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01.10.10 / 00:15
Heft 19/2010 Medizin
Repetitorium

Krankheiten, die gerade in Mode sind

So manches heutzutage weit verbreitete Krankheitsbild war bei unseren Eltern und Großeltern gänzlich unbekannt. Beispiele sind die Fibromyalgie, oder auch das Burnout-Syndrom. Auffällig ist, dass von einigen Störungen, die noch vor zehn Jahren die Gemüter bewegt haben wie dem chronischen Müdigkeits-syndrom, inzwischen kaum mehr die Rede ist. Das legt die Vermutung nahe, dass es sich um Modekrankheiten handelt und gehandelt hat, um Störungen also, die seinerzeit en vogue waren, wenn Befindlichkeitsstörungen ein Name gegeben werden musste.




Burnout-Syndrom, Chronisches Müdigkeitssyndrom, Sick Building Syndrom, Fibromyalgie, Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Übersäuerung des Organismus, Glutenunverträglichkeit, Pilzinfektion im Darm, Kopfschmerz durch Elektro-Smog – die Liste der Erkrankungen, die zu bestimmten Zeiten wie Pilze aus dem Boden schießen und in aller Munde sind, um einige Jahre später in Vergessenheit zu geraten und bestenfalls belächelt zu werden, ist lang.

Die „Modekrankheiten“ sind in ihrer Bedeutung oft nur schwer einzuschätzen. Wer will schon behaupten, dass Menschen, die an einer Fibromyalgie leiden, nicht ernsthaft erkrankt sind und enorme Schmerzen aushalten? Und wer will abstreiten, dass die Belastungen der Zivilisationsgesellschaft krank machen können und dass Elektrosmog bei dem einen oder anderen Zeitgenossen zu erheblichen Kopfschmerzen führen kann? Dennoch sind gelegentlich Zweifel angebracht, wenn von Monat zu Monat häufiger die Diagnose „ADHS“ gestellt wird oder wenn sich Pilzinfektionen im Darm quasi unkontrolliert wie eine Seuche verbreiten. Dann liegt der Verdacht nahe, dass es sich möglicherweise doch um Verlegenheitsdiagnosen handelt, die gestellt werden, wenn bestimmte Symptome der Patienten anderen Ursachen nicht zugeordnet werden können.

Ausgebrannt – das Burnout-Syndrom

Überlastet, gestresst, ausgebrannt – wer hat nicht zumindest ansatzweise gelegentlich das Gefühl gehabt, an einem Burnout-Syndrom zu leiden? Als Krankheitsbild wurde der Begriff des „Burnout“ in den 1970er-Jahren durch den Psychoanalytiker Herbert Freudenberger geprägt. Er beobachtete, dass vor allem Angehörige der Heilberufe überzufällig oft krank sind und sogar überproportional häufig früh berentet werden.

Inzwischen ist das Burnout-Syndrom in aller Munde und wird fast schon synonym für eine Reaktion auf starke, überlastende, als negativ und krankmachend empfundene Stresssituationen benutzt. Dabei mehren sich Einrichtungen – von der seriösen Klinik bis hin zum Wellness-Hotel – die dem Stress-geplagt Zivilisationsmenschen therapeutische Unterstützung bei der Genesung vom Burnout bieten. Dessen Symptome sind vielfältig: Leitsymptom ist eine starke körperliche wie auch emotionale Erschöpfung, eine anhaltende physische und psychische Leistungs- und Antriebsschwäche, ohne dass der Betreffende selbst noch in der Lage wäre, auszuspannen und sich zu erholen.

Es erkranken in aller Regel Menschen, die hochengagiert ihrer beruflichen Tätigkeit nachgehen, die Spaß an der Arbeit haben und entsprechend viel Zeit auf den Job verwenden. Wie in einem Teufelskreis steigt die Belastung der Betroffenen an. Diese bekommen – nicht zuletzt aufgrund ihrer Tüchtigkeit – mehr und mehr Aufgaben aufgebürdet, welche sie, pflichtbewusst wie sie nun einmal sind, ordnungsgemäß zu erledigen versuchen. Die Konsequenz: Die Betreffenden verbringen mehr und mehr Zeit mit ihren beruflichen Aufgaben, bis diese schließlich zum allumfassenden Lebensinhalt werden. Es gibt keine Erholungsphasen mehr, nach und nach stellen sich Erschöpfung, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen ein. Typischerweise wird versucht, den sich zwangsläufig aus der Situation ergebenden Leistungsabfall durch noch mehr Arbeit zu kompensieren. Es kommt zu ersten gesundheitlichen Störungen, wie Schlafstörungen, Schwindel, einer erhöhten Reizbarkeit bis hin zu aggressivem Verhalten, depressiven Verstimmungen oder auch einem ausgeprägten Suchtverhalten im Hinblick auf Tabak und Alkohol.

