vorgenommen: Bisher war der Kongress das Kernstück der FDIAktivitäten und wichtige Einnahmequelle. Nun wurde ein Congress Committee Task Team eingesetzt, in dem der deutsche Delegierte Prof. Dr. Elmar Reich als Vorsitzender des Fortbildungskomitees mitarbeitete. Das Gremium nahm eine Analyse der vergangenen Kongresse vor und erarbeitete Vorschläge zur Veränderung. Die Teilnehmerzahlen – sowohl der internationalen als auch der nationalen Besucher – waren in den letzten Jahren ständig zurückgegangen, weniger als 0,2 Prozent aller Zahnärzte weltweit nehmen heute an einem FDI-Kongress teil, obwohl die meisten Länder der Erde, beinahe 150, Mitglied in der FDI sind.

Fundierte Analyse

Auf der Basis einer Stärken-und-Schwächen-Analyse (SWOT = Strengths, Weaknesses, Opportunities, Threats) wurden fünf Szenarios zur zukünftigen Gestaltung von FDI-Ereignissen entworfen und zur Diskussion gestellt:

1. Verbesserung des bestehenden Modells

2. Einstellung des Jahresweltkongresses, stattdessen Unterstützung anderer Veranstaltungen und Organisation von Fortbildungsveranstaltungen in verschiedenen Ländern

3. Zusammenlegung mit einer anderen internationalen Konferenz

4. Überführung in ein Forum für Meinungsführer in der Zahnmedizin

5. eine Mischung aus 2 + 4

Zur Verbesserung des bestehenden Modells wurden verschiedene Maßnahmen vorgeschlagen, unter anderem soll über den Kongressort vorrangig unter finanziellen Aspekten entschieden werden, die Zahl der ständig wiederkehrenden internationalen Teilnehmer soll gesteigert werden, der Industrie soll eine angemessene Plattform geboten werden, es soll mehr internationales Flair, mehr Austausch und Networking geben, dabei soll die FDI die volle Kontrolle über die Veranstaltung haben. Ein solchprofessionell durchgeführter Kongress sollte aber nur noch alle zwei Jahre veranstaltet werden.

Option 2 würde bedeuten, dass internationale Veranstaltungsmodule an nationale Meetings angedockt werden könnten, ohne dass die FDI mit der Organisation etwas zu tun hätte. Und das FDI-Parlament, also die Geschäftssitzungen der FDI, könnte zusammen mit einem Treffen eines nationalen Zahnarztverbands zu null Kosten durchgeführt werden.

Bei Option 3 wird ein Zusatznutzen für beide internationalen Konferenzen, die zusammengelegt werden, erwartet.

Option 4 schlägt vor, ähnlich wie das Davoser Weltwirtschaftsforum, ein Weltzahngesundheitsforum zu etablieren, indem ein einzigartiges, konkurrenzloses Event geschaffen wird, ein Diskussionsforum für Politik und Strategie auf höchstem Niveau. Hier sollten Führungspersönlichkeiten der nationalen Zahnärzteverbände, der WHO, von Nichtregierungsorganisationen, Politiker, Gesundheitsminister und leitende Industrievertreter zusammenkommen. Dies würde auch gut zum Kernauftrag der FDI „Leading the world to optimal oral health“ passen.

Zur Diskussion gestellt

Diese fünf Optionen wurden in einem Offenen Forum den Delegierten zur Diskussion gestellt. Ergebnis war, dass das jetzige Modell eines FDI-Kongresses nicht der Mission der FDI im Jahr 2011 entspricht, es den Bedürfnissen der Mitgliedsverbände nicht genügt und darum eine Änderung für notwendig gehalten wird. Allerdings sehen die Delegierten auch Probleme bei den Optionen 2 und 4 (Einstellung des Kongresses und Weltforum), da dann die fachliche Arbeit in den Komitees nachrangig und die Politik in den Vordergrund treten würde. Letztlich sprachen sich die meisten Diskussionsteilnehmer dann doch für eine Verbesserung des bestehenden Modells aus. Damit hat das Fortbildungskomitee die schwierige Aufgabe, nachhaltige Änderungsvorschläge für die nächsten Kongresse zu erarbeiten. Für den nächsten – den 100. – FDI-Kongress vom 30.08. bis zum 04.09.2012 in Hongkong, konnten bereits international renommierte Referenten gewonnen werden, ein Schwerpunkt wird das Kariesmanagement in der Zahnarztpraxis sein.

Gute fachliche Arbeit

Vorgeschaltet und zeitgleich mit dem wissenschaftlichen Programm des FDI-Kongresses fanden die Geschäftssitzungen der verschiedenen Gremien, Komitees und Sektionen statt, in denen die Politik und die fachliche Ausrichtung des Weltzahnärzteverbands diskutiert und beschlossen wurden. In den Komitees wurden im letzten Jahr gute fachliche Arbeit geleistet und für die Zahnärzte der Welt wichtige Themen vorbereitet, zum Beispiel die Initiative, orale Erkrankungen als nicht übertragbare Krankheit bei den Vereinten Nationen in den Katalog der wichtigsten nicht übertragbaren Krankheiten aufzunehmen. Damit soll den weit verbreiteten oralen Erkrankungen weltweit die angemessene politische Aufmerksamkeit gewidmet werden, damit entsprechende Maßnahmen der Prävention und Bekämpfung in allen Ländern ergriffen werden. Weiteres Beispiel für die inhaltlich gute Arbeit der FDI ist die Verabschiedung eines neuen Kariesklassifikationssystems (siehe nachfolgenden Bericht Seite 114f.).

Führungs- und Finanzprobleme

So positiv die fachliche Arbeit der FDI sich entwickelt, so krisenhaft ist allerdings die Situation in der Führung der FDI und bei den Finanzen. Der FDI-Kongress 2010 in Salvador, der ein finanzieller Misserfolg war, ist noch nicht abgerechnet, 700 000 Euro schuldet der brasilianische Zahnärzteverband, der dies jedoch bestreitet, noch der FDI. Die renommierte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers wurde eingeschaltet. Die Aufklärung der Verantwortlichkeiten und Sachverhalte erwies sich als schwierig, Vorwürfe wurden erhoben, Ausreden und Ausflüchte gemacht, Interessenkonflikte vorgeschoben und Ehrenerklärungen abgegeben. Das Ganze gleiche – so analysierte BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel in einem kritischen Redebeitrag – eher einer Seifenoper als einer seriösen Aufklärung von Sachverhalten.

Das Bemühen der Mitglieder der Generalversammlung um klare Antworten war deutlich und es besteht die Hoffnung, dass mit der neuen Führung unter Präsident Orlando Monteiro da Silva, Portugal – die Präsidentschaft des Brasilianers Dr. Roberto Vianna endete mit der Generalversammlung B in Mexico City – die Arbeit der FDI wieder vertrauenswürdig und transparent wird. Auch die Ratsmitglieder sollen in Zukunft besser informiert und mehr in die Arbeit der Exekutive einbezogen werden. Bei der Klärung der verworrenen Situation trat die deutsche Delegation sehr klar, aktiv und konstruktiv auf.

Barbara Bergmann-Krauss
Universtätsstr. 73
50931 Köln



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