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01.11.14 / 00:04
Heft 21/2014 Politik
SVR zur Entwicklung des Gesundheitswesens

Landarzt in Teilzeit

Der Sachverständigenrat hat Ende September seinen jährlichen Bericht zur Entwicklung im Gesundheitswesen vorgelegt. Mit Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) diskutierten die Mitglieder die Versorgung im ländlichen Raum. Das Gutachten mit dem Titel „Bedarfsgerechte Versorgung – Perspektiven für ländliche Regionen und ausgewählte Leistungsbereiche“ widmet sich den drängendsten Fragen der Versorgung.




„Der ländliche Raum ist eine der zentralen Aufgaben der Gesundheitspolitik“, stellte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe gleich in seinem Grußwort zur Vorstellung des Versorgungsgutachtens Ende September in Berlin klar. Darunter verstehe er eine dauerhafte und vom Wohnort unabhängige Versorgung. „Hierzu brauchen wir“, so der Minister, „vor allem eine Stärkung der Allgemeinmedizin und der Pflege.“

Damit nannte der Politiker bereits die Kernthemen beziehungsweise die Kernherausforderungen für die Gesundheitsversorgung, denen sich der Sachverständigenrat in seinem Gutachten gewidmet hatte. Unter dem Titel „Bedarfsgerechte Versorgung – Perspektiven für ländliche Regionen und ausgewählte Leistungsbereiche“ hatte der Rat die Entwicklungen im Gesundheitswesen analysiert und verschiedene Lösungsansätze für die Verbesserung der Versorgung erarbeitet.

Allgemein betrachtet zählt Deutschland immer noch zu einem der Länder mit der besten medizinischen Versorgung. Der Rat hat in dem Gutachten daher eine Definition von Fehlversorgung formuliert. „Unabhängig vom Niveau des objektiven Bedarfs handelt es sich um eine Fehlversorgung, wenn die Gesundheitsleistungen nicht sachgerecht beziehungsweise mit der erforder-lichen Qualität erbracht werden.“

„Um die Allgemeinmedizin aufzuwerten, müsse man schon im Studium ansetzten“, sagte Ratsmitglied Prof. Ferdinand Gerlach. Er benannte vier konkrete Interventionspunkte:

• Zunächst sei zum Medizinstudium ein verpflichtendes Vorpraktikum bei einem Hausarzt nötig, um sich ein Bild von der Arbeitsrealität zu machen.

• Außerdem müsse ein Quartal des Praktischen Jahres obligatorisch für die Allgemeine Medizin reserviert werden.

• Um die Weiterbildung zum Allgemeinmediziner attraktiver zu machen, müsse man sie außerdem verkürzen. Dadurch ließe sich laut Gerlach „zeitnah was erreichen“.

• Und die Weiterbildung müsse besser integriert werden. Beispielsweise in Kompetenzzentren zur Weiterbildung wie in Baden-Württemberg oder Hessen (siehe Kasten nächste Seite).

Keine Angst vor der Allgemeinmedizin

Doch auch in den Köpfen müsse ein Wandel stattfinden. Gerlach sprach von einer „Entängstigung“ bei Fragen der Allgemeinmedizin. Viele Studierende würden sich einerseits vor der Komplexität der medizinischen Anfragen fürchten, andererseits gebe es aber auch viele Vorbehalte bezüglich einer Alltagsmonotonie eines Hausarztes. Vor allem aber bestünden Ängste davor, mit der Bürokratie und dem ökonomischen Risiko einer Allgemeinmedizinerpraxis allein gelassen zu werden.

Genau an diese Sorgen und Nöte versucht der Rat mit seinem Konzept der lokalen Gesundheitszentren (LGZ) anzuknüpfen. Das bislang noch feinmaschige Versorgungsnetz an Fach- und Hausärzten soll auf Knotenpunkte verdichtet werden. Diese sollen „zur Primär- und zur Langzeitversorgung im ländlichen Raum“ beitragen. Mit den Worten der Experten heißt das: „Mit Blick auf innovative Versorgungskonzepte bietet sich der national wie international bereits bewährte Weg einer gewissen Zentralisierung medizinischer Versorgungsangebote mit dem Ziel, effizientere und insgesamt leistungsfähigere Strukturen auf hohem Qualitätsniveau zu schaffen, an.“

Ein dünneres Versorgungsnetz hat eine höhere Mobilität der Patienten zur Folge. Als Lösung hierfür werden vom Rat verschiedene mobile (Hol- und Bring-)Dienste beziehungsweise „mobile Sprechstunden“ erwogen.

