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01.08.06 / 00:13
Heft 15/2006 Medizin
Präventivmedizin

Lübecker Aktionsplan Schlaganfallprävention gestartet

Bis zum Jahr 2025 soll nach dem Willen der Gründer des Aktionsplans Schlaganfallprävention 2006 bis 2025 jeder zweite der jährlich 140 000 Schlaganfälle in Deutschland vermieden werden. Die Gründung vollzogen am 3. Mai 2006 Mitglieder der Vorstände aller federführenden Fachgesellschaften und Kassen.




Am 3. Mai dieses Jahres versammelten sich im Lübecker Buddenbrook-Haus mit den Professoren Günther Deuschl, Kiel, Peter Dominiak, Lübeck, Rainer Kolloch, Bielefeld, Joachim Schrader, Cloppenburg, Heribert Schunkert, Lübeck und Stefan Willich, Berlin, Vertreter aller in Fragen der Schlaganfallprävention federführenden wissenschaftlichen Gesellschaften. Es waren damit Vorstandsmitglieder der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin und der Deutschen Hochdruckliga zusammen mit führenden Repräsentanten der Stiftung Deutsche Schlaganfall- Hilfe (Markus Wagner, Gütersloh) sowie der Allgemeinen Ortskrankenkasse (Susanne Wiltfang, Kiel) vertreten.

Das hohe Ziel dieses Aktionsplans ist es, durch umfassende Aufklärung der Öffentlichkeit dahin zu wirken, dass vermeidbare Risiken des Schlaganfalls so weit als möglich eliminiert werden. Dieser Plan hat nicht nur eine große Bedeutung für die Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung. Sein Effekt wird sich bereits nach wenigen Jahren durch erhebliche Einsparungen in den Gesundheitskosten auswirken.

Zu verändern: der Status quo

In nüchternen Worten werden im Aktionsplan die Fakten der heute unbefriedigenden Situation festgehalten: 40 Prozent der jährlich gut 140 000 Patienten, die einen Schlaganfall erleiden, sterben im ersten Jahr nach dem Ereignis. Damit ist der Insult die dritthäufigste Todesursache hierzulande. Jeder vierte Patient wird für immer behindert oder als Pflegefall aus der Klinik entlassen. Jeweils jeder dritte Patient muss alltägliche Fertigkeiten wie Sprechen, Laufen oder Schreiben neu erlernen. Auf diese Weise werden die meisten überlebten Schlaganfälle nicht nur zu einem persönlichen Einbruch, sondern zu einer familiären Katastrophe.

Beim wichtigsten veränderbaren Risikofaktor, dem Bluthochdruck, sind bislang nur 20 Prozent der Patienten ausreichend behandelt. Beim Rest der Patienten werden zu wenig wirksame Maßnahmen angewandt – oftmals sogar bewusst unter dem Druck kurzfristiger Sparziele.

Diese kurzfristig wirkende Sparsamkeit bei der Behandlung der Hypertonie trägt dazu bei, dass der Schlaganfall derzeit jährlich in Deutschland allein die Sozialversicherungssysteme mit mehr als sieben Milliarden Euro belastet – gar nicht zu reden von den zusätzlichen Belastungen für die Pflegenden und die Verluste an Lebensqualität für Patienten und Betreuer.

Vorbeugung rechnet sich

Dass die Vorbeugung des Schlaganfalls sich rechnet, erläuterte Prof. Willich, der als Epidemiologe, Internist und Fachmann für das. Öffentliche Gesundheitswesen an der Berliner Charité das Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie leitet. Nach seinen Berechnungen verursacht ein Schlaganfall im Durchschnitt pro Patient im ersten Jahr Kosten von 18 000 Euro, von denen selbst bei optimaler Einstellung mit Medikamenten lediglich knapp 1 300 Euro (sieben Prozent) auf die medikamentöse Versorgung fallen. Im Laufe der weiteren Behandlungsjahre addieren sich die direkten medizinischen Kosten eines durchschnittlichen Schlaganfall-Patienten auf insgesamt 43 000 Euro.

Die bereits genannten Gesamtkosten des Schlaganfalls von sieben Milliarden Euro ließen sich effektiv senken, würde man den bekannten und auch den noch nicht entdeckten Hypertonikern eine ausreichende Behandlung zukommen lassen, die zur Normalisierung ihrer Blutdruckwerte führt. Das würde in Deutschland nach Berechnungen der Berliner Gesundheitsforscher zusätzliche Medikamentenkosten von höchstens fünf Millionen Euro verursachen.

Auf den ersten Blick erkennt man die unterschiedliche Größenordnung der Kosten für eine wirksame Prävention im Vergleich zur Kostenbelastung durch den Schlaganfall. Diese ist um den Faktor 1000 höher. So wird allein an dieser Diskrepanz deutlich, dass sich die konsequente Prävention „rechnen“ müsste. Was auf den ersten Blick klar ist, wurde auch an verschiedenen gesundheitsökonomischen Modellen durchgerechnet.

Prof. Willich zeigte den Kostenverlauf einer solchen Intervention an der allgemeinen, auch hier gültigen Gesetzmäßigkeit des Verhältnisses von kurzfristigen höheren Aufwendungen und langfristigen Ersparnissen (siehe Grafik). Würde man also eine derartige Präventionsaktion des Schlaganfalls voll finanzieren, ergäbe sich in den ersten ein bis zwei Jahren eine fühlbare Steigerung der Kosten, die dann jedoch durch eine wesentlich stärkere und vor allem anhaltende Reduktion der Aufwendungen abgelöst würde.

Da sich bislang bei den Repräsentanten des Gesundheitswesens über Lippenbekenntnisse hinaus kaum Anstrengungen in Richtung Prävention abzeichneten – jedenfalls dann nicht, wenn sie richtig Geld kosteten – soll der Lübecker Aktionsplan Schlaganfallprävention hier den Willen und den Weg zeigen, dies wirksam zu ändern.

Neben der energischen Aktion gegen die Hypertonie umfasst der Aktionsplan noch eine ganze Reihe weiterer Maßnahmen gegen die vermeidbaren Ursachen des Schlaganfalls. Genannt seien hier die Bekämpfung folgender Risiken: Diabetes mellitus, Vorhofflimmern, Rauchen, Hypercholesterinämie, Bewegungsmangel, Übergewicht (vor allem ein zu großer Taillenumfang) und übermäßiger Alkoholkonsum.

Ansprechpartner zum Thema der AOK-Studie „Gesund leben – Diabetes vermeiden“, die auf die Rolle des am Taillenumfang berechenbaren Risikos einer Insulinresistenz hinweist (das ist eine Vorstufe des Diabetes, eines der Hauptrisiken für einen Schlaganfall), sind die Pressestelle der AOK Schleswig- Holstein (Jens.Kuschel@sh.aok.de) sowie die Pressestelle des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf (pressestelle@ uke.uni-hamburg.de).

Bei allen übrigen Fragen und Kontakten hilft weiter: Iris Schürger von Medizin & PR (iris.schuerger@medizin-pr.de).



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