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01.08.11 / 00:11
Heft 15/2011 Gesellschaft
TK-Gesundheitsreport 2011

Krank im Hörsaal

Der Leistungsdruck im Hochschulstudium ist in den letzten Jahren gewachsen – die Anzahl psychischer Erkrankungen unter Studierenden auch. Die Techniker Krankenkasse (TK) sieht in ihrem Gesundheitsreport einen Zusammenhang.



Vor allem ältere Studierende haben durch den Druck im Studium psychische Probleme. Foto: Maskot-F1online

Die Studierenden in Deutschland leiden zunehmend unter psychischen Störungen. Zu diesem Ergebnis kommt der TK Gesundheitsreport 2011, der kürzlich in Berlin vorgestellt wurde. Im Jahr 2010 erhielt jeder Studierende statistisch gesehen für 65 Tage Medikamente, vor allem der Psychopharmaka- Anteil nahm sehr stark zu.

„Der Karrieredruck hat deutlich zugenommen“, sagte Heiko Schulz, Diplom-Psychologe der TK, bei der Vorstellung des Berichts. „Es gibt eine deutlich stärkere Belastung und zunehmende Prüfungsängste.“

Viele Psychopharmaka

Den größten Anteil verschreibungspflichtiger Medikamente für Studierende machen Arzneimittel zur Behandlung des Nervensystems aus. In den vergangenen vier Jahren gab es hier einen Anstieg von 54 Prozent zu verzeichnen – sie bilden knapp ein Fünftel aller verschriebener Medikamente für Hochschüler. Man betrachte mit Sorge das auffällig hohe Volumen bei den Psychopharmaka, berichtete der TK-Vorstandsvorsitzende Norbert Klusen.

Vor allem bei Antidepressiva ist ein signifikanter Anstieg zu verzeichnen. „Der mit Antidepressiva behandelte Anteil der Studierenden stieg seit 2006 um mehr als 40 Prozent“, erklärte Thomas Grobe vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung (ISEG) in Hannover, der die Daten für die TK ausgewertet hat. Gut fünf Prozent der Studentinnen und knapp drei Prozent der Studenten erhalten solche Medikamente.

Je älter, desto anfälliger

Auch bei der Diagnose von psychischen Störungen zeichnet der Gesundheitsreport ein eher düsteres Bild. Insbesondere bei älteren Studierenden wird überproportional häufig eine psychische Störung diagnostiziert. Im Vergleich mit Berufstätigen liegen die Diagnoseraten der 20- bis 25-jährigen Hochschüler zwar unter denen ihrer arbeitenden Altersgenossen, ab dem 27. Lebensjahr kehrt sich dieses Verhältnis jedoch um.

„Dies könnte damit zusammenhängen, dass mit steigendem Alter der Druck steigt, das Studium zu beenden. Zudem ist in dieser Altersgruppe der Anteil der Studierenden, die durch Jobs und Familie mehrfach belastet sind, größer“, erläutert Schulz.

Für 17 Prozent der männlichen und 36 Prozent der weiblichen Studierenden im Alter von 30 Jahren wurde mindestens einmal eine psychische Diagnose gestellt. Junge Frauen zeigen sich insgesamt anfälliger für psychische Störungen als ihre männlichen Altersgenossen: Bei knapp einem Drittel aller Frauen zwischen 20 und 34 Jahren wurde schon eine psychische Diagnose gestellt, im Vergleich zu circa 13 Prozent der Männer.

Klusen gab jedoch zu bedenken: „Wenn drei von zehn jungen Frauen im Jahr eine psychische Diagnose gestellt bekommen, muss man sich nicht nur über die Zunahme psychischer Störungen Gedanken machen, sondern auch darüber, wo die Grenze zwischen gesund und krank gezogen wird.“

Unis sollen gegensteuern

Insgesamt belegt der Gesundheitsreport zweifelsfrei, dass die psychischen Störungen bei Studierenden stark angestiegen sind. Laut Klusen lasse sich aus den Zahlen zwar kein unmittelbarer Kausalzusammenhang zwischen Studienbedingungen und Erkrankungen ableiten, „aber die Vermutung liegt nahe, dass die jüngsten Reformen in der akademischen Ausbildung nicht spurlos an den jungen Menschen vorbeigehen. Der Druck, das Studium zügig zu absolvieren, ist durch Studiengebühren und die Einführung der neuen Bachelor- und Master-Studienabschlüsse gestiegen.“

Diplom-Psychologe Schulz plädierte dafür, dass die Universitäten aktiv etwas gegen die Belastungen unternehmen. Sie müssten ihrer Verantwortung gerecht werden und entsprechende Angebote bereitstellen, beispielsweise ein Tutorsystem wie in Großbritannien oder in den USA, das die Studierenden unterstützt. Auch eine Reduzierung des Arbeitspensums kommt laut dem Psychologen in Betracht: „Man könnte den Bachelor eventuell in acht statt in sechs Semestern absolvieren.“ eb

Der komplette Report steht zum Download bereit unter:

http://www.tk.de/centaurus/servlet/contentblob/281898/Datei/61603/Gesundheitsreport-2011.pdf

INFO

Datenerhebung

Für ihren Gesundheitsreport wertete die TK die Arzneimittelverordnungen von Studierenden zwischen 20 und 35 Jahren aus, die eine eigene Mitgliedschaft besitzen. Die Daten dieser 135 000 Personen wurden geschlechts- und altersstandardisiert. Zudem wurden auch ambulante Diagnosedaten analysiert.



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