Leistungsbereit und ausgelaugt

Typisch ist auch, dass die Überlastung und der Stress, dem sich Menschen auf dem Weg in einen Burnout stellen, von diesen selbst nicht mehr verifiziert werden. Sie negieren sogar die Belastung, während gleichzeitig die Motivation und der Spaß an der Arbeit zurückgehen und das emotionale Erleben verflacht. Aus eigener Kraft finden die Betroffenen oft nicht den Weg aus diesem Dilemma. Ist das Burnout-Syndrom voll manifest, so brauchen sie im Allgemeinen professionelle Hilfe. Zu bedenken ist andererseits, dass die Störung mit einer hohen Leistungsbereitschaft des Betreffenden assoziiert wird und damit in unserer Leistungsgesellschaft durchaus positiv besetzt ist. Das kann erklären, warum das „Burnout-Syndom“ inzwischen so etwas wie eine Modediagnose geworden ist, mit der man zum Ausdruck bringen kann, leistungsorientiert, gefragt und auch entsprechend erfolgreich zu sein.

Chronisches Müdigkeitssyndrom

Ganz anders wird das Problem der Müdigkeit von Menschen mit einem chronischen Müdigkeitssyndrom, auch Chronic Fatigue Syndrom (CFS) genannt, beschrieben. Die Betreffenden geben an, sich völlig antriebslos, quasi wie gelähmt zu fühlen, körperlich und geistig komplett erschöpft. Meist bestehen weitere Beschwerden wie Halsschmerzen, Kopfschmerzen, Schwindel sowie Gelenkbeschwerden und vor allem Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Der Schlaf wird als nicht erholsam empfunden, schon kleine körperliche Belastungen werden als unerträgliche Anstrengung erlebt.

Beschrieben wurde das Krankheitsbild, das vor allem um die Jahrhundertwende große Aufmerksamkeit in den Medien fand, schon früher. Als eigenständige Krankheit wurde es jedoch erst 1988 durch das amerikanische „Center of Disease Control“ klassifiziert. Den Schätzungen zufolge sind etwa 0,5 Prozent der Bevölkerung betroffen, allerdings wird davon ausgegangen, dass das CFS erheblich unterdiagnostiziert ist.

Damit die Diagnose gestellt werden kann, sollten folgende Kriterien vorliegen: eine schon länger als sechs Monate anhaltende Erschöpfung, deren Auftreten zeitlich konkret benannt werden kann, die also nicht schon lebenslang besteht, nicht wie beim Burn-out, Folge einer Überlastung ist und sich nicht durch Ruhe bessert.

Die Ursachen des CFS sind nicht genau bekannt. Diskutiert werden Infektionen als Auslöser immunologischer Veränderungen sowie einer Dysbalance im Zusammenspiel von Immun-, Hormon- und Nervensystem. Entsprechend schwierig gestaltet sich die Behandlung, denn eine kausale Therapie ist bislang nicht bekannt. Die Störung hält oft über Jahre an, kann sich dann allerdings spontan bessern und sogar völlig zurückbilden. Allerdings besteht ein hohes Rezidivrisiko.

Pilzinfektionen im Darm

Ein Krankheitsbild, das lange Zeit als Erklärung für die unterschiedlichsten Symptome herangezogen wurde, ist eine Pilzinfektion des Darmes. Ohne Zweifel gibt es Patienten, die eine manifeste Infektion mit Candida albicans oder anderen Vertretern der Hefepilze aufweisen und unter dadurch bedingten Symptomen leiden. Andererseits aber lässt sich Candida albicans bei etwa jedem dritten Menschen im Gastrointestinaltrakt nachweisen und das in aller Regel, ohne dass es dadurch zu Beschwerden kommt. Der Nachweis von Candida-Spezies im Darm ist deshalb nicht unbedingt als pathologischer Befund zu werten.

Gestellt wurde die Diagnose einer „Candida-Infektion des Darmes“ vor Jahren sehr häufig bei Menschen, die über unspezifische Symptome klagen, von Oberbauch- beschwerden über anfallsartig auftretenden Diarrhöen und Nahrungsmittelunverträglichkeiten bis hin zur Abwehrschwäche, allergischen Reaktionen, Müdigkeit und Gelenkschmerzen.

