HANNA HERGT / SONJA SCHULTZ
01.01.16 / 00:06
Heft 01/2016 Titel
Dr. Michael P. - Zahnarzt

„Manche Preise sind wirklich unfassbar“



vivat - Fotolia

Warum haben Sie sich entschieden, Ihre Leistungen auch auf einem zahnärztlichen Auktionsportal anzubieten?
Dr. Michael P.:
Zahnärzte haben im Gegensatz zu den Humanmedizinern in der Regel keinen Überweiser. Daher ist es zur Existenzsicherung notwendig, in gewissen Maßen Akquise zu betreiben. Dabei stellen Auktionsportale nur ein Standbein in der Akquise von Neupatienten dar. Sicherlich ist die besagte Mund-zu-Mund-Propaganda die etablierteste und beste Möglichkeit, seine Praxis und seinen Ruf zu festigen. Nur dauert sie zum einen zu lang und ist zum anderen nicht direkt steuerbar.
Und die Preisfrage ist und bleibt für den Großteil der Patienten das ausschlaggebende Kriterium, eine Behandlung zu beginnen. Wer das nie hinterfragt hat, hat vermutlich alle Schäfchen im Trockenen.

Die zahnärztlichen Standesvertretungen sehen die Portale sehr kritisch. Wie schätzen Sie diesen Standpunkt ein?
Eine Veränderung ist immer eine Bedrohung für die, die Gefahr laufen, Geld oder Einfluss zu verlieren. Das trifft nicht nur in der Politik zu, sondern ist auch bei den Zahnärzten ein reales Thema. Ich möchte nicht polemisch werden, aber die standespolitische Steuerung gegen Portale dieser Art hilft wenigen.

Haben sich Wettbewerb und Preiskultur durch die Internet-Auktionen spürbar verändert?

Nein, außer dass manchmal wirklich verrückte Kostenvoranschläge einiger Kollegen den Weg über das Internet zu mir finden. Manche Preise sind wirklich unfassbar. Kostenvoranschläge mit Summen an die 50.000 Euro sind mir schon öfter vorgelegt worden.

Gibt es aus Ihrer Sicht etwas, das am Portal-System verbessert werden könnte?
Es gibt immer einiges zu verbessern. Anregungen bekommen Portalbetreiber sicherlich zur Genüge. Mein Favorit wäre eine zwischengeschaltete Treuhand-Gesellschaft, die Zahnärzten entsprechende Zahlungssicherheiten der Patienten bietet. Aber eine Vorkasse ist gegebenenfalls schwer zu vermitteln und könnte auf Patienten unseriös wirken.
Jedenfalls gibt es unter den Internet-Patienten auch gehäuft Zahlungsunwillige. Die Vorstellung eines sicheren Factorings einer angefragten und genehmigten Rechnung ist ja bekanntlich auch ein Luftschloss.

Was wäre Ihr Wunsch für die Entwicklung der deutschen Zahnmedizin generell?
Weniger Reglementierungen, weniger Dokumentation, weniger Fortbildungspflicht. Das Geschäft, das sich in diesem Bereich entwickelt hat, ist überflüssig. Ich möchte nicht erst zu einer Fortbildung aufbrechen können, nachdem ich meine Staubschutzdichtungen im Sterilisationsraum kontrolliert habe. Das hat mir nämlich meine sündhaft teure QM-Software morgens aufs Handy gesimst.



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