In der Vorstellung des Rates, können die LGZ, je nach lokal vorherrschendem Versorgungsangebot, unterschiedliche „Kristallisationspunkte und Ausprägungen“ haben. Die Gesundheitsexperten sehen zwei verschiedene LGZ-Typen vor: praxisgestüzte Zentren für die primäre und ambulante Versorgung und stationärgestützte Zentren für die sektorübergreifende, langfristige Versorgung.

Insbesondere die Weiterentwicklung von Berufsausübungsgemeinschaften, Praxisgemeinschaften beziehungsweise Ärztehäusern und Medizinischen Versorgungszentren oder auch Praxiskliniken könne für die praxisgesützten Zentren ein Ausgangspunkt sein. Für die pflegerische Versorgung gelte Ähnliches.

Zum Außendienst von der Stadt aufs Land

Voraussetzung für diese Visionen ist jedoch, dass auch genug junge Mediziner aufs Land kommen. Und genau daran fehlt es im Moment noch. Neben monetären Anreizen setzen die Experten auch auf flexible Arbeitsmodelle. Punktuelle Einsätze im periphären LGZ, entsprechend dem „Außendienst“ von Vertrieblern, könnten für einige junge Mediziner aus Ballungsräumen durchaus interessant sein. Konkret sieht das Gutachten vor, dass die jungen Mediziner aus den Großstädten aufs Land fahren, dort ein oder zwei Tage arbeiten, und gegebenenfalls in einem Zimmer im LGZ übernachten.

„Ich halte diese Vorschläge sowohl für realistisch als auch für sehr attraktiv“, sagt Dr. med. Sonja Strothotte, Sprecherin der jungen Allgemeinmedizin Deutschland (JADE). „Die Hausarztpraxis der Zukunft ist eine Gemeinschaftspraxis, der Trend geht ganz eindeutig dahin“, erläutert Strothotte. Viele Kollegen und vor allem Kolleginnen würden – zumindest vorübergehend – eine Tätigkeit im Angestelltenverhältnis bevorzugen.

In jedem Fall biete ein LGZ an einem zentralen Ort verschiedene ambulante und gegebenenfalls stationäre Versorgungsangebote unter einem Dach oder auf einem Campus. Der Rat betont, es sollen möglichst alle für eine umfassende Versorgung besonders der älteren und chronisch erkrankten Bevölkerung erforderlichen medizinischen, pflegerischen und sozialen Angebote sowie weitere Gesundheitseinrichtungen integriert oder assoziiert sein.

Eine stark interdisziplinäre Ausrichtung des am LGZ beschäftigten Gesundheitspersonals soll effektives Arbeiten im Team fördern. Die ambulante ärztliche Versorgung soll in erster Linie durch niedergelassene Haus- und grundversorgende Fachärzte, die im Umfeld des Krankenhauses angesiedelt und mit diesem vernetzt sind, sichergestellt werden.

Die Arbeit des Landarztes richtig wahrnehmen

Der Rat setzt auf die Erforschung innovativer Versorgungsmodelle durch den Innovationsfonds. Das bietet „einen hervorragenden Ausgangspunkt für die systematische Implementation neuer Versorgungsmodelle im ländlichen Raum“.

Strothotte bezweifelt, dass diese Maßnahmen allein ausreichen werden, das Bild des Landarztes bei jungen Medizinern zu verbessern. Denn Image ist „eine schwer greifbare oder direkt steuerbare Sache“. Ihrer Meinung nach wäre grundsätzlich etwas mehr Anerkennung für die Leistung des Hausarztes sinnvoll. Vor allem im ländlichen Bereich, wo Patienten von der Wiege bis zur Bahre behandelt werden, sollte die Arbeit des Landarztes als das wahrgenommen werden, was sie ist: ein sehr anspruchs- und verantwortungsvoller Beruf.

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Info

Weiterbildung im Verbund

Das Kompetenzzentrum „Verbundweiterbildung Plus“, ist ein netzwerkartiger Zusammenschluss der fünf medizinischen Fakultäten in Baden-Württemberg zur Förderung von Forschung, Lehre, Weiter- und Fortbildung in der Allgemeinmedizin.

Der Verbund will dem allgemeinmedizinischen Nachwuchs eine strukturierte, kontinuierliche und qualitativ hochwertige Weiterbildung bieten. Ziel ist, damit die Hausarztversorgung für die Zukunft nachhaltig zu sichern. Dies soll durch die Etablierung regionaler Verbünde bestehend aus stationären und ambulanten Weiterbildungsstätten und durch eine Anbindung an universitäre Strukturen erreicht werden.

Das Kompetenzzentrum wird aus Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg gefördert und wird von der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung der Universität Heidelberg koordiniert.



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