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16.09.12 / 12:40
Heft 18/2012 Zahnmedizin
Prophylaxekonzepte für Kinder

Lernen mit dem roten Faden der Freude

Die Kinder von heute sind die Patienten von morgen. An dieser Tatsache ändert sich nichts. Doch die Kinder verändern sich. Der Autor und Seminarleiter Karl-Heinz Paul steht seit 25 Jahren als Kinderclown Carlo Mausini auf der Bühne. Sein Markenzeichen sind einfache Botschaften zur Mundgesundheit. Die zm haben ihn während der Vorbereitungen zu seiner neuen Tournee besucht.




Schon als er selbst noch Kind war, hat Mausini gern für andere Kinder Theater gespielt. In der Schule war er der Klassenclown, weil er „ein Gefühl für die Pointen hatte“. Seit 1983 steht er professionell als Clown auf der Bühne. Explizit für die Mundgesundheitspädagogik ausgebildet ist er seit dem Jahr 1988. Damals wurde eine Landesarbeitsgemeinschaft für Zahngesundheit durch ein Rundfunkinterview auf ihn aufmerksam. Ein ganzes LAG-Team besuchte darauhin Paul. Sein emotionaler Zugang zu den Themen „Bewegung“ und „Gesunde Ernährung“ war inspirierend und nachahmenswert für die Fachkräfte aus der Gruppenprophylaxe. Und er selbst entschied sich daraufhin, sein bestehendes Wissen in den Prophylaxeunterricht einzubringen und sich im Bereich der Gesundheitserziehung zu schulen. Ziel seiner Programme ist es, Kinder, Eltern und Päda- gogen zu einer positiven Einstellung von Gesundheit, Körper, Seele und Geist zu führen und die Freude an der Eigenverantwortung zu stärken.

Sein pädagogisches Konzept beruht auf der Übermittlung von altersgerecht aufgebauten Botschaften. Rhythmik und Reim sind wichtige Faktoren – eingebettet in Lieder und Mitspielaktionen, die immer auf einem „roten Faden der Freude“ basieren. Denn Freude, das habe die neuere Forschung festgestellt, werde im Hippocampus abgespeichert und sei dort länger abrufbar, sagt Mausini. Das gelte für Kinder, aber auch für Erwachsene. Mit Druck Erlerntes werde dagegen im Kurzzeitgedächtnis gespeichert und sei nur kurzzeitig abrufbar. Um dieses pädagogosche Prinzip entwickelt Paul Spiele und Unterrichtsmodule zu unterschiedlichen Themen der Gesundheitsförderung.

Ein wichtiger Aspekt in seiner Arbeit ist die Förderung des Selbstwertgefühls. Paul: „Das Selbstwertgefühl jedes Menschen ist wesentlich, um mit anderen so in Kommunikation zu treten, dass man auch anerkannt wird. Kleine Kinder anderen Kindern gegenüber, aber auch älteren Kindern, Erwachsenen und den Pädagogen gegenüber.“ Paul animiert das Selbstwertgefühl, indem er den jungen Menschen Erfolgsmomente verschafft. Im Sinne des „Angstfreien Lernens“ stellt er Fragen, in denen die Antworten bereits enthalten sind. Bei ganz kleinen Kindern dürfen Kandidaten in Mitspielaktionen eine Zahnputzbewegung demonstrieren. In Gruppen mit vielen Migrantenkindern steht die Geräusch- und Lautbildung nach dem Prinzip „Einer macht vor – die anderen machen nach“ im Vordergrund.

„Dort wird das Selbstwertgefühl insofern gefordert, als dass die Kinder wirklich merken und spüren, dass sie eine Gruppe führen und dass ihnen die Gruppe antwortet. Wenn dann das nächste Kind dran ist, lernen die Kinder, sich auch führen zu lassen. Durch viele solche kleinen auf den ersten Blick unscheinbaren Erfolgserlebnisse bilden sich die Persönlichkeiten, die unsere Gesellschaft für die Zukunft braucht“, ist Paul überzeugt.

Mit Blick auf die Kinder aus Familien mit einem anderen ethnischen Hintergrund ergänzt er: „In der Schule ist die Tendenz da, diese Kinder zu integrieren, weil es wichtig ist, dass sie die deutsche Sprache lernen. Aus diesem Grund sind meine Lieder und Gedichte in einfacher Sprache aufgebaut – mit Rhythmus und Reim, denn das prägt sich ein.“ So habe diese Gruppe die Chance, sich die Texte besser zu merken. Doch auch deutschsprachige Kinder hätten Sprachentwicklungsdefizite. In der Gruppenprophylaxe könnten jedoch alle in einem Klang-Sprach-und-Liederfeld agieren. In diesem aktiven Moment würden sich in der Gruppe nicht mehr voneinander unterscheiden.

„Bei deutschsprachigen Kindern wird in den Familien oftmals nur noch sehr wenig miteinander gesprochen und auch oftmals nur im Befehlston, beobachtet der Aktionskünstler. „Sei ruhig! Putz die Zähne! Geh schlafen!“ seien Apelle, die anstelle von ganzen Sätze fielen. Dadurch verlören Kinder das Vertrauen in die eigene Sprache und in den Sprachfluss. „Insgesamt hat sich der Anteil der Kinder mit Sprachentwicklungsdefiziten in den letzten zwanzig Jahren versechsfacht“, berichtet Paul und verweist auf Studien. Als Konsequenz würden in zunehmend mehr Kindergärten Sprachstandsermittlungen durchgeführt, um den geeigneten Zeitpunkt für die Intervention vor dem Schulbeginn zu ermitteln.

In seinen neuen Programmen ergänzt Paul die Bausteine zur Mundgesundheit um Elemente zum Thema „Hören“. Hintergrund: Viele Kinder gingen – auch im Zuge der gestiegenen Nutzung neuer Medien – unachtsam mit ihrem Hörorgan um. Unter medizinisch-wissenschaftlicher Betreuung von Dr. Lutz Wilden (Bad Füssing) hat Paul 2009 ein Lernbilderbuch herausgegeben. Bereits ein Jahr zuvor ist ein entsprechendes Buch zu den Vorgängen in der Mundhöhle entstanden. Für Erzieherinnen in Kindergärten werden „Sprachspiel-Seminare“ und für Grundschullehrer „ABC-Gesundheitsseminare“ durchgeführt. Mit Gesundheitsämtern arbeiten Paul und sein Team bundesweit sowie in der Schweiz, in Österreich, Belgien und Luxemburg in Seminaren im Rahmen der Prophylaxe-Arbeit zusammen.sf



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