Als Ursache der Beschwerden wurde und wird eine Antibiotika- oder Kortisonbehandlung diskutiert, ebenso die Einnahme der Antibabypille, Stress, sowie eine ungesunde Ernährung mit dem bevorzugten Verzehr von Zucker und weißem Mehl. Vor dem Hintergrund der medizinisch wenig fassbaren Störung ist verständlich, dass die Diagnostik und Therapie von Candida-Infektionen des Darmes eine Domäne der Paramedizin darstellt. Diagnostiziert wird die Störung dabei oft mit kinesiologischen Verfahren, behandelt wird mit Antipilzpräparaten, Mitteln, die die Darmflora aufbauen sollen sowie mit dezidierten Ernährungsempfehlungen.

Übersäuerung des Körpers

So wie die Pilzinfektionen des Darmes in den vergangenen Jahren nach und nach aus den Schlagzeilen verschwunden sind, so hat als Thema die „Übersäuerung des Körpers“ mehr und mehr Raum gegriffen. Sie führt, so die Hypothesen, zu einem Ungleich- gewicht im Säure-Basen-Haushalt des Organismus, der seinerseits Basis des Stoffwechsels darstellt. Als Symptome der Übersäuerung gelten allgemeine Störungen des Wohlbefindens, Antriebslosigkeit, das Gefühl, schlapp und energielos zu sein, ohne Tat- und Spannkraft.

Postuliert wird, dass solche Symptome auf eine Verschiebung des pH-Wertes der Flüssigkeiten im Körper in den sauren Bereich zurückgehen. Die Azidose soll durch eine ungesunde Ernährung bedingt sein und dazu führen, dass Schlacken nicht mehr entsorgt werden können und sich im Binde- gewebe ablagern. Gefördert wird die Übersäuerung, so die Hypothesen, durch den zu häufigen Verzehr tierischer Eiweiße wie Fleisch, Wurstwaren, Fisch, aber auch Eiern und Milch, durch Weißmehlprodukte und Süßspeisen sowie durch kohlensäure- haltiges Wasser, Kaffee, Limonaden, Alkohol und Nikotin. Aber auch Konservierungsstoffe, Geschmacksverstärker in Nahrungsmitteln, und sogar übertriebener Sport sowie „negative Gedanken“ werden beschuldigt, die Übersäuerung hervorzurufen. Entsprechend ist die Behandlung zu gestalten: Es wird der Verzehr von Gemüse, Kartoffeln, Obst und Salat propagiert, eine ausgeglichene Lebensweise mit viel Schlaf, Ruhe und „positiven Gedanken“.

Krank durch Elektrosmog

En vogue ist es derzeit auch, Gesundheitsbeschwerden durch Erdstrahlen und den allgegenwärtigen Elektrosmog zu erklären. Vor allem Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Nachtschweiß und Alpträume werden auf die „Verstrahlung“ unserer Umwelt zurückgeführt. Weitere Symptome sind Konzentrationsstörungen, Leistungsschwäche, Müdigkeit.

Darüber hinaus werden immer wieder auch gravierende Erkrankungen wie etwa rheumatische Erkrankungen und bösartige Tumoren mit Elektrosmog assoziiert. Erst jüngst wurde jedoch in einer groß angelegten Studie der Verdacht ausgeräumt, Hirntumore könnten durch eine intensive Handynutzung und die damit verbundene Strahlung ausgelöst werden.

Sick-Building-Syndrom

Eine Störung, die offenbar infolge der aktuellen Diskussionen um den Elektrosmog etwas an Aktualität eingebüsst hat, ist das sogenannte Sick-Building-Syndrom, also die gebäudebezogene Krankheit. Es handelt sich um gesundheitliche Störungen, die direkt auf die Umgebung im Haus zurückgeführt werden. Häufig leiden die Betroffenen unter Kopfschmerzen, Atemwegsbeschwerden, Schleimhautreizungen und sogar manifesten Allergien oder einem Asthma bronchiale.

Die Erkrankungen werden als Folgeerkrankung der durch das Gebäude bedingten Belastungen gesehen, wobei diese in aller Regel auf aus den Baumaterialien entweichende Schadstoffe zurückgeführt werden. Angeschuldigt als Ursache werden nicht selten vor allem in Büroräumen auch Keimbelastungen infolge mangelhafter Filtersysteme in Klimaanlagen oder Schadstoffbelastungen zum Beispiel durch Drucker oder Kopiergeräte.

Klinisch durch medizinische Parameter konkret fassbar ist das Sick-Building-Syndrom im Allgemeinen nicht. Entsprechend dürftig sind die Therapiemöglichkeiten, wenn man von einem rigorosen Wechsel der häus- lichen Umgebung – privat oder auch am Arbeitsplatz – absieht.

Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom

Ein Krankheitsbild, das von der Symptomatologie her deutlich besser zu fassen ist, aber ebenso wie die „Übersäuerung“ in jüngster Zeit einen regelrechten Boom erlebt hat, ist das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom, kurz ADHS. Die Störung wird vor allem bei Kindern diagnostiziert, die durch ihr Verhalten auffallen. Zu den charakteristischen Merkmalen gehören beispielsweise ein rascher Wechsel von Aktivitäten, motorische Unruhe und mangelnde Ausdauer beim Spielen, eine rasche Ablenkbarkeit, Konzentrationsschwächen, Vergesslichkeit und eine hohe Impulsivität, die sich nicht selten in aggressivem Verhalten den Weg bahnt.

Den Schätzungen zufolge sollen drei bis zehn Prozent aller Kindern Symptome eines ADHS aufweisen, wobei das Krankheitsbild schon im „Zappelphilipp“ beschrieben wurde. Erst seit einigen Jahren wird die Diagnose jedoch zunehmend bei Kindern gestellt. Grundlage der Störung soll eine erbliche Disposition sein, wobei die Veränderungen auf neurobiologischer Ebene als striatofrontale Dysfunktion erklärt werden.

Das ADHS ist nicht auf das Kindes- und Jugendalter beschränkt, sondern wird - das ist noch ein vergleichsweise neuer „Trend“ – inzwischen immer häufiger auch bei Erwachsenen diagnostiziert. Die Erkrankung kann dabei unterschiedliche Ausprägungen aufweisen, wobei die Betroffenen offenbar mit dem Alter lernen, mit der Störung besser umzugehen und/oder sie durch gezieltes Verhalten wie beispielweise das Marathonlaufen zu kompensieren.

Fibromyalgie – diffuser chronischer Schmerz

Ein ebenfalls ernstzunehmendes Krankheitsbild, das aber oft als Verlegenheitsdiagnose angegeben wird, ist die Fibromyalgie. Die Störung ist charakterisiert durch nicht entzündliche, diffuse chronische Schmerzen, die meist von weiteren Beschwerden begleitet sind. Hierzu gehören Schlafstörungen, Müdigkeit und regelrechte Erschöpfungszustände und eine gewisse Steifheit der Glieder, die vor allem in den Morgenstunden besteht. Die Fibromyalgie wird oft dem sogenannten Weichteilrheumatismus zugeordnet, wenngleich keine entzündlichen Veränderungen bestehen. Viele Patienten geben zugleich vegetative Beschwerden an. Deren Palette ist fast unübersehbar groß und reicht von Herzklopfen über Atembeschwerden bis zum Haarausfall, einer erhöhten Infektanfälligkeit, Taubheitsgefühlen, Zahnschmerzen und einem Kloßgefühl im Hals. Auch ein Tinnitus kann auftreten, vermehrtes Schwitzen, Stimmungsschwankungen und sogar eine depressive Verstimmung. Die Schmerzen treten in wechselnden Körperregionen auf, ohne dass jedoch Organ- oder Gewebeschäden nachweisbar sind.

Diagnostiziert wird die Fibromyalgie anhand der Anamnese und der klinischen Untersuchung sowie dem Nachweis so genannter „Tender Points“ mit erhöhter Schmerzempfindlichkeit. Klar fassbare Veränderungen zum Beispiel anhand von Röntgenbildern oder Laborparametern gibt es nicht. Die Erkrankung verläuft in aller Regel langsam schleichend, ihre Ausprägung ist sehr variabel. 90 Prozent der Betroffenen sind Frauen, wobei die Störung oft schon um das 30. Lebensjahr beginnt und ihren Höhepunkt in der Zeit um das Klimakterium herum zeigt. Die Ursache der Fibromyalgie ist bislang ungeklärt.

Eine Heilung der Erkrankung ist derzeit nicht möglich. Die Behandlung erfolgt weitgehend symptomatisch, wobei die physikalische Therapie sowie die Bewegungstherapie einen breiten Raum einnehmen, ebenso wie die Patientenschulung und kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungsansätze. Bei der medikamentösen Behandlung steht die Verordnung von Antidepressiva im Vordergrund, da diese die Schmerzschwelle erhöhen.

Christine Vetter
Merkenicher Str. 224
50735 Köln

Medizinisches Wissen ist für jeden Zahnarzt wichtig. Da sich in allen medizinischen Fachbereichen ständig sehr viel tut, soll mit dieser Serie das Wissen auf den neuesten Stand gebracht werden. Das zm-Repetitorium Medizin erscheint in jeder Ausgabe zum Ersten eines Monats.

Aus Sicht der Zahnmedizin

Modekrankheiten

Es handelt sich hierbei häufig um einzelne Symptome oder Symptomgruppen, die dann als neue Krankheit bezeichnet werden und sich unter Umständen plötzlich lawinenartig in der Bevölkerung verbreiten. Die Bezeichnung entsteht entweder aus der aktuellen Zeitströmung heraus, kann von bestimmten Interessengruppen lanciert werden oder den Versuch darstellen einer Symptomatik, die mit neuen technischen Entwicklungen oder Veränderungen des Lebensstils in Zusammenhang gebracht wird, erst einmal einen Namen zu geben. Auch neue „spezielle“ diagnostische Tools können parallel hierzu wie Pilze aus dem Boden schießen. Nur ein Teil dieser Erkrankungen findet letztendlich wirklich Einzug in die Diagnoseregister. Der größere Anteil verschwindet ganz oder wird als eine spezielle Verlaufsform anderen Erkrankungen zugeordnet. Problematisch sind dabei die ubiquitäre Verbreitung und das häufig kritiklose Übernehmen dieser Diagnosen im Rahmen der Anamnese. Wichtig für den Zahnarzt sind daher sowohl die eigene aktuelle Information bezüglich der Problematik und das kritische Nachfragen hinsichtlich der stattgehabten Diagnostik und der Qualifikation der Behandler. Unter Umständen ist die angegebene Diagnose auch nur das Ergebnis des verzweifelten Versuchs von Patient und Arzt, endlich einen Namen für die Beschwerden zu finden im Sinne einer „Verlegenheitsdiagnose“. Sollten sich hieraus jedoch Einschränkungen für die zahnärztliche Behandlung ergeben wie fragliche Verträglichkeit von Medikamenten oder Materialien oder eingeschränkte Belastungsfähigkeit für die Therapiemaßnahmen, so ist eine differenzierte Abklärung sowohl hinsichtlich somatischer als auch psychischer Erkrankungen sinnvoll. Möglicherweise kann so sogar eine Zuordnung zu einer bereits bekannten Diagnose erfolgen. Alternativ kann sich jedoch auch herausstellen, dass es sich letztendlich nur um eine temporäre Befindlichkeitsstörung handelt.

Im doppelten Sinne als Modekrankheit zu verstehen und eine hohe zahnmedizinische Relevanz aufweisend sind folgende Störungen zu beachten:

Essstörungen

Hauptursachen für die Häufigkeitszunahme von Essstörungen sind vor allem das durch den gesellschaftlichen Schlankheitswahn bedingte Diätverhalten, sowie widersprüchliche Rollenerwartungen an Frauen und auch – in noch geringerem Maße – an Männer. Gleichzeitig kommt es zu einer parodoxen medial vermittelten Mischung aus Glamourisierung und Stigmatisierung. So zählen einige Autoren die klassischen Essstörungen zu Modekrankheiten, wobei es sich jedoch um sehr ernst zu nehmende Erkrankungen handelt, die zahlreiche physische und psychische Folgen beinhalten und bei bis zu 15 Prozent der an einer Anorexie Erkrankten zum Tode führen.

Orale Manifestation von Essstörungen

Bei gestörter Nahrungsaufnahme kann es zu vielfältigen metabolischen, morphologischen und funktionalen Alterationen multipler Organe und Organsysteme kommen. Im Mund kann der Mangel an für den Körper notwendigen Faktoren (vor allem an Vitaminen) zu Atrophien der Mukosa, Glossitiden, Gingivitiden und Parodontitiden führen. Das oft gehäufte, auch selbstinduzierte Erbrechen hat nicht selten Zahnerosionen, eine erhöhte Schmerz- sensibilität der Zähne sowie Karies zur Folge. Eine schmerzlose, nicht-entzündliche Sialadenose aufgrund einer peripher-autonomen Neuropathie ist bei Vorliegen von Esstörungen gehäuft zu beobachten. Sie führt neben der Schwellung auch zu einer oft verminderten Funktion der Speicheldrüse. Weitere oral zu findende Störungen können brennende Schmerzen im ganzen Mund, Glossodynien, manifeste Xerostomien und Dysgeusien sein.

PD Dr. Dr. Monika Daubländer
Universitätsmedizin KöR der
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Poliklinik für Zahnärztliche Chirurgie
Augustusplatz 2, 55131 Mainz

Dr. Peer W. Kämmerer
Klinik für Mund-, Kieferund
Gesichtschirurgie
Augustusplatz 2, 55131 Mainz



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