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16.08.02 / 00:15
Heft 16/2002 Medizin
Epidemie durch Impfmüdigkeit

Masern – die unterschätzte Gefahr

Die weit verbreitete Vorstellung, Masern seien eine harmlose Kinderkrankheit, ist leider falsch. Den aktuellen Beweis liefert die Masern-Epidemie, die im November letzten Jahres unter den 135 000 Einwohnern des oberfränkischen Stadt- und Landkreises Coburg ausgebrochen war. Bald darauf waren bereits über 660 Menschen erkrankt, davon 65 Prozent Kinder. Bei etwa jedem Zehnten traten Komplikationen auf, wie Lungenentzündungen oder Mittelohrentzündungen, viele mussten ins Krankenhaus.



Wer geimpft ist, wird so nicht aussehen. Masern und ihre Spätfolgen sind nicht zu unterschätzen. Foto: Luba

Masern könnten aber durch Impfungen verhindert werden. Wie konnte es dann zu diesem Ausbruch kommen? Prof. Dr. Rüdiger von Kries, Epidemiologe des Münchner Kinderzentrums, ging dieser Frage nach. Seine Recherchen offenbaren eine Verkettung ungünstiger Umstände:

• Die Masernwelle begann in einer Waldorfschule. Die Kinder von anthroposophisch eingestellten Eltern werden jedoch seltener gegen Masern geimpft als ihre Altersgenossen.

• Von den fünf Kinderärzten in Coburg praktizieren zwei nach naturheilkundlichen Medizinrichtungen und lehnen die Masernimpfung ab.

• Als Folge davon werden in Coburg weniger als 75 Prozent der Kinder gegen Masern geimpft.

• So waren auch fast alle von der aktuellen Masernepidemie Betroffenen ungeimpft, 85 Prozent hatten eine Impfung ausdrücklich nicht gewünscht.

Komplikationen

Die am meisten gefürchtete Komplikation von Masern ist in Coburg glücklicherweise ausgeblieben: Gegen die lebensbedrohende Gehirnentzündung (Masernenzephalitis) gibt es nach wie vor kein spezifisch wirksames Medikament. Experten rechnen auf 500 bis 2 000 Masernerkrankungen einmal mit einer Masernenzephalitis. Die Sterblichkeit liegt bei dieser schweren Komplikation bei zehn bis 20 Prozent, bei den Überlebenden kann es schwerwiegende Spätfolgen und geistige Behinderungen geben.   

Die Kinder und Erwachsenen in den Nachbargemeinden um Coburg herum sind von der Masernwelle verschont geblieben. Dort liegt nämlich die Durchimpfungsrate laut Prof. von Kries weit über 90 Prozent und damit noch über dem bayerischen Durchschnitt. Wenn so viele Menschen gegen die Krankheit geschützt sind, entsteht eine so genannte Herdimmunität, die eine epidemische Ausbreitung der Krankheitserreger verhindert. Den Beweis liefert der unterfränkische Stadt- und Landkreis Würzburg mit einer vergleichbaren Einwohnerzahl. Dort sind seit Jahresbeginn lediglich ganze vier Masernfälle aufgetreten.

WHO will Schutzimpfung

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat sich zum Ziel gesetzt, neben Kinderlähmung und Diphtherie auch die Masern in absehbarer Zeit auszurotten. Dazu müssen 95 Prozent aller Kinder und Jugendlichen eines Landes gegen Masern geimpft sein. In den USA und in vielen europäischen Ländern und sogar in Mexiko ist das bereits der Fall, in Deutschland allerdings nicht, beklagt der Mainzer Kinderarzt Prof. Dr. Heinz-J. Schmitt, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission STIKO beim Robert- Koch-Institut: „In Expertenkreisen gilt Deutschland als Entwicklungsland, weil es bei uns noch Masern-Epidemien gibt und weil hier zu Lande noch Kinder an Masern sterben. Wir haben das Image eines kinderfeindlichen Landes – nicht weil wir keine Spielplätze haben, sondern weil wir Kinder vor vermeidbarer Behinderung und sogar Tod nicht schützen.“ Nach einer repräsentativen Umfrage gehören nur 1,5 bis vier Prozent der Eltern in Deutschland zu den strikten Impfgegnern, mehr als die Hälfte aller Eltern fühlt sich aber unzureichend über das Impfen informiert. Hier soll ein soeben im Internet eingerichtetes Impfportal Abhilfe schaffen. Es soll Eltern die Angst vor der Impfung nehmen und über die Risiken fehlender Impfungen aufklären. Unter der Web-Adresse www.gesundes-kind.de können sich Eltern über Impfschutz und Kindergesundheit umfassend informieren. Die wissenschaftliche Beratung liegt bei der Kinderklinik der Universität Mainz. 

Lajos Schöne
Gestäckerstraße 19
81827 München

